
- John Niven - Gott bewahre - Heyne Hardcore
Gott hat miese Laune. Obwohl er gerade aus seinem verdienten Urlaub kommt und erholt durch sein himmlisches Büro schlendert, wird ihm der Zustand der Welt schlagartig bewusst: Naturkatastrophen, Kriege, Tyrannen, wirre Ideologien, dann auch noch die Christen, die seine Botschaften falsch auslegen und meinen ihn anbeten zu müssen. Zu allem Überfluss machen sich die Kreationisten auf dem Planeten Erde breit, Gott ist fassungslos über so viel Schwachsinn. Ein Meeting muss einberufen werden. Gott hasst Meetings, aber daran führt kein Weg vorbei. Gemeinsam mit den Erzengeln, den Evangelisten und seinem Sohn Jesus Christus wird Krisenmanagement betrieben. Eine gute Idee muss her, die dem Wahnsinn auf Erden etwas Positives entgegen setzt und da Gott oldschool ist, beschließt er, wider der Erfahrungen um das Jahr 0, seinen Sohn zur Erde zu schicken, um den Menschen seine tatsächliche Botschaft zu vermitteln: SEID LIEB.
Auftrag: Zurück zur Erde
Jesus würde viel lieber mit Jimi Hendrix Gitarre spielen, dazu Joints rauchen, Biere trinken und den lieben Gott, seinen Vater, einen guten Mann sein lassen. Doch nun liegt es an ihm, sich in der brutalen Realität New Yorks durchzuschlagen und den von Gier und Macht besessenen Menschen mit Güte und Freundschaft zu begegnen. Gemeinsam mit einer Gruppe, die man gemeinhin als Außenseiter oder Verlierer einer modernen, kapitalistischen Gesellschaft sehen könnte, beschreitet Jesus seinen Weg. Dieser führt geradewegs in die schmierige Welt des Fernsehens.
Stil und Sprache
John Niven, der mit Kill Your Friends die Feuilletons schockte wie einst Bret Easton Ellis' American Psycho, schaltet in „Gott bewahre“ einige Gänge runter. Die Welt ist immer noch schlecht, denn das unfassbar Blöde und Böse setzt sich weiterhin durch, aber es gibt auch Hoffnung. Dass diese Hoffnung ausgerechnet im Namen Gottes daherkommt wirkt anfangs etwas unpassend, aber schnell wird aufgeschlüsselt, wie man sich den Gott da oben vorzustellen hat. Gott und sein himmlischer Stab sind durchweg nette Personen, die den Genuss von Marihuana teilen, öfter mal eine Party feiern und es auch sonst nicht ganz so streng nehmen. Zwischendurch machen sie alle ihren Job und dokumentieren Gottes Werk, also die Menschheit und wie sie fortschreitend alles kaputt zu machen droht. Die Wortwahl im Himmel ähnelt nicht selten der in einem Jugendzimmer. Es wird blumig gesprochen, viel gescherzt und nicht selten geflucht.
Querschläger
Ein alter Bekannter, Psychokiller Steven Stelfox, welcher bereits in Kill Your Friends ungestraft sein Unwesen trieb, tritt auch in „Gott bewahre“ schamlos und erniedrigend auf. Als Juror einer erfolgreichen Casting Show in den USA gibt er zu den Darbietungen der Kandidaten seinen geschmacklosen Senf ab. Damit kreiert Niven ähnlich wie sein schottischer Kollege Irvine Welsh eine eigene Welt, in der seine Figuren in anderen Werken weiterexistieren. Eben dieser, Welsh, wird auch in den wenigen Zeilen, die beschreiben, dass die Menschheit auch schöne Dinge hervorbringt, erwähnt. Lediglich die Musik, also Rock and Roll und die Literatur würden Gottes Geschmacksnerven berühren.
John Nivens Wort zum Sonntag
Sozialkritisch und moralisch zieht John Niven seine Satire auf. Er zeichnet die Welt und ihre Zukunft pessimistisch und auch die Idee ein wiedergeborener Jesus würde dem Zustand Halt gebieten erscheint herbei phantasiert. Seine durchweg ernstgemeinte Botschaft – SEID LIEB – wird mit Lächerlichkeit beantwortet, die einem schmerzhaft ehrlich erscheint. Dieser schwungvolle Mix aus Religionskritik, Science Fiction und Gesellschaftsanalyse bleibt daher auch nur Unterhaltung in einer Zeit, die sich selbst auffrisst. Für diejenigen, die ihren Glauben noch nie kritisch hinterfragt haben, ist dies die Möglichkeit es auf drastische Weise nachzuholen
John Niven: Gott bewahre
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 400 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-453-67597-1 Heyne Hardcore
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 30,90
