John Grisham: "Das Gesetz" – meisterhafte Stories

John Grisham: Das Gesetz - © Heyne Verlag
John Grisham: Das Gesetz - © Heyne Verlag
"Das Gesetz": Bestsellerautor John Grisham veröffentlicht Kurzgeschichten. Er beweist damit, dass er auch das Genre Short Story meisterhaft beherrscht

„Die Akte“, „Die Jury“, „Die Firma“ – wer hätte nicht wenigstens schon mal die Titel gehört? John Grisham, ein ehemaliger Rechtsanwalt, hat seit 1989 zwei Dutzend Bücher geschrieben. Die Justiz-Thriller haben eine Auflage von 250 Millionen Exemplaren erreicht. Bisher wurden zehn Romane verfilmt und in 38 Sprachen übersetzt.

John Grisham ist einer der erfolgreichsten Romanautoren der Welt. Aber was taugen seine Kurzgeschichten? Sehr viel. Der Band „Das Gesetz“ zeigt den Bestseller-Autor von seiner besten schriftstellerischen Seite. Sieben Stories liefert er ab, jede einzelne ein Glücksfall für den Leser.

Grisham und seine Vergangenheit als Anwalt

Als Anwalt war Grisham nie recht glücklich. „Anwälte träumen von dem dicken Fisch, den sie an Land ziehen, um ihren Beruf an den Nagel hängen zu können“, hat er dazu mal gesagt. Bei Grisham war der dicke Fisch sein Erfolg als Romanautor.

Für Mack Stafford ist es der Anruf aus New York City von einer der renommiertesten Anwaltskanzleien der USA. Man bietet ihm, den Kleinstadt-Advokaten, einen Vergleich an für einen Fall an, den er längst vergessen hatte. Ein glücklicher Zufall aus heiterem Himmel, denn er macht ihn zu einem reichen Mann. Sofort schmeißt er alles hin: Er feuert seine Sekretärin und schließt seine Kanzlei, er rechnet mit seiner Familie ab und lässt sich von seiner Frau scheiden. Er verwirklicht seinen Traum, allerdings auf Kosten seiner Mandanten, denen er das ihnen zustehende Geld aus dem Vergleich vorenthält.

Geschichten aus den Südstaaten über Menschen auf der Schattenseite des Lebens

„Die Fischakten“ ist eine eher bösartige Geschichte, die Grisham mit großer Freude geschrieben haben dürfte. Sie spielt wie alle anderen Geschichten auch im Süden der USA und handelt von Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen und die alle auf irgendeine Art mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Sie alle erleben einen hellen Moment, der sie auf ihre Art zu Helden macht. Entweder schaffen sie die Wende in ihrem Leben oder es gelingt ihnen unter schwierigen Umständen zumindest ihre Würde zu wahren.

Die Geschichten sind vital und kraftvoll. Das liegt nicht nur am einfachen Stil – was keine Kritik ist – sondern vor allem auch daran, dass Grishams Geschichten sehr menschlich sind. Und bunt wie das Leben: mal bitter und traurig, dann humorvoll und skurril und manchmal alles zusammen.

Eine skurrile Version von Jack Kerouacs "On The Road"

Die erste tragisch-komische Geschichte „Blutsbrüder“ gehört eher in die Abteilung humorvoll. Hier spielt Grisham gekonnt mit den kleinen menschlichen Schwächen, der Tratschsucht, der Sensationsgier und der Sorge, selbst hineingezogen zu werden und helfen zu müssen. Drei Verlierer-Typen machen sich auf nach Memphis, um für einen verunglückten Nachbarn Blut zu spenden. Es ist eine Art Road-Movie, eine skurrile Version von Jack Kerouacs „On The Road“ („Unterwegs“). Die drei Reisenden sind leicht minderbemittelt und geraten auf ihrem chaotischen Trip von einer Katastrophe in die nächste.

In „Raymonds Heimkehr“ geht es um die Wahrung der eigenen Würde angesichts der Vollstreckung der Todesstrafe. In „Das Casino“ rächt sich ein verlassener Ehemann an seiner Ex, indem er das Spielcasino ihres neuen Liebhabers leer räumt. Sehr schön auch die Geschichte „Alte Freunde“: Ein junger Mann nimmt eine Stelle im Altenheim an und deckt dort nach und nach die Missstände auf – allerdings nicht ohne Hintergedanken. So menschlich die Geschichten sind, so politisch inkorrekt sind sie auch. Die Helden sind meist Anti-Helden: entweder sind sie Verlierer-Typen oder sie handeln edel aus wenig edlen Motiven.

Grisham würdigt auch William Faulkner, den Meister der Südstaaten-Literatur

Die beiden anrührendsten Geschichten sind „Ein Ort zum Sterben“ und „Michael“. In „Michael“ rechnet Grisham hart mit der Anwaltszunft ab. Stanley Wade ist ein zynischer Anwalt, der einen pfuschenden Arzt gegen die berechtigten Forderungen der Eltern eines behinderten Jungen vertritt und die Familie damit in die Katastrophe führt. Als Stanley ihre Rache zu spüren bekommt, wird es bedrohlich.

Und in der letzten Geschichte „Ein Ort zum Sterben“ führt Grisham die verlogene Bigotterie einer kleinen Gemeinde vor, als ein Homosexueller an AIDS stirbt. Die Geschichte endet in Tränen der Rührung – wahrscheinlich auch beim Leser. Sie enthält einen zutiefst menschlichen Aspekt und wäre bestens als Schullektüre geeignet.

In dieser Geschichte würdigt Grisham übrigens auch William Faulkner, den Meister der Südstaaten-Literatur. Der Protagonist der Geschichte Adrian Keanes liest auf dem Sterbebett die Romane Faulkners.

Viel Lob aus den USA für Grishams Stories

Auf dem Cover des Buches sind zahlreiche lobende Worte der amerikanischen Presse abgedruckt. Eigentlich ein üblicher PR-Vorgang, den man normalerweise nicht ernst nehmen muss. Aber in diesem Fall treffen die Aussagen wirklich zu. So ist das Buch tatsächlich „unbedingt lesenswert“ ("New York Times“). Und auch dem Hinweis: „Sie werden nicht aufhören zu lesen“ ("Washington Post") ist nichts hinzuzufügen.

John Grisham: "Das Gesetz – Stories". Heyne Verlag. 384 Seiten, 19,99 Euro