John Le Carré – Thriller "Marionetten"

Ein muslimischer Terrorist im Visier der Hamburger Polizei

John Le Carré: Marionetten - Ullstein Verlag
John Le Carré: Marionetten - Ullstein Verlag
Ein islamistischer Terrorist gerät in Hamburg ins Visier der Geheimdienste - und zieht seine Freunde mit in einen Strudel aus Angst und Misstrauen.

Hamburg-Altona, in der Gegenwart. Im bunten, interkulturellen Stadtteil der norddeutschen Hansestadt mit seinem hohen Migrantenanteil fühlt sich der türkische Preisboxer Big Melik seit Tagen von einem unheimlichen jungen Mann aus seinem Kulturkreis verfolgt. Als der große, ausgemergelte Muslime im schwarzen Kaftan seinen Glaubensbruder schließlich um ein Bett und Nahrung anfleht, gewährt ihm Meliks großherzige Mutter Leyla sofort Quartier in ihrer kleinen Wohnung.

Misstrauisch beäugt Melik den merkwürdigen, verschreckten Fremden aus Tschetschenien, der kein typischer Muslime zu sein scheint und einige Geheimnisse mit sich herum trägt. Dazu redet der junge Mann in einer sehr snobistischen Art, scheint geistesabwesend und trägt am ganzen Leib brutale Folterspuren.

Ein illegaler Flüchtling in Hamburg erweckt das Misstrauen der Geheimdienste

Bald zieht Melik die junge Anwältin Annabel Richter hinzu, die für die soziale Einrichtung "Fluchthafen Hamburg" arbeitet, die Asylsuchende in der Hansestadt betreut und juristisch berät. Nur bruchstückhaft bekommen sie die abenteuerliche Geschichte des illegalen Flüchtlings zu hören, der über Schweden und Dänemark nach Deutschland gekommen ist. Sein Vater sei ein grausamer russischer General gewesen, und er möchte mit dessen in Deutschland deponiertem Blutgeld ein Studium als Arzt beginnen. Das Geld liegt auf einem Geheimkonto, einem sogenannten "Lipizzaner", auf einer kleinen britischen Privatbank an der Alster.

Als die ungleiche Gruppe noch den Bankdirektor, den Briten Tommy Brue, hinzuzieht, merken sie nicht, dass sie sich längst im Visier der deutschen, britischen und amerikanischen Geheimdienste befinden. Und dass der Fremde mit dem Namen Issa als vermeintlicher Handlanger islamistischer Terroranschläge in Deutschland und im Ausland gesucht wird.

"Marionetten" - ein Abbild der aktuellen Terrorangst in Europa

Der hochspannende Plot des britischen Agententhriller-Veteranen John Le Carré widmet sich einem topaktuellen Thema. Die Angst vor islamistischen Terroranschlägen in der westlichen Welt seit dem 11. September 2001, das daraus resultierende Misstrauen gegen die gesamte islamische Kultur und Parallelgesellschaft in den deutschen Städten und das undurchdringliche Dickicht aus Terrornetzwerken, Sympathisanten und verdeckten Attentätern steht im Fokus von Le Carrés neuestem Roman.

"Marionetten" ist kein typischer Agentenroman oder Verschwörungsthriller im herkömmlichen Sinne – zumal die islamistischen Terrornetze im 21. Jahrhundert längst an die Stelle des früheren Ost-West-Konflikts bis 1990 getreten ist.

In "Marionetten" gibt es weder einen Geheimagenten als Protagonisten, noch einen typischen Agentenplot. Vielmehr wird die Handlung teilweise aus Tommy Brues Sicht erzählt. Der gediegene britische Banker, der lange Zeit in Wien und nun in Hamburg das renommierte Bankhaus seines Vaters geleitet hat, weiß selber wenig über die dubiosen Geheimgeldkonten, die sein Vater früher für illegale Mittelsmänner angelegt hat. Zu spät erschließen sich ihm die Zusammenhänge mit dem internationalen Terrorismus – und dann ist es bereits zu spät.

John Le Carré – vom Lehrer zum Geheimagenten und Schriftsteller

John Le Carré, geboren 1931 in Dorset, Großbritannien, studierte Germanistik und Neue Sprachen in Bern und Oxford, unterrichtete als Lehrer am Eton College und ging schließlich zum britischen Außenministerium. Dort arbeitete er als Geheimagent und war u.a. in Bonn und Hamburg stationiert, bevor er sich ab Anfang der Sechziger Jahre der Schriftstellerei widmete.

Große Bekanntheit erlangte er mit seinem autobiografisch geprägten Zyklus mit acht Bänden um den Geheimagenten George Smiley (1961 – 1990), dessen dritter Band, "The Spy Who Came In From The Cold" ("Der Spion, der aus der Kälte kam", 1963) mitsamt seiner Verfilmung Weltruhm erlangte. Weitere bekannte und ebenfalls verfilmte Bestseller sind "Krieg im Spiegel" (1965), "Dame, König, As, Spion" (1974), "Smileys Leute" (1979), "Das Russland-Haus" (1989), "Der Schneider von Panama" (1996) und "Der ewige Gärtner" (2001).

George Smiley – der Gegenentwurf zu James Bond

Anders als seine Landsleute Frederick Forsyth, Colin Forbes und Ian Fleming mit seinen weltbekannten James-Bond-Romanen, die klassische Geheimagenten-Geschichten mit Sex, Action, Spannung und Exotik vermengen, ging der unkonventionellste aller Politthrillerautoren schon immer seinen eigenen Weg.

Mit dem Agenten George Smiley erschuf er ein intellektuelles und trockenes Gegenstück zu James Bond, und auch die Protagonisten vieler seiner Romane waren eher Karikaturen britischer Heldenfiguren und Archetypen – und Spielbälle in den Intrigengeflechten von Geheimdiensten und staatlichen Interessen.

Auch Tommy Brue, Annabel Richter und alle anderen Figuren sind "Marionetten" im großen Spiel aus Terrorabwehr, Misstrauen, Spionage und Angst. Brues Figur als elitärer, alternder Banker, der sich von der snobistischen Hamburger Gesellschaft und seiner neureichen Wiener Ehefrau Mizzy längst entfremdet hat, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Harry Pendel, dem tragikomischen Helden aus dem "Schneider von Panama".

Menschen als "Marionetten" im Spiel politischer Interessen

Und auch das Leben der sozial engagierten Anwältin Annabel Richter, die an eine gescheiterten Beziehung, selbst auferlegter Gefühlskälte und ihrem abweisenden Elternhaus leidet, führt uns der Autor als kleines tragisches Mikrokosmos vor. Richtige Sympathien für diese Figuren wollen dabei aber nicht aufkommen.

Aber Le Carré will das auch gar nicht und hält sich mit Katharsisgeschichten und mit einer angedeuteten Liebesaffäre sehr zurück. Selbst die deutsche Polizei, verkörpert durch den ruppigen Bullen Bachmann mitsamt amazonenhafter Teilzeitgeliebter als Assistentin, bleiben vage Randfiguren – und letztendlich Spielfiguren wie auf einem Schachbrett, die sich höheren Interessen beugen müssen.

Eigentlich könnte "Marionetten" überall in der westlichen Welt spielen. Anders als die präzisen Milieu- und Stadteilschilderungen seines Landsmanns Craig Russell mit seinen Hamburg-Romanen bleibt Le Carrés Hamburg trotz einiger prägnanter Kulissen wie Altona und der illustren Außenalster mit dem renommierten Hotel Atlantic ein reiner Hintergrund dieses Romans, obwohl der Brite selbst mehrere Jahre in der Stadt an der Elbe gelebt hat.

"Marionetten" von John Le Carré – Zynismus statt Happy End

Somit gibt es auch kein Happy End in "Marionetten", sondern einen schockierenden Überraschungsschluss, in dem eine "höhere Macht" alle Hoffnungen und Versprechen zunichte macht - was den lange Zeit ruhig dahin fließenden Roman, der fast ohne Action auskommt, am Ende nochmals deutliche Spannung einverleibt.

"A Most Wanted Man", so der englische Originaltitel, ist auch eine bittere Abrechnung von John Le Carré mit der Selbstherrlichkeit und Arroganz der USA der Bush-Ära – und dazu ein lesenswerter und aktueller Roman, der den mittlerweile 78jährigen Erfolgsautoren wieder mal am Puls der Zeit zeigt.

John Le Carré: Marionetten. Ullstein Verlag 2009. Broschiert, 368 Seiten. 9,95 Euro.

Uwe Wolfrum, Uwe Wolfrum

Uwe Wolfrum - Geboren 1967 in Oberfranken, aufgewachsen in Hessen, gestrandet in Hamburg. Studium der Germanistik, Medienwissenschaften, Anglistik und ...

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