Bereits 1868 wurde Brahms' Requiem im Bremer Dom uraufgeführt. Bis heute zählt es zu den beliebtesten geistlichen musikalischen Werken. Woher diese Faszination rührt? Daher, dass Hörende hier Musik als diesseitige Offenbarung erfahren dürfen. Als durchaus irdischen Trost, wenn Tod und Vergänglichkeit übermächtig werden. Denn Brahms geht es nicht allein um das Selig-Werden der Toten, sondern um den wahren Trost für die Überlebenden.
Uraufführung und theologische Bedenken
Am Karfreitag 1868 wurde "Ein Deutsches Requiem" von Johannes Brahms im Bremer Dom uraufgeführt. Der Bremer Domorganist und Musikdirektor Carl Reinthaler (1822-1896) leitete die Uraufführung und war begeistert von Brahms’ Musik. Allerdings äußerte er bereits 1867 in einem Brief an Brahms theologische Bedenken: Es fehle das Zentrum des christlichen Glaubens, der Erlösertod Christi.Und er bittet Brahms, einen Satz mit entsprechendem Inhalt hinzuzufügen. (Vgl.: Johannes Brahms im Briefwechsel mit Karl Reinthaler u.a., hg. von Wilhelm Altmann, Berlin 1908, hier: S. 8)
Brahms' ureigenes Theologieverständnis
Aber Brahms weigert sich, diese rechtgläubig versöhnlich ausgestreckte Hand zu ergreifen: Vielmehr legt er selbstbewusst nach: "Was den Text betrifft, will ich bekennen, dass ich recht gern auch das 'Deutsch' fortließe und stattdessen den 'Menschen' setzte…" Das Adjektiv "deutsch" braucht Brahms jedoch als Hinweis darauf, dass er sich bewusst für Luthers deutsche Übersetzung der Bibelstellen entschieden hat – und nicht, wie bisher üblich, für die tradierte lateinische Requiem-Fassung, die auch in ihrer Textabfolge streng festgelegt gewesen wäre.
Daraus darf aber keineswegs gefolgert werden, dass Brahms’ Requiem nun als entschieden protestantisches Werk zu verstehen ist. Vielmehr verzichtet er bewusst darauf, den Erlösertod Christi zu thematisieren: "(Ich entbehrte) mit allem Wissen und Willen Stellen wie z.B. Joh 3, 16 – Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." (Johannes Brahms im Briefwechsel mit Karl Reinthaler u.a., hg. von Wilhelm Altmann, Berlin 1908, hier: S. 10) Zwar respektiert er die Bibelworte – nicht zuletzt in der bewunderten lutherischen Sprache – aber eben als Menschheitsdokument, verfasst von "ehrwürdigen Dichtern", deren Gestalt es künstlerisch zu respektieren gilt. (a.a.O., S. 10)
Die musikalische Tradition des Oratoriums
Damit erinnert er an die Gattungstradition des Oratoriums. Einer Form, die traditionell davon lebt, dass Worte biblisch inspiriert sind um ihre musikalische Wirkung zu entfalten. An die Stelle liturgisch vorgegebener Texte tritt aber bei Brahms ein völlig neuer Aspekt der geistlichen Musik: Die persönliche, individuelle Sichtweise des Musikers.
..... denn sie sollen getröstet werden – Der trauernde Mensch im Mittelpunkt!
Zugespitzt formuliert: Die Bibel – als Menschheitsdokument gelesen – wird weltlicher, säkularer. Die Musik aber, die diese Worte in Töne fasst, wird heiliger, sakraler und auch deutlich gefühlsbetonter. Denn Brahms liegt nicht primär das Seelenheil der Toten am Herzen, sondern das Getröstet Werden der Überlebenden.
Die musikalische Architektur des Brahms'schen Requiems
Auch wenn sich Brahms alle liturgischen Freiheiten nimmt, so ist die musikalische Architektur der sieben Sätze doch absolut klar definiert: Eingerahmt ist das Requiem von zwei Seligpreisungen: "Selig sind, die da Leid tragen …" aus der Bergpredigt (Matth 5,4) und aus der Offenbarung des Johannes (Offb 14,3): "Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von nun an … " Die beiden Sätze sind sowohl motivisch als auch musikalisch aufeinander bezogen.
Der zweite Satz "Denn alles Fleisch, es ist wie Gras …" bezieht sich (1. Petr. I, 24) auf den vorletzten, den sechsten Teil: "Denn wir haben hier keine bleibende Statt" (Hebr 13, 14). Das Thema ist beide Male die Überwindung des Todes. Im zweiten als Verheißung mitten in der Erfahrung der Vergänglichkeit als "vanitas". Und im sechsten dann als erfahrene Erfüllung in einer Fuge, worin die Allmacht Gottes gepriesen wird: "Herr du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft" (Offb 4, 11).
Von der ergreifenden Klage zur unerschütterlichen Hoffnung
Das Bariton-Solo im dritten Satz beginnt als ergreifende Klage des Psalmisten: "Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss …" (Ps. 39,5), findet zu zaghafter Zuversicht mit Worten des gleichen Psalms: "Nun Herr, wes soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich!" (Ps. 39, 8) und endet jubelnd mit einer Chorfuge: "Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rühret sie an!" Entnommen dem apokryphen Weisheitsbuch (Weish 3, 1).
Von der "göttlichen Sieben" zu pastoraler Heiterkeit
Zentrale Bedeutung kommt dem vierten als dem mittleren Satz zu. Denn nicht umsonst gilt die Sieben als göttliche Zahl. "Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth" (Ps 84, 2+3). Pastorale, also Hirtenmusik klingt an. Lieblich, heiter, fast unirdisch schwingt sich hier die Musik und wird so zum Sinnbild der Hoffnung auf ewig-himmlische Freude. Die aber hörbar in der Gegenwart erfahren wird: 'Die loben dich immerdar' (Ps 84,5). Musik wird hier als "praeludium vitae aeterna" verstanden; als Vorspiel zum ewigen Leben, als diesseitige Offenbarung der Ewigkeit im Klangraum der Musik.
Nichts anderes ist gemeint, wenn von "Gänsehautmusik" die Rede ist. ...
Mütterlicher Trost und Gottvertrauen
Der fünfte Satz – "Ihr habt nun Traurigkeit …" (Joh 16, 23) ist ein inniges Zwiegespräch, wobei der Chor mit Jesaja 66, 13 antwortet: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet." Fast spürt man die tröstenden Hände, die einen einst so mühelos Schmerz und Kummer vergessen ließen. Kein überirdischer Trost wird da besungen, sondern tröstliche Erfahrung von Mensch zu Mensch.
Eigene Trauer- und Trosterfahrung
Auch eigene Trauererfahrung und persönliches Trostbedürfnis sind in Brahms’ Requiem hinein gewoben: 1856 stirbt mit Robert Schumann ein enger Freund, 1865 Brahms' Mutter. So darf es nicht verwundern, wenn Clara Schumann zu dem Schluss kommt, dass es "ein wahrlich menschliches Requiem" sei. Ein Requiem, das den Weg von der Trauer zum Trost in musikalisch-dramatischen Bildern quasi inszeniert – wie ein Klang-Schauspiel.
Die unbedingte Modernität des Deutschen Requiems
Mit seinem Schwanken zwischen Gläubigkeit und Skepsis ist das Brahms-Requiem ein sehr modernes Werk. Ebenso mit dem trauernden Menschen im Mittelpunkt, der Trost und Hoffnung sucht. Erkennbar wird dieser Mensch in Worten der Bibel. Dieser Mensch auf Erden wird in seinen Sehnsüchten und Ängsten, in seinem Trostbedürfnis ernst genommen. In seinem Festhalten am Irdischen und seiner Todesangst genau so wie in seiner unstillbaren Sehnsucht nach Transzendenz, nach ewigem Leben.
Brahms hat in seiner Bibel die Stellen unterstrichen, in denen von der unermesslichen Größe Gottes die Rede ist. (Programmheft zur Aufführung von "Ein Deutsches Requiem" am 9. Februar 2007. Aufführende: Neuer Basler Kammerchor, hier: S. 6) Ihm steht die Bedürftigkeit des Menschen gegenüber, der um seine Todesverfallenheit weiß und deshalb Trost sucht und findet: In der Bibel, bei Menschen – und nicht zuletzt in der Musik.
