
- John Irving - A Prayer for Owen Meany - William Morrow
John Irving ist bekannt für seine außergewöhnlichen und unvergesslichen Charaktere. Mit Owen Meany (Originaltitel: A Prayer for Owen Meany) ist ihm nicht nur einer der bemerkenswertesten Charaktere, sondern auch eine faszinierende und gewohnt bizarre Geschichte gelungen. Abwechselnd lässt er seine Leser lachen, weinen und vor Erstaunen einfach den Atem anhalten.
20 Jahre New Hampshire - Eine Kindheit und Jugend in Neuengland
Johnny Wheelwright, der Ich-Erzähler dieses Romans, ist Owen Meanys bester Freund. Die beiden wachsen von Johnnys wohlhabender Familie wohlbehütet, im kleinen Örtchen Gravesend auf. Sie spielen Kleine-Jungen-Streiche, interessieren sich erstmal für Mädchen und gehen brav jede Woche in die Sonntagsschule, wo Owen seine ganz persönliche Meinung zu Religion und deren Institutionen verkündet. Ein großes Highlight ihrer Kindheit ist das jährliche Krippenspiel.
Als Owen einen Baseball ins Foul schießt und versehentlich Johnnys Mutter trifft - und tötet - ändern sich zumindest in Johnnys Leben einige Dinge. Aber Owen Meany ist und bleibt sein bester Freund. Dass dieser kleinwüchsige Junge, der stets nur in Großbuchstaben spricht, überzeugt ist, den Tag seines Todes zu kennen, schreibt er seiner Exzentrizität zu. Doch als der Vietnam-Krieg beginnt, scheint die Möglichkeit nicht mehr ganz so weit hergeholt...
Zum Lachen und zum Weinen
John Irving wechselt nicht nur gekonnt zwischen Gegenwart - die späten 80er-Jahre - aus der ein erwachsener Johnny Wheelwright Owens Geschichte erzählt, und der Vergangenheit. Er schafft es auch, ernste Szenen unglaublich komisch zu beschreiben und widerum lustige Geschehnisse von ihrer ernsten Seite zu zeigen. Man ist nie sicher, was einen erwartet und Owen Meany ist eine Persönlichkeit, bei der man mit allem rechnen muss. Geschicht manipuliert er sich auf sein Ziel zu, scheint dabei immer mehr zu wissen als die anderen Charaktere und wächst einem durch seine wissende, ernsthafte Art dabei so ans Herz, dass man nach gut 800 Seiten traurig ist, am Ende angelangt zu sein und noch lange wehmütig an Owen Meany zurückdenkt.
20 Jahre amerikanische Geschichte
Owen und Johnny wachsen in den 50er Jahren auf und sind in den 60ern somit genau im richtigen Alter für den Vietnamkrieg. Hautnah erleben sie mit, wie das Land reagiert, welche Berichte die Zeitungen über den Krieg herausbringen und bilden sich ihre eigene Meinung zu den Geschehnissen in Südostasien. Johnny, der selten eine sehr starke Meinung hat, lässt sich auch hier von Owen leiten und entwickelt sich später im Leben zu einem wahren Anti-Amerikaner.
Es mag sein, dass viel Gesellschaftskritik - vor allem bezogen auf die USA - in diesem Roman mitschwingt. Ebenso wie Kritik, oder eher Diskussionen über Religion. Dabei wird man aber als Leser weder belehrt noch für dumm gehalten. Die Gedanken und Handlungen der Charaktere sind stets stimmig und wirken nicht überzeichnet - nicht mal im Falle Owen Meanys, der ansonsten stark heraussticht.
Das Ende ist, obwohl nicht unerwartet, ergreifend und zutiefst berührend. Owen Meany ist ein Roman mit Nachwirkzeit, ein Buch, das einen von der ersten Seite packt und noch lange nach Beenden der letzten nachringt.
John Irving selbsts kann man beim Lesen einer der lustigsten Szenen des Romanes hier ansehen: An Evening With Harry, Carrie and Garp (Stephen King, John Irving und J.K. Rowling lesen jeweils aus ihren Werken). Irving erklärt hier auch, wie er auf die Idee kam, Owen Meany zu schreiben.
Basierend auf Irvings Roman, genauer gesagt auf dessen erstem Kapitel, wurde der Film "Simon Birch" gedreht. Auch hier ist der Protagonist kleinwüchsig und sieht sich von Gott zu Großem auserkoren. Was die Tiefgründigkeit und Thematik betrifft, liegen aber Welten zwischen dem Film und John Irvings 800 Seiten starken Werk.
John Irving: Owen Meany. Diogenes, 1998. Taschenbuch, 864 Seiten. 12,90 Euro
John Irving. A Prayer for Owen Meany. Black Swan, 1990. Paperback, 720 pages. 10,99 Euro
