Für John Locke hat Religion einen lebensdienlichen Zweck. Sie lebt von ihrer Wahrheit, der die Menschen aus innerer Überzeugung zustimmen. So ist sie nichts, das den Menschen aufgezwungen wird. Locke meint deshalb, dass wahre Religion die Menschen zu überzeugen imstande ist, dass sie die Wahrheit verkündet. Diese wahre Religion ist für ihn die christliche Religion.
Religion und Gewohnheit
Wahrheit aber muss man in den Dingen selbst suchen und nicht in den Meinungen anderer. So müssen natürlich die Prinzipien der Religion in den Schriften gesucht werden. Leider zeigt die Erfahrung, dass religiöse oder auch moralische Prinzipien im Grunde nur Meinungen darstellen, die man als Kind von den Erwachsenen fraglos übernimmt. Diese sind nicht geprüft und werden aus Tradition weitergegeben, aus Gewohnheit. So werden diese Prinzipien der Religion oder der Moral zu sogenannten eingeborenen Wahrheiten, wie Locke es formuliert, obwohl es tatsächlich eben nur aus Gewohnheit weitergegebene Prinzipien sind. Das gilt auch für die Gottesidee, deren Übereinstimmung oft nur im Namen besteht, der auch wiederum nur von wenigen Menschen verwendet wird. Er bezeichnet ein mächtiges, überlegenes, unsichtbares und weises Seiendes. Obwohl Gott in diesem Sinn nicht überall bekannt ist, existiert doch in allen Gebieten der Erde eine Art natürliche Religion. Das bedeutet nach Locke, dass zwar die Religion an sich zu den eingeborenen Ideen gehört, Gott aber nicht, obgleich er ihn als "natürlichste Entdeckung der menschlichen Vernunft" bezeichnet.
Das Verhältnis von Glaube und Vernunft
Locke plädiert dafür, den Glauben von der Vernunft zu trennen, weil es sich um Wahrheitsansprüche handelt, die unterschiedlich begründet werden müssen. Die Ideen, die aus der Vernunft geboren sind, umfassen das, was sich auf natürlichem Weg ableiten lässt. Ideen, die auf dem Glauben gründen, lassen sich eben nicht vernünftig ableiten und begründen. Sie stehen laut Locke über der Vernunft. Über beide Wege lassen sich aber Wahrheiten entdecken. Offenbarungsaussagen können allerdings nur durch den Glauben Zustimmung finden, der am Ende wiederum darüber entscheidet, ob sie als wahr empfunden werden oder nicht.
Ob Offenbarungsaussagen nämlich tatsächlich wahr sind, kann nur belegt werden, wenn sicher ist, dass es sich wahrlich um Gottes Wort handelt. Somit ist der Grad der Zustimmung davon abhängig, wie sicher es ist, dass es sich um eine göttliche Offenbarung handelt sowie auch davon, dass die Äußerung Gottes richtig erfasst worden ist. Der Glaube beruht also auf Wahrscheinlichkeiten. Locke schreibt in seinem Essay: "Was immer Gott geoffenbart hat, ist mit Sicherheit wahr. Es kann nicht bezweifelt werden. Dies ist der dem Glauben angemessene Gegenstand; aber ob es sich um eine göttliche Offenbarung handelt oder nicht, muss die Vernunft beurteilen". Und das, weil das von Gott Geoffenbarte nur in überlieferter Form vorliegt. Er ordnet somit die Vernunft dem Glauben unter.
Quelle:
John Locke: Versuch über den menschlichen Verstand Teil I und II, Meiner Verlag, Hamburg 2000 und 1988, 507 und 482 Seiten, jeweils 22,90 Euro
