
- Joseph Roth, 1935 im Pariser Hotel Foyot - Josef Breitenbach 1935 (public domain)
Kaum gewürdigt ist, dass Joseph Roth einer der bedeutendsten deutschsprachigen Journalisten der Zwischenkriegszeit war. Ein brillanter „Schreiberling“, dessen pointierte Reportagen und Feuilletonbeiträge Höhepunkte der deutschsprachigen Zeitungen waren, für die er arbeitete. Aus dem Schüler einer kleinen jüdischen Gemeindeschule im galizischen Brody, tief im Osten des Habsburgerreiches, wurde ein „Hotelbürger“, der zwischen Wien, Berlin und Paris pendelte. Er meldete sich mit Reportagen aus Polen, Italien, Albanien und der Sowjetunion. Er schrieb in lärmenden Kaffeehäusern, deren Publikum sich aus Intellektuellen und bunten, polyglotten Existenzen zusammensetzte, deren Persönlichkeiten zu einer Umschreibung für eine untergegangene Welt gerieten. Seinem Leben fügte Roth situativ immer einige Details hinzu, die er an anderer Stelle unbeschwert variieren konnte, so dass für seine Zeitgenossen Legende und Wirklichkeit verschwammen. Der Erzähler und Romancier Joseph Roth überschattet schließlich den Journalisten Joseph Roth. In einem poetischen Moll-Ton behandeln seine Romane den Untergang der k. u. k. Monarchie, die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg mit Heimkehr und Inflation oder das jüdische Leben in Galizien. Gibt es in seinem Werk so etwas wie ein Leitmotiv, dann ist es die Suche nach einer Heimat, die nicht ausschließlich eine örtliche und sprachliche bedeutet, sondern eher mentaler und identitätsstiftender Natur ist.
Der Journalist Joseph Roth – „Objektivität ist Schweinerei“
Joseph Roth war befreundet mit Egon Erwin Kisch, der als „Der rasende Reporter“ (1924) auch in die Literaturgeschichte einging. Kischs Credo war die Objektivität. Roth hingegen nannte es ein Verbrechen, wenn ein Artikel nicht die Individualität des Schreibenden ausdrücke, das „Ich“ nicht zum Ausdruck komme, da aller Anspruch auf Objektivität verlogen sei. Vielleicht könnte man Roths Haltung auch als kritischen Rationalismus bezeichnen. „Ich bin ein Franzose aus dem Osten, ein Humanist, ein Rationalist mit Religion, ein Katholik mit jüdischem Gehirn, ein wirklicher Revolutionär.“ Ein Kind des Habsburgerreiches und seiner zwanzig Sprachen und sechs Konfessionen eben, einst vereint im Kaisertum Österreich und im Königreich Ungarn. Vielleicht fiel eine gewisse abgeklärte objektive Sichtweise in den Zentren der Monarchie wie in Wien, Budapest oder in der Stadt Prag, aus der Kisch stammte, immer etwas leichter als im jiddisch-deutsch, polnisch- sowie ukrainisch-russischsprachigen Mosaik Ost-Galiziens, aus dem Roth hervorging und das im Habsburgerreich oft nur ein Synonym für Armut und Unterentwicklung war.
Der Erzähler Joseph Roth I – „Radetzkymarsch“
Im „Radetzkymarsch“ verdichtet Roth unvergesslich mit der Familie von Trotta den Niedergang des Habsburgerreiches, vom Helden der Schlacht von Solferino (1859) bis zum im Weltkrieg fallenden Urenkel Carl Josef. Der junge Leutnant durchlebt den Korpsgeist eines in Spielschulden, Slibowitz, „90 Grädigen“ und Ehrenhändeln versinkenden Offizierskorps, das an der Peripherie des Habsburgerreiches auf dem Karussell nationaler und sozialer Spannungen mehr schlecht als recht die Zeit totschlägt. Ob die Beschreibung des sonntäglichen Tafelspitz im „Radetzkymarsch“: „Das Auge des Bezirkshauptmanns liebkoste zuerst den zarten Speckrand, der das kolossale Stück Fleisch umsäumte …“, oder: „Der Doktor sah zum Himmel hinauf, von den ruhigen Sternen kam kein Rat, kälter waren sie als der Schnee ringsum. Finster waren die Häuser, taubstumm die Gassen, der Nachtwind zerblies den Schnee zu Staub, die Sporen Trottas klirrten sacht, die Sohlen des Doktors knirschten daneben.“ machen Roth zu einem Autor, der Geschichten erzählen konnte, deren eigenartige Traurigkeit zugleich in eine feine Sinnlichkeit eingebettet war.
Der Erzähler Joseph Roth II – „Der Leviathan“
In „Der Leviathan“ schildert Roth das Schicksal des frommen jüdischen Korallenhändlers Nissen Piczenik aus dem „kontinentalen Progrody“. Roth erzählt von Nissen Piczeniks zunehmender Sehnsucht nach dem Meer und der Vereinigung mit seinen geliebten, geheimnisvollen Geschöpfen vom Meeresgrund. Die Abwendung von der Welt und ihren Menschen um Piczenik herum reifen nach dem Tode seiner Frau zu einem Wunsch: „Solch ein Wunsch kommt plötzlich, ein gewöhnlicher Blitz ist nichts dagegen, und er trifft den Ort, von dem er gekommen ist, nämlich das menschliche Herz. Es schlägt sozusagen in den Geburtsort ein. Also war auch der Wunsch Nissen Piczeniks. Und es ist kein weiter Weg von solch einem Wunsch bis zu einem Entschluss.“ Nissen Piczenik beschließt, nach Kanada auszuwandern und versinkt auf der Reise dorthin im Atlantik. Roths Erzählweise ist auch hier voller Feinheit und schafft ganz sanft eindrucksvolle Bilder.
Der Erzähler Joseph Roth III – Entfremdung und Heimatlosigkeit
Hiob ist Roths „Roman eines einfachen Mannes“, eine Allegorie in Anlehnung an das Alte Testament. Das Bild des von Schicksalsschlägen gebeutelten und sich daher gegen Gott erzürnenden Mendel Singer. Sein Schicksal treibt ihn seinen Söhnen hinterher von Russland nach Amerika, ein für Mendel fremdes Land. In der Tradition Balzacs, Stendhals, der Großen Russen und eben auch Hofmannsthals und Schnitzlers erzählt Roth Geschichten der Entfremdung und Suche wie in die „Rebellion“, in der der Kriegsinvalide Andreas Pum sich gegen Gott und staatliche Willkür empört.
Sowohl Roths „Hotel Savoy“ als auch „Die Kapuzinergruft“, in der ein anderer Zweig der Trottas noch einmal auftaucht, sind von eigentümlich melancholischer Traurigkeit und Heimatlosigkeit bestimmt, die nicht unbedingt zu verorten sind. Roths Essay „Juden auf Wanderschaft“ ist eine Hommage an die Menschen seiner ostgalizischen Heimat und ihrer Diaspora. Die Legende „Vom heiligen Trinker“ jedoch lässt eine Suche enden und Roths Tod nach einigen Schicksalsschlägen scheinbar vorweg nehmen.
Der Emigrant – Tod in einem Pariser Armenhospiz
Joseph Roth war ein konservativer Revolutionär, Jude, Antizionist, Katholik, Hasser von Willkür und Bürokratie, er war ein Anhänger der Monarchie oder zumindest ihrer Idee oder was er in seiner Heimatlosigkeit gerade nach 1933 in ihr verwirklicht sehen wollte: Eine Identität in der Vielfalt, ein Europa im Kleinen. Er war vieles und vor allem eins, ein erbitterter Gegner Hitlers und seiner Paladine, die Europa in den Abgrund rissen. Roth versuchte den „Anschluss“ Österreichs, in dem er das alte Deutschland sah, zuvorzukommen. Er versuchte den kosmopolitischen und polyglotten Kaisersohn Otto von Habsburg als Regierungschef durchzusetzen, was bekanntlich scheiterte. Roth lebte zunehmend im Delirium, soff und schrieb exzessiv. Er saugte traurig alles auf und starb 1939 in einem Pariser Armenhospiz. Im Gedächtnis der deutschsprachigen Literatur immer etwas abseits stehend, verdankt ihm die Welt wunderbare Erzählungen.
„Ich weiß nicht, erwiderte Doktor Skowronnek, ich glaube, sie konnten beide Österreich nicht überleben.“ („Radetzkymarsch“ – Schluss)
„Wohin soll ich jetzt, ein Trotta?“ („Die Kapuzinergruft“, nach dem „Anschluss“ Österreichs)
