Joey Goebel: Heartland

Ein Familienroman über Politik, Flohmärkte und große Lebenslügen

Joey Goebel: Heartland - Diogenes Verlag
Joey Goebel: Heartland - Diogenes Verlag
Der reiche Politiker John Mapother hat keine Ahnung von der Welt seiner Wähler. Im Roman "Heartland" soll ihm daher sein verstoßener Bruder im Wahlkampf helfen.

In einem kleinen fiktiven Provinznest namens Bashford mitten in Amerika lebt die mächtige Familie Mapother. Henry Mapother ist der elftreichste Amerikaner und Chef eines Zigarettenkonzerns. Sein ältester Sohn, John Mapother, will in den amerikanischen Kongress gewählt werden, während sein jüngerer Sohn, Eugene Dewitt Mapother, genannt Blue Gene, sozusagen das schwarze Schaf der Familie ist und ein bescheidenes Leben führt.

Die Extreme: Flohmarkt versus Großkonzern

Der 27-jährige Blue Gene Mapother lebt in einem Trailerpark und verdient sich seinen Unterhalt mit dem Verkauf von Spielzeug aus seinen Kindertagen auf Flohmarktständen. Er liebt, typisch amerikanisch, Monstertrucks und Wrestling. Den Kontakt zu seiner reichen Familie hat er vor Jahren abgebrochen. In seinem geruhsamen Flohmarkt-Leben passiert daher nichts Auffälliges, bis seine Mutter eines Tages bei ihm aufkreuzt und ihn bittet, am Wahlkampf seines Bruders John teilzunehmen, der ins Repräsentantenhaus einziehen soll. Die Familie Mapother erhofft sich durch seine Hilfe, die einfachen Leute im Wahlkampf zu erreichen und an Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Tatsächlich, nach anfänglichem Zögern willigt Blue Gene ein, seinem Bruder zu helfen. So viel sei verraten.

Joey Goebel macht in ihrem Roman "Heartland" aus den Mapothers eine extreme Familie, sodass sich die Leser an TV-Serien wie Dallas oder Denver Clan erinnert fühlen. Machttrieb, Intrigen und Liebesgeschichten bestimmen den Roman. Und dennoch stellt Goebel die Figuren erschreckend realistisch dar, ohne sie lächerlich zu machen.

"Heartland" – ein ungeniertes Sinnbild auf das ländliche Amerika

Zu Anfang des Buches beschreibt Goebel ausgelassen und ohne jegliche Umschweife das ganz alltägliche Leben in einer 50.000-Einwohner-Stadt im südlichen Mittleren Westen Amerikas. Er rezitiert eine Lebensweise weit weg von den Metropolen an den Küsten. Diese Darstellung des Alltags in "Heartland“ – ein anderes Wort für den Mittleren Westen – ist äußerst gelungen. Einen Alltag in einer Kleinstadt, in der Worte wie Freiheit und Patriotismus noch sehr hoch gehalten werden. Hier legt die zumeist weiße Bevölkerung noch Wert auf religiöse Moralvorstellungen, die Haltung der meisten Bewohner ist äußerst konservativ. So ist es wohl kein Wunder, dass das beiläufige Eintauchen in mehr und mehr Details der Familiengeschichte einem dunklen Familien-Geheimnis auf die Spur kommt, das so gar nicht zum Wahlkampf und damit zur streng konservativen Lebensart der Einwohner passt. Daher entwickeln sich ab diesen Punkt, auch jegliche Dinge anders als geplant und vom Leser erwartet.

Skandale wie im wahren Wahlkampf

Joey Goebel zeigt in seinem Roman „Heartland“ auf, wie die politischen Eliten der USA, die meist wohlhabenden Familiendynastien entstammen, die Unterschicht ausnutzen, um ihre persönlichen Interessen durchzusetzen. Er schildert die Scheinheiligkeit des angehenden Kongressmannes, der öffentlich von Wahrheit spricht, während sein Familienleben selbst auf Lebenslügen aufbaut. Der Skandal der fiktiven Familie Mapother erinnert stark an die Nachrichten rund um die Familienverhältnisse der konservativen Vizepräsidentschaftskandidatin Palin. Ob dies alles nur ein Zufall ist oder auf ausgiebigen Recherchen vom Autor beruht sei dahingestellt. Jedenfalls erschien der neue Roman von Goebel in den USA am 4. Juli 2008.

Blue Gene ist der Held im Roman „Heartland“

Den Fokus in diesem Werk legt Joey Goebel ganz klar auf den Außenseiter: Blue Gene. Mit ihm entwickelte er eine Figur, die sich von einem etwas dümmlich und faul wirkenden typischen amerikanischen Redneck zu einem sozial verantwortlichen Menschen entwickelt. Blue Gene liefert zwar einerseits einen vermeintlich amerikanischen Lebensstil, er ist patriotisch, liebt Bier und Wrestling, jedoch verkörpert er andererseits seinen ganz eigenen Typ. Das macht ihn zu einem sympathischen Helden.

Joey Goebel hat in seinem amerikanischen Roman "Heartland“ eine durch und durch lebendige, atmende Welt geschaffen. Durch die Verwendung vieler Dialoge werden die über 700 Seiten aufgelockert, der Roman liest sich flüssig und einfach. Auffallend gelungen daran ist, dass Goebel sich unterschiedlicher Umgangssprachen je nach sozialem Status der Figuren bedient.

Joey Goebel: Heartland. Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog. Diogenes Verlag 2009. Gebunden, 714 Seiten. Euro 22,90.

Melanie Bürkle, Melanie Bürkle

Melanie Bürkle - Hallo! Seit November 2008 gehöre auch ich als Freie Autorin zu den Suite101-Autoren. Nach meinem Abitur 1999 absolvierte ich ...

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