Jonathan Rhys Meyers - ein weit unterschätztes Ausnahmetalent

Jonathan Rhys Meyers at Macy's  - Fran Grisafi
Jonathan Rhys Meyers at Macy's - Fran Grisafi
Ob Velvet Goldmine, Match Point oder die Tudors: JRM hat sein Talent schon oft bewiesen. Umso ungerechter, wie er zuletzt von den Medien behandelt wurde.

"Es geht nicht um Geld, Ruhm, darum, erkannt zu werden, es geht darum, etwas Brillantes zu schaffen." Ein Anspruch, den man Hollywoodbeau Jonathan Rhys Meyers auf den ersten Blick kaum zutrauen würde. Doch es lohnt sich, tiefer zu blicken, denn da verbirgt sich weit mehr hinter diesen durchdringenden, wechselfarbigen Augen, die einen fast zum Zeitreisen einladen. Mit der Premiere von "Albert Nobbs" auf dem Toronto-Filfestival vergangenen Monat hat sich ein weiteres Mal gezeigt, dass der einst so androgyne Junge, der die Filmwelt in Lager absoluter Verehrung und uneingeschränkter Abneigung polarisierte, längst herangewachsen ist - zu einem faszinierenden und künstlerisch hochbegabten Mann. Seine Vielfältigkeit dürfte der mittlerweile 34-Jährige bereits in den vergangenen zehn Jahren bewiesen haben.

Früher Erfolg mit "Velvet Goldmine"

Spätestens seit er in "Velvet Goldmine" durch eine hochsensible Mischung von fein melancholischer Verletzlichkeit und schleichend aggressiver Arroganz die Glamrockszene neu personifizierte, sollte sein Name ein Begriff sein. Völlig unerwartet packte er den Zuschauer mit seinem kraftvollen Charisma, nur um es Minuten später zu so ehrlicher Fragilität zu verdunsten, dass man fast fürchten musste, man zerbreche ihn noch durch den Bildschirm, wenn man nur zu stark atmete. Hätte man annehmen können, der damals 21-Jährige habe seine Rolle im Filmgeschäft gefunden, mit solcher Authenzität rockte er über den Bigscreen. Aber Rhys Meyers ist kein Durchschnittsschauspieler - in Schubladen stecken lässt er sich kaum. Nicht zwei Rollen finden sich in seinen bisherigen 38, die sich überhaupt vergleichen ließen. Um, wie er selbst erklärt, die volle Bandbreite dessen zu zeigen, was er kann, bemüht er sich um so viele Facetten wie möglich - und das mit Erfolg. Ein Highlight seiner frühen Karriere bleibt dabei die Mini-Serie "Elvis", die ihm 2006 den Golden Globe sicherte. Verdient! Mit einer so stromgeladenen Dynamik trat er auf, dass man sich augenblicklich als Zeitzeuge einer beispiellosen Künstlergeburt fühlte. Die Totale seiner Präsenz wirkte dabei so unmittelbar, dass sich der Fernsehschirm als Grenze zwischen Übertragenem und Greifbarem zersetzte, bis man Elvis fast die Hand entgegenstrecken wollte, weil man dachte, die glühende Leidenschaft des King berühren zu können.

Leidenschaft in den "Tudors" und "Match Point"

Königlich leidenschaftlich setzte sich seine Karriere fort, als er sich 2007 die Rolle des King Henry VIII. in der Prime-Time-Serie "Die Tudors" erspielte. Nie hatte man einen so freizügigen König gesehen, aber sexuelle Spannungen waren lange nicht alles, was JRM eröffnete. Viel mehr servierte er ein nahrhaftes Menü. Auf Vorspeisen elektrisierender Zügellosigkeit folgten Hauptspeisen aus seichter Bedrohlichkeit, die sich in einem Dessert von dumpfer Reue krönten, gewürzt durch einen so würdevollen und allgegenwärtigen Anmut in Gestik und Stimmführung, wie ihn nicht einmal der König selbst glaubhafter hätte vermitteln können. Kaum verwunderlich, dass Woody Allen JRM kurz zuvor für sein Drama "Match Point" engagiert hatte, um ihn seine Wandlungsfähigkeit durch dünnste Nuancen von Schuld, unentschlossener Verzweiflung und kaltblütiger Gewissenlosigkeit beweisen zu lassen. In stoßartiger Hin-und-Her-Gerissenheit bewegte Rhys Meyers sich zwischen 2 Frauen und deren 2 Welten, zwischen moralischen Bedenken und pulsierender Begierde und erschuf zusammen mit Scarlett Johannson ein so menschliches Gebilde aus befreiender Leidenschaft und beengenden Wänden von Alltag und Zwiespalt, dass man ihm nicht einmal den Mord am Dramenende übel nehmen wollte.

Beeindruckend präzise Darstellung eines Schizophreniepatienten in "Shelter"

Die wohl anspruchsvollste Rolle folgte für den Iren 2009 mit der Nala Filmproduktion "Shelter", in der er zusammen mit Julianne Moore für Gänsehautkino sorgte. Niemand sonst hätte diese Rolle spielen können, so das Regieduo Malind & Stein über JRMs Darbietung ihres schizophrenen Hauptcharakters, der ihm die Darstellung sechs verschiedener Persönlichkeiten im Zuge einer einzigen Rolle abverlangte. Mit einer fast erschreckenden Präzesion wechselt der 34-Jährige innerhalb derselben Szene von kindlich unschuldiger Schüchternheit zu einer nervösen Art bedrängender Offensivität, die er unmittelbar danach zu so starrer Ruhe transformiert, dass es einem den Atem verschlägt. Mit der dichten Kälte eines Blickes, der, wenn er sich bündeln ließe, Naturkatastrohen herbeibeschwören könnte, dringt Rhys Meyers direkt in das Unterbewusstsein des Betrachters vor und wütet darin, bis auch die letzte Urangst hervorbricht. Letztlich lebt der gesamte Film von JRMs scharfer Intensität und seinem bedingungslosen Perfektionismus, der sich in feinsten Dialektnuancen und Körperhaltungen manifestiert und derart unverwechselbar das Bild von sechs Charakteren ausformt, dass man ins Grübeln gerät, ob das Bobachtete nicht doch furchteinflößender Realität entsprechen könnte.

Ein unterschätztes Ausnahmetalent

Fest steht: Es ist faszinierend, Rhys Meyers zu beobachten, weil er wie kein zweiter das Gesamtpaket liefert. Als erfrischender Regen aus unzählbaren Vignetten anschwellender Leidenschaft ergießt er sich über den Kopf jedes Betrachters, um aufzuwecken und zu schockieren, bis er zu einer festen Masse jeder erdenklichen Emotion trocknet, die erst Tage später wieder abzubröckeln beginnt. Ein allzeit unterschätztes Ausnahmetalent, dem man den Erfolg eigentlich gönnen sollte. Er hat ein goldenes Herz und ist der besonderste Mensch auf der Welt, sagt man. Am Ende des Tages ist JRM wohl immer noch der bescheidene, bodenständige und etwas unsichere Junge aus Blackpool, Cork, Irland, der sich nicht scheut, auch mal den Bus zu nehmen, der im Supermarkt älteren Herren beim Einkauf hilft und den Rest des Tages einfach nur seinen Job gemacht hat. Umso mehr bleibt zu hoffen, dass nach all den vergangenen Presseattacken, fragwürdigen Privatvideobeiträgen und übersteigerten Schlagzeilen über Alkoholeskapaden und angebliche Lethargie bald auch die Letzten erkennen werden, wie viel mehr Rhys Meyers verdient hat als einen eigenen Topf in der Gerüchteküche. Wie die Medien ihn behandeln ist ungerecht, so ein Freund, er ist alles andere als ein bemitleidenswerter Durchgeknallter, er ist eine Inspiration.

Das ist er in der Tat. Ein unangefochtener Meister des Zirkulierens in Zehntelsekunden lebloser Starre und Momentausschnitten mitreißender Energetik, die wie defibrillierende Schocks zielsicher in Mark und Bein fährt und einen in Wellen der Bewunderung ans Land der eigenen Gefühlswelt spült. Längst hat er sich zu einem der Größten unserer Zeit gekämpft und letztlich ist es das, womit die Medien sich beschäftigen sollten- mit der Würdigung einer inspirierenden Karriere anstatt der Jagd nach scheinbaren Skandalen um seine Person, der Verletzung seiner Privatsphäre und damit jeglicher Moral. Denn dem, der "Brillantes" geben will, sollte doch zumindest ein gewisses Maß Respekt zurückgegeben werden.

Quellen

IMDb Biografie, Filmografie& Zitate

"Shelter" DVD, Exras, Interviews, Marlind&Stein

Sima Moussavian , Vera Ilic

Sima Moussavian - Romanautorin "The Fringe Report" (2011) http://the-fringe-report.jimdo.com/ "Tauschgeschäfte" (2012) Verfasserin von ...

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