
- Schreibende Zunft - Tom Koehler, Hamburg
Zwei Journalisten machen sich im Auftrag der Stiftung Wertevolle Zukunft auf eine Reise durch Mediendeutschland und befragen Medienmacher und anhängig Beschäftigte zur Lage des Journalismus. Anne Kunze und Felix Rohrbeck entdecken eine gar nicht einheitliche Landschaft zwischen Typo und Video. Daraus entstand das Buch "Journalismus nach der Krise". Ihre Gesprächspartner reichten vom Bild-Chef Kai Diekmann bis zum Gründer des Berufsverbandes der Freischreiber, Kai Schächtele. Diesen und den Journalisten Hans-Jürgen Börner (ex Extra3 beim NDR, jetzt Dozent der Hamburg Media School) begrüßte der Moderator des Abends, Uwe Jean Heuser, Resortleiter Wirtschaft der Zeit, ebenfalls auf dem Podium. Die Autoren: "Das Buch hat Lust gemacht auf Journalismus." Eine Diskussion, geführt in der Stiftung Wertevolle Zukunft Hamburg am 30. November 2010.
Aufbruch oder Ausverkauf
Ob der Journalismus oder die Journalisten in der Krise stecken, konnte in der Diskussion nicht geklärt werden. Dazu sind die Ansätze der Beteiligten zu unterschiedlich. Doch genau das lässt das Gespräch darüber – auch in Zukunft – spannend sein. Der Journalist, die Journalistin werden in ihrer ursprünglichen Fassung immer noch gebraucht. Sie sind Erklärer, vereinfachen komplizierte Sachverhalte, benennen Probleme. Dazu kommt die neue Rolle als Aufbereiter der Datenmassen, des Info-Wirrwarrs. Die entscheidenden Sachverhalte müssen herausgehoben werden. Es gibt eigentlich genügend zu tun für die vierte Gewalt. Schächtele dazu: "Es ist eine Verzagtheit. Immer die Frage, ob man mit den vielen neuen Kanälen die Arbeit monetarisieren kann." Er sieht den Versuch vieler Kollegen und Kolleginnen, sich von den übermächtigen Medienunternehmen zu emanzipieren. Die Krise ist die Zweiklassengesellschaft: fest angestellte und freie Mitarbeiter sowie Pauschalisten. Letztere lassen mit der schmalen Hoffnung auf Anschlussaufträge fast alles mit sich machen. Die vierte Gewalt im Staat ist mit anderen Erwartungen gestartet und jetzt zynisch geworden. Das Besinnen auf goldene Zeiten wird ritualisiert – und der Markt wandelt sich in einem Höllentempo.
Es gibt keine bessere Zeit für Journalisten
Sinngemäß schrieb so die Medienjournalistin Ulrike Langer in ihrem Blog und zäumte das Medienpferd von hinten auf. "Was Sie vor allem brauchen, ist Leidenschaft, Mitteilungsdrang und Themen, die Ihnen so sehr unter den Nägeln brennen, für die Sie sich so sehr interessieren, dass Sie dazu publizieren, egal, ob es dafür einen zahlenden Abnehmer gibt." Dafür plädiert auch Hans-Jürgen Börner: "Ich vermisse Haltung, den Ehrgeiz, eine Mission. Ein guter Journalist will die Welt verbessern!" Ein Journalist muss Stellung beziehen. Das heilige Feuer des Journalismus soll in ihnen brennen. Börner: "Der Journalist, besser sein Produkt, muss zur Marke werden. Der Journalist muss sich als Medienunternehmer verstehen." Schächtele unterstützt dies mit Beispielen und berichtet von Kollegen, die voller Tatendrang an einem wöchentlichen Fussball-Talk arbeiten - ohne abzusehen, ob es sich eines Tages bezahlt macht. Das Experimentieren, das Erlernen neuer Formen der Arbeit und der direkte Austausch mit seinen Lesern macht die "neue Zeit" spannend und lehrreich.
Pfusch am Schrieb?
Die Ablenkungskultur des Internets verändert mit hoher Schlagzahl auch die Art des Lesens. Selbst die Autoren des Buches bestätigten, dass es zunehmend schwerfalle, einen längeren Text zu lesen. Es ist schon nötig, sich dazu zu zwingen. "Der Klick zur nächsten Sensation ist nicht weit entfernt!" so Heuser. In der Bruchstück-Kultur lauert auch noch eine andere Gefahr: der Zitatejournalismus. Zum einen wird ungeprüft vom Vorgänger übernommen, was er schrieb. Der wird das schon dokumentiert haben. Zum anderen verursache das unlautere Zuspitzen Druck auf Themen und Personen. Neben den Zitaten werden auch Quellen benutzt, ohne sie hinreichend geprüft zu haben. Google macht faul, die Datenbank träge. Ein Struktur- oder ein Kompetenzproblem? Eine Erkenntnis bei der Arbeit an dem Buch, so Rohbeck: "Mehr Zeit für Recherche wird gebraucht. Mehr Gewicht muss auf Qualität gelegt werden." Dies muss bezahlt werden, die Medien-Unternehmen sind in der Pflicht.
Die Aussichten
"Es ist eine Konzentration und keine Krise. Zeitungen wird es immer geben, sie gehören zur Demokratie." so der Journalist Börner. Allerdings muss die Frage nach der Finanzierung der Arbeit der vierten Gewalt gestellt werden. Während das Fernsehen zwangsfinanziert ist, leben die großen Verlage von Werbung. Freier, unabhängiger Journalismus wird damit infrage gestellt. Nicht aber sein Sinn, seine Aufgabe und spannende Herausforderung. Assistierend dazu nochmal Ulrike Langer: "Es war noch nie so spannend wie in diesen Zeiten, Journalist zu sein. Und erst recht Journalist zu werden. Denn im Jahr 2010 brauchen Sie weder einen Verlag noch einen Sender im Rücken, um Journalist zu sein. Sie brauchen nur einen Laptop, eine Internetverbindung und Ihr Handy und dann legen Sie los. Ihre Druckmaschine ist Ihr Blog, Ihr Sender ist ein eigener YouTube-Kanal, ihr Nachrichtenticker ist Twitter, statt auf Fluren von Verlagshäusern halten Sie über Facebook Kontakt mit Ihren Kollegen." Es wandelt sich also nicht nur der Journalismus, sondern auch der Journalist.
