Johannes Wieland New York Company – "newyou"

Kein klassisches Ballett: Johannes Wieland newyou - mpranalli/PhotoXPress.com
Kein klassisches Ballett: Johannes Wieland newyou - mpranalli/PhotoXPress.com
Ehemaliger Solist der Berliner Staatsoper und Tanzdirektor am Staatstheater Kassel mit Choreografie "newyou" - über Selbsttäuschung und Streben nach Glück.

Der zentrale Themenkomplex wird noch vor dem ersten Tanz benannt. Drängend und unter dem glitzernden Schein der Oberflächlichkeit so aggressiv, als setze man jemandem drohend die Pistole auf die Brust – mit einem sehr nervösen Finger am Abzug. "Hat man die Wahl, glücklich zu sein? Und wenn dem so ist, bist du glücklich? Und wenn ja, weißt du, warum?"

"newyou": Johannes Wieland und das Streben nach Glück

"Ich bin sehr, sehr glücklich" beteuern die überzeichneten Charaktere, die genauso gut einem David-Lynch-Film entsprungen sein könnten, schon am Anfang von Johannes Wielands "newyou" immer wieder in große Mikrofone hinein, als würde der Selbstbetrug mit jedem Widerhall einen kleinen Tick wahrer. Dann stolpern sie gut anderthalb Stunden lang durch einen Irrgarten an Gefühlen, dessen Hindernisse in einem Meer von Wasserflaschen auf der Bühne versinnbildlicht werden. Sie erleben Freude, wie Kinder sie an einem Geburtstag spüren. Gleiten ab in schnelle sexuelle Stimulation. Halten emotionale Masken hoch. Und fallen in tiefe Abgründe voller Heuchelei, Täuschung, Aggression, Provokation und Kontrollzwang.

Packende Collage aus Tanz, Schauspiel, Videoinstallation und Musik

Für manche Zuschauer ist das Ringen um Glück, das sich beißend im kompletten Gegenteil manifestiert, dennoch vielleicht nicht grell genug. Sie dürften lediglich das artifizielle, aufgesetzte, durchgestylte Blendwerk wahrnehmen, das in der packenden Collage aus Tanz, Schauspiel, Videoinstallation und Musik die Oberhand hat. An Stellen lachen, an denen anderen das Lachen im Halse stecken bleibt. Manche Passagen ungläubig beobachten. Und nach rund anderthalb Stunden einfach "nur" gut unterhalten nach Hause gehen. Bei denen, die sich der Tiefe der Produktion stellen, dürfte "newyou" hingegen zusätzlich noch lange nachhallen.

Charakteristische Handschrift Johannes Wielands auch in "newyou"-Choreografie

Einmal mehr drängt sich das "architektonisch geprägte Verständnis für Körper, Bewegung und Raum", das Johannes Wieland häufig nachgesagt wird, in den Vordergrund. Die Fragen, die dadurch auch jenseits des inhaltlichen Rahmens aufgeworfen werden, sind vielfältig:

Inwieweit verkörpert der Ausdruck die Tatsache, dass die Tänzer Marionetten einer Wunsch- und Traumwelt darstellen? Wie charakteristisch ist das ruppig Unterkühlte, das leicht Zeitversetzte und Asynchrone, der Kontrast zwischen fließender Weichheit und abgehackter Stärke in den Moves? Ist etwas wie scheinbare Beliebigkeit (so wird an einer Stelle dieselbe Choreografie zu einem alten Popsong und einem osteuropäischen Volkslied verwendet) mehr als nur ein Mittel zum Zweck? Hätte dem Tanz generell ein größerer Stellenwert eingeräumt werden müssen oder ist es gerade die Gleichberechtigung unterschiedlicher Künste, die das Werk einzigartig macht?

Vielschichtiger Themenkomplex mit offenem Ausgang

Wie auch immer man die Fragen beantworten mag: Der Erfolg spricht für Johannes Wieland, der sich auch in seinen anderen Produktionen, darunter "roadkill" und "Progressive Coma", mit der Auslotung menschlicher Emotionen und nicht selten auch mit psychologischen Abgründen auseinandersetzt.

Momentan läuft seine Choreografie "newyou" in einer leicht überarbeiteten Fassung am Staatstheater Kassel. Mitwirkende: Brea Cali, Eva Mohn, Ryan Mason und Elisabetta Lauro (Tänzer), Monica Gillette (Video-Kamera und Schnitt) und natürlich Johannes Wieland (Ausstattung, Video-Regie, Choreografie).

Elisa Reznicek - Ich interessiere mich für die unterschiedlichsten Themenbereiche und möchte immer noch etwas mehr wissen. Wenn am Ende dabei ein ...

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