Jorinde und Joringel (2011) – oder: Nur die Liebe zählt

Jorinde (L. Reichmann) und Joringel (J. Nay) - RBB/Arnim Thomaß
Jorinde (L. Reichmann) und Joringel (J. Nay) - RBB/Arnim Thomaß
Der ARD-Märchenfilm erzählt die Geschichte eines Liebespaares, das sich gegen böse Mächte behauptet. Sendetermin: 1. Weihnachtstag, 25. Dezember 2011, ARD.

Ausgerechnet Johann Wolfgang von Goethe soll seinen Studienfreund Heinrich Jung-Stilling ermuntert haben, einen autobiografischen Roman zu schreiben. Diese Lebenserinnerungen wären wohl nie so bekannt geworden, wenn darin nicht so ganz nebenbei auch ein veritables Märchen vorkommt: So berichtet der verträumte Protagonist Henrich, wie ihm bei einem Spaziergang durch den Wald seine Tante die Geschichte von "Jorinde und Joringel" erzählt. Von der "anrührenden Liebesgeschichte" (Uther) hören auch die Brüder Grimm – und sind so fasziniert, dass sie das Märchen 1812 in die Erstausgabe ihrer "Kinder- und Hausmärchen" aufnehmen:

Das Liebespaar Jorinde und Joringel verirrt sich in einem Wald und gerät in die Fänge einer Zauberin, die jeden bannt, der sich zu nah an ihr Schloss wagt. Sie verwandelt Jorinde in eine Nachtigall und prophezeit Joringel, dass er seine Geliebte niemals wiedersehen wird. Später träumt er von einer Zauberblume, mit deren Hilfe er in das Schloss eindringt und alles entzaubert, was er mit der Blume berührt – auch Jorinde. Daraufhin sucht und findet er die "blutrote Blume" (Grimm) und erlebt all das, was ihm im Traum vorausgesagt. Er entzaubert nicht nur Jorinde. Auch andere Jungfrauen – zuvor noch Vögel in 7000 Körben – erlangen wieder ihre menschliche Gestalt.

ARD-Märchenfilm stellt Liebesbeziehung in den Mittelpunkt

Dass die "feine, romantische Erzählung" (Scherf) bisher nur dreimal in Deutschland verfilmt wird – als Trick- und DEFA-Märchenfilm – mag auch daran liegen, dass die Vorlage so gar nicht in das klassische Grimmsche Märchenmuster passen will: So finden sich unter den Figuren weder mutige Prinzen noch feuerspeiende Drachen oder böse Stiefmütter. Und auch die grausame Bestrafung böser Charaktere bleibt letztlich aus. In "Jorinde und Joringel" steht ganz klar eine Liebesbeziehung im Vordergrund. Zudem konzentriert sich das Märchen auf Motive, wie "Verwünschungen und Verzauberungen, durch die der Mensch seine Identität verliert" (Freund).

Hierauf setzt auch die neueste Verfilmung des Märchens in der Regie von Bodo Fürneisen. In der ARD-Adaption für die "Auf-einen-Streich"-Reihe wird nicht nur das Figurenensemble erweitert, sondern auch die Zauberblume mit gegensätzlichen magischen Kräften ausgestattet: Sie bringt Glück und Unglück zugleich. Der Bruch mit der einseitigen positiven Bedeutung der Blume als "Helfer oder Schlüssel zum Glück" (Meinel) geht einher mit einer ebenso ausdifferenzierten Zeichnung der Charaktere im Märchenfilm, die beispielsweise das Verhalten der bösen Figuren hinterfragt – wenn im Film die wahren Motive der Zauberin (Katja Flint) erkennbar werden.

Joringel ist das "schwarze Schaf" in einer Adoptivfamilie

Die Drehbuchschreiber Olaf Winkler und Nicolas Jacob beginnen ihre Adaption mit einer Rahmenhandlung: An einem Sommertag, an dem das gleißende Licht der Sonne durch die Blätter der Bäume fällt, zeigt ein alter Mann auf ein Herz. Es ist in eine Baumrinde eingeritzt. Und in dem Herz stehen die Initialen Jo + Jo: Jorinde + Joringel. Der alte Mann ist Joringel ... Mit dem Herz-Symbol wird schon in einer der ersten Einstellungen das Liebes-Motiv in den Mittelpunkt gerückt – im Gegensatz zum Beginn der Vorlage ("Es war einmal ein Schloss mitten in einem großen dicken Wald"), die anfangs "alle Beigaben einer Schauergeschichte" (Uther) enthält.

In einer Rückblende erfährt der Zuschauer, was es mit dem alten Mann, dem Herzen und den Initialen auf sich hat: Der junge Joringel (Jonay Nay) lebt als Knecht und Schafhirte bei einer vierköpfigen Familie, die ein Wirtshaus betreibt. Zu der gehört auch das Mädchen Jorinde (Llewelly Reichmann). Beide sind ineinander verliebt – und haben deshalb ihre Initialen in die Baumrinde geritzt. Doch Jorindes Vater (Veit Stübner) hält wenig von Joringel. Für ihn ist er nur ein verspielter Taugenichts, der auch gern aus Jux auf einem schwarzen Schaf reitet, um seiner Jorinde ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. Dabei wird auf das sprichwörtliche "schwarze Schaf" der Familie angespielt.

Grimmsche Hexe wird zur attraktiven Anti-Fee

Denn Joringel, dessen Eltern bereits gestorben sind, verhält sich in seiner Adoptivfamilie sympathisch unangepasst – der "Außenseiter" ruft immer wieder den Unwillen des Wirts hervor. Als Joringel ihn bittet, seine Tochter Jorinde heiraten zu dürfen, verbietet er die Hochzeit der beiden. Das Liebespaar flieht. Allerdings nehmen beide den Weg durch den Zauberwald, den die Menschen meiden, weil dort eine Zauberin ihr Unwesen treiben soll. In Gestalt einer Nachteule beobachtet sie die beiden bereits – bis sie in ihrer menschlichen Erscheinung als Zauberin das Mädchen Jorinde in eine Nachtigall verwandelt und Joringel im Wald allein zurücklässt.

Die noch bei den Grimms "alte krumme Frau (…) gelb und mager: große rote Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte" hat sich in ihrem Erscheinungsbild in eine attraktive Anti-Fee gewandelt: Rotes Haar und ein kühl-berechnendes Auftreten vervollkommnen ihre "dämonische Ausstrahlungskraft" (Uther). Da sie im Äußeren einer guten Fee, im Inneren aber einer bösen Hexe gleicht, bildet sie in der Adaption in ein und derselben Person ein "dualistisches Weltverständnis" (Freund) ab – das umso gefährlicher erscheint. Dagegen orientieren sich die Motive für ihr Verhalten wieder am zentralen Motiv des Märchenfilms: die Liebe.

Zauberin wurde selbst von ihrer großen Liebe verlassen

Oder vielmehr an unerfüllter Liebe. Denn die Zauberin ist von der Liebe enttäuscht, weil sie einst von einem Ritter (Uwe Kokisch) wegen einer magischen Blume verlassen wurde – die ihm Macht und Reichtum sichert. Beide sind jetzt verbittert und nicht mehr als zwei gebrochene Existenzen. Der Ritter ist zum Raubritter degeneriert, der – mit Hilfe der Zauberblume – das Land in Angst und Schrecken versetzt und auf einer Burg haust. Und die Zauberin ist von Eifersucht und Neid innerlich zerfressen und hält hunderte von Mädchen in ihrem Schloss gefangen, die angeblich von ihren Männern verlassen wurden – so wie sie selbst vor vielen Jahren von ihrem Ritter.

Doch das "Frauenhaus", in dem die Mädchen aus Weidenzweigen Körbe flechten, ist kein Ort des Schutzes, sondern ein Gefängnis – das die Mädchen von ihren Liebsten trennt. So wie Jorinde. Doch Joringel erfährt, dass er sie mit Hilfe der Zauberblume retten kann, weil die Blume den Bannkreis – im Film tricktechnisch als wabblige transparente Masse dargestellt – des Schlosses durchbricht. Die Zauberin will das verhindern und stellt Joringel vor drei Prüfungen. Die neu ins Drehbuch aufgenommenen Liebes-Tests für den jungen Mann orientieren sich nicht nur an der klassischen Zahlensymbolik des Märchens.

Joringel muss drei Prüfungen im Liebes-Test bestehen

Sie rücken auch hier das Liebes-Motiv in den Mittelpunkt: Zuerst beweist er Treue, wenn er der Verführung durch eine Gauklertochter (Leonie Renée Klein) widersteht. Er bleibt standhaft, als ihm Schätze und Reichtümer versprochen werden – wenn er dafür Jorinde vergisst. Und er lässt sich nicht täuschen, als sich die Zauberin selbst in eine zweite Jorinde verwandelt und von ihm lossagt. Das hier verwendete Doppelgänger-Motiv kennt der Zuschauer zwar eher aus den romantischen Kunstmärchen E. T. A. Hoffmanns oder Hans Christian Andersens – doch gewinnt die Adaption mit solchen märchenhaften Ideen in ihrer Erzählstruktur.

Joringel widersteht allen Versuchungen – und kann dem Raubritter die Zauberblume stehlen. Doch als er diese benutzt, um den Bannkreis des Schlosses zu durchbrechen, entfaltet sie nicht nur ihre positiven, sondern auch ihre negativen Kräfte: Der Bannkreis verschwindet, im selben Augenblick verliert Joringel seine Jugend und die Blume verdorrt. Als Greis mit grauen Haaren erlöst er Jorinde auf dem Schloss der Zauberin und mit ihr alle anderen in Vögel verwandelte Mädchen – gibt Jorinde aber nicht seine wahre Identität preis. Als er wenig später wieder vor dem Baumstamm steht, in dem er das Herz mit den Initialen eingeritzt hat, schließt die Rahmenhandlung.

Zauberin und Raubritter vs. Jorinde und Joringel

Doch wahre Liebe versetzt bekanntlich Berge – oder, wie hier: lässt eine eben noch verdorrte Zauberblume wieder erblühen. Ihre blutrote Farbe ist ja auch ein Symbol "aktiver Liebe (…), die Magie unschädlich werden lässt und Seelenkräfte erneuern hilft" (Uther) – und Joringel die Jugend wiederbringt. Die Zauberin und der Raubritter – das dramaturgische Gegenbeispiel zu Jorinde und Joringel – werden am Ende in Stein verwandelt. Und sind letztlich doch noch vereint, wenn auf der Schulter des Raubritters die Zauberin in ihrer Gestalt als Nachteule sitzt – gleich einem Mahnmal, dass Liebe doch stärker als Hass ist.

Film: "Jorinde und Joringel" (2011, Regie: Bodo Fürneisen, BRD). Erschienen auf DVD in "Sechs auf einen Streich 4. Staffel" bei Telepool im Vertrieb der KNM Home Entertainment GmbH.

Drehorte: Schlosspark Petzow, Burg Querfurt, Burg Falkenstein, Stiftung Kloster und Kaiserpfalz Memleben

Literatur:

  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Stuttgart, 2007
  • Freund, Winfried: Märchen. Köln, 2005
  • Meinel, Gertraud: Blume, in: Enzyklopädie des Märchens. Bd. 2. New York/Berlin, 1979
  • Scherf, Walter: Lexikon der Zaubermärchen. Stuttgart, 1982
  • Uther, Hans-Jörg: Jorinde und Joringel, in: Enzyklopädie des Märchens. Bd. 7. New York/Berlin, 1993