John Neumeiers "Purgatorio" in Hamburg uraufgeführt

In seiner neuesten Kreation untersucht John Neumeier den Ehebruch am Beispiel eines berühmten Paares: von Gustav Mahler und seiner Frau Alma.

HAMBURG. John Neumeier ließ sich von Gustav Mahlers Fragment gebliebener Zehnter Sinfonie zu seinem neuen Ballett anregen. Er nennt es nach dem dritten Satz „Purgatorio“ und unterlegt als Handlung eine Episode aus Mahlers Leben: seine Frau Alma betrog ihn mit Walter Gropius.

Die Frau …

Der erste, kurze Akt ist Alma gewidmet. Hélène Bouchet tanzt makellos die ambitionierte junge Frau, bleibt aber blass, wie so oft Frauen bei Neumeier. Alma hat auch komponiert und einige ihrer Lieder sind dem Auftakt unterlegt: Charlotte Margiono (Sopran) singt ausdrucks- & eindruckvoll, allerdings mangelt es wegen ungenügender Artikulation an Verständlichkeit. Doch Neumeiers Choreographie macht den roten Faden sichtbar. Alma möchte an der schöpferischen Arbeit ihres Gatten Anteil haben, er will seine Ruhe, sie soll sich bescheiden und brav zu Haus auf ihn warten. Damit treibt Mahler seine Frau in die Hände eines Nebenbuhlers – der alsbald in Gestalt von Walter Gropius auftritt.

Neumeier hat geschickt besetzt: Lloyd Riggins verkörpert Mahler als einen blassen, tief traurigen Ästheten im Kapellmeisterfrack (schwarz), Thiago Bordin tanzt wie ein heiterer junger Gott (in weiß), Mahler kann ihm als Rivale das Wasser nicht reichen. Bordin tritt oft in Badehose auf, ein Suspensorium hebt seine Virilität mehr als nur dezent hervor. Alma (oft in rot) scheint entzückt.

… der Mann …

Hier, wie im zweiten, sehr viel längeren, gewichtigeren, Mahler gewidmeten Teil sind tänzerisch die ergiebigsten Szenen Pas de deux und Pas de trois. Wenn Alma, Mahler und Gropius zusammen tanzen, wird deutlich, wie sehr Alma einerseits die Aufmerksamkeit zweier Männer genießt, sie sich andererseits zerrissen fühlt. In einem Pas de deux im zweiten Teil wirbt Mahler noch einmal heftig um Alma –immer, wenn er sie für eine Hebung umfangen will, fühlt sie sich eingeschränkt, gefesselt, geknebelt und entwindet sich seinem (Zu)Griff. Der Pas de deux verunglückt planvoll, keine Harmonie, nirgends – die Dekonstruktion wird zu einem Höhepunkt von Neumeiers Choreographie.

Simone Young, Hamburgs Opernintendantin und Generalmusikdirektorin in Personalunion (die Hansestadt spart), koordinierte am Pult souverän Graben und Bühne. Hamburgs Philharmoniker präparieren sorgfältig die krassen Kontraste der Zehnten Sinfonie heraus: Die Streicher entfalteten im ersten Satz ruhig und weit ausschwingend eine umfassende Abgeklärtheit, von grellen Einsätzen der Bläser konterkariert; immer wieder wird der Wohlklang attackiert von harten Dissonanzen.

… und ein künstlerischer Irrtum

Mahlers Musik ist ergiebiger als Neumeiers Grundeinfall – der überdies anfechtbar ist. Legte Mahler seiner Zehnten wirklich nur die Erfahrung der Untreue zu Grunde? Klingt nicht viel mehr die Dekadenz Wiens vor dem Ersten Weltkrieg in der Sinfonie, hört man es nicht im Gebälk des alten Regimes krachen? Sollte Mahler tatsächlich so viel Tragik aufbieten, um eine so triviale Geschichte wie einen Fehltritt künstlerisch zu gestalten? Eine Sinfonie für einen Ehebruch? Das hieße mit Kanonen auf Spatzen schießen. Der Künstler würde sich und sein Schicksal angesichts der bevorstehenden Umstürze mächtig überschätzen – und, wie es ja die Geschichte vom gehörnten Ehemann nahe legt, Mahler wäre lächerlich. Dann dürfte die Grundton des Balletts nicht tragisch, wie in Hamburg, er müsste komisch sein. Egal, ob Mahler tatsächlich aufgrund des Betrugs seiner Frau die Sinfonie komponierte oder Neumeier das nur annimmt, Neumeier müsste ein komisches Ballett choreographieren, wenn er Mahler zutraut, sich selbst so wichtig zu nehmen und die Grundtendenz der Zeit nur am Rande wahrzunehmen, er müsste Mahler, den wichtigtuerischen Hahnrei, als komischen, eitlen Künstler darstellen.

„Purgatorio“ ist überfrachtet, dauert zu lang, ist teilweise zäh, weil die Handlung auf der Stelle tritt, dramatische Dynamik fehlt; vor allem aber hat John Neumeier einen Fehltritt getan: Er hat das Genre verfehlt.

„Purgatorio“ steht am Anfang der 37. Hamburger Ballett-Tage. Sie dauern noch bis zum 10. Juli. Höhepunkt des von Neumeier-Balletten dominierten Programms ist ein Gastspiel aus China: „Die rote Laterne“ (5. und 6. Juli).

Theaterkasse: 040 35 68 68

Ulrich Fischer, Ulrich Fischer

Dr. Ulrich Fischer - Nach dem Studium der Theater- und Literaturwissenschaft in Hannover, München, Glasgow und der Promotion in Berlin Engagements als ...

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