John Grishams "Der Anwalt"

Ein junger Jurist zwischen Zukunft und Vergangenheit

John Grisham erzählt von einem jungen Anwalt, den die Vergangenheit einholt und erpressbar macht. Seine Welt steht kopf, wem kann er noch trauen?

Kyle McAvoy studiert in Yale und hat sein juristisches Examen so gut wie in der Tasche. Die Zukunft liegt klar vor ihm, er will gemeinnützige Arbeit leisten. Zwar hat er ein Angebot von der New Yorker Kanzlei Scully & Pershing, die zu den ganz Großen der Branche zählt, doch seine vorläufige Zusage hat er der Piedmont Legal Aid in Winchester gegeben, hier will er illegale Einwanderer beraten. Als Sohn eines Kleinstadtanwalts bedeuten ihm Macht und Reichtum relativ wenig. Die schönen Pläne kann Kyle vergessen, als das FBI und Detective Bennie Wright in sein Leben tritt. Fünf Jahre zuvor hatte es gegen Kyle McAvoy und drei seiner Freunde in Pittsburgh eine Ermittlung wegen Vergewaltigung gegeben. Die Ermittlungen wurden ohne Ergebnis eingestellt. Kyle ist sich keiner Schuld bewusst, war er doch nicht unmittelbar beteiligt.. Bennie Wright stellt sich als ermittelnder Detective aus Pittsburgh vor und erklärt Kyle, dass es nun eine Anklageschrift gebe und präsentiert ein Video vom Tatabend. Auch wenn McAvoy unschuldig ist, reicht seine Anwesenheit damals aus, ihn beruflich zu ruinieren. Und das macht ihn erpressbar. Er soll den Job bei Scully & Pershing annehmen und dort Informationen zu einem Fall beschaffen, in den das Pentagon und zwei Rüstungsunternehmen verstrickt sind. Kyle willigt ein.

Katz und Maus

Mit seiner Anstellung in New York beginnt für Kyle McAvoy ein Alptraum. Und er beginnt zu kämpfen, um seine Freiheit und sein Leben. Ständig sind ihm die Bewacher auf der Spur. FBI und Detective Bennie Wright haben ihre Augen und Ohren überall, trotzdem schafft es der junge Jurist, sie auszutricksen. Er findet heraus, dass weder FBI-Agenten noch Bennie Wright das sind, was sie vorgeben. Gegen wen er wirklich kämpft, weiß Kyle nicht. Und er wird es auch nie herausfinden, denn ihre Spur verliert sich am Ende des Buches im Nirgendwo. Kyle McAvoy schafft es mithilfe seines Anwalts, den Erpressern eine Falle zu stellen. Die wittern indes die Gefahr und sind nicht zu fassen. Für Kyle stellt sich die Frage, ob er in ein Zeugenschutzprogramm geht oder ein normales Leben führen will. Er entscheidet sich für letzteres. Dem Leser bleibt die Entscheidung, ob er sich über das offene Ende ärgern soll oder es als gegeben hinnimmt.

Blasse Figuren und offene Fragen

Erfolgsautor John Grisham kennt sich in der Welt der amerikanischen Justiz bestens aus, immer wieder lieferten seine Bücher den Beweis. Juristischer Winkelzüge, engagierte Anwälte, große Konzerne, kleine Leute – Grisham schafft es immer wieder, brisante Themen aufzugreifen, packend und verständlich zu erzählen. In „Der Anwalt“ bleiben seine Figuren dagegen recht blass. Die Handlung ist spannend bis zum Schluss, doch bleiben viele Fragen offen und Handlungsstränge werden teilweise nicht weiterverfolgt. Das Ende kommt überraschend, fast abrupt schließt die Geschichte. Was hat es mit dem großen Fall auf sich? Wer zieht im Hintergrund tatsächlich die Fäden? Wer waren Bennie Wright und seine Handlanger? Droht immer noch eine mögliche Klage wegen der vermeintlichen Vergewaltigung?

Wo ist das belastende Video geblieben? Und vor allem bleibt die Frage, woher es überhaupt kam. Gibt es ein juristisches Nachspiel für Kyle McAvoy? Fragen über Fragen, auf die John Grisham in diesem Fall keine Antwort gibt. Schade.

Der Autor

John Grisham wurde 1955 in Arkansas geboren und praktizierte in Mississippi als Anwalt, bevor er 1988 mit "Die Jury" seine Karriere als Schriftsteller begann.

John Grisham "Der Anwalt"

erschienen 2009 im Wilhelm Heyne Verlag, München.

ISBN 978-3-453-26615-5

Preis 21,95 Euro

Debra Gerstenberger, Debra Gerstenberger

Debra Gerstenberger - Ich bin freie Journalistin und berichte für eine regionale Tageszeitung, habe Germanistik studiert und mein Studium als Magister ...

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