
- Das Wichtigste zuerst - Gerhard Ott
Morgens beim Frühstück. Der Zeitungsleser will sich informieren. Weiß er immer, was er dort liest? Hat jeder Leser im Deutsch-Unterricht gelernt, zwischen Meinungsmache und Information zu unterscheiden? Der Journalist lernt, verschiedene Darstellungsformen und Textsorten zu unterscheiden und anzuwenden. Grundsätzlich gibt es zwei Formen:
- Tatsachen- oder informationsorientierte Texte
- Meinungsbetonte Texte
Meldungen, Nachrichten, Bericht und Interview vermitteln vor allem Tatsachen und Informationen. Interview und Kommentare vermitteln auch Meinungen. Auf Zwischen- und Übergangsformen – Reportage und Feature – sollte der kritischen Leser ein besonders achten.
Mit Tatsachen will ein möglichst objektiver Journalist seine Leser informieren. Dazu dienen:
- Meldung
- Nachricht
- Bericht
- Interview
- Reportage
Die wichtigsten Merkmale der journalistischen Textsorten werden hier beschrieben.
Meldung
Die wichtigsten Merkmale einer Meldung sind: Sie ist die kürzeste aller journalistischen Darstellungsformen. Das Wichtigste kommt zuerst und die grundlegenden W-Fragen (Was? Wer? Wo? Wann? Wie? Warum?) werden beantwortet. Die anglizistischen „breaking news“ der elektronischen Medien sollten Meldungen sein.
Nachricht
Das heute übliche Aufbauprinzip einer Nachricht ist der zweiteilige Aufbau in Kopfteil (englisch „lead“) und Nachrichtenkörper. Das Wichtigste kommt an den Anfang. Das kann jede Antwort auf die sechs W-Fragen sein. Im zweiten Teil, dem Nachrichtenkörper, folgen ausführlichere Informationen. Daraus ergibt sich ein umgekehrt pyramidaler Aufbau (siehe Grafik).
Ein möglicher Nachteil dieses Aufbauprinzips ist: Der (eilige) Leser liest nur den Lead. Oder: Die Chronologie von Abläufen wird nicht dargestellt. Da in der Regel der Nachrichtenkörper von hinten gekürzt wird, dürfen auf keinen Fall Lead-Anteile im Körper vorhanden sein, weil sonst unter Umständen der Sinn der Nachricht nicht erhalten bleibt.
Von der Meldung zur Nachricht und zum Bericht
Die Meldung kann so neutral objektiv sein, dass sie nicht jedermann interessiert. Wer kennt nicht den schulterzuckenden Satz „Wen interessiert es, wenn ein Sack Reis in China umfällt?“ Ein Faktor, der eine Meldung zur Nachricht macht, ist die Nähe zum Leser. Der Nachrichtenfaktor „Nähe“ besteht aus den Aspekten räumlicher, politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Nähe. Die Lokalpresse berichtet andere Nachrichten als die überregionale Zeitung. Schulpolitische Fragen werden Eltern mehr interessieren als Singles. Nicht alle steuerpolitischen Fragen berühren jeden Bürger. Kulturell bestehen deutliche Unterschiede zwischen einer Tageszeitung und einem Szenemagazin.
Der Unterschied zwischen einem Bericht und einer Nachricht ist oberflächlich der, dass ein Bericht ausführlicher als eine Nachricht ist. Dabei ist nicht allein die Länge des Berichts der unterscheidende Faktor, sondern auch Aufbau und Sprache des Textes. Eine Nachricht soll kurz die Information vermitteln. Ein Bericht verpackt die Information anziehend und macht sie für den Leser interessant.
Kommentare sind Meinungen
Die meisten Zeitungen bringen Meldungen und Nachrichten auf der Titelseite und Kommentare auf der zweiten Seite. Ein typischer Kommentar ist zweiteilig. Im ersten Teil steht, worum es geht, das Thema, das Problem. Im zweiten, mittleren Teil wird argumentiert und Pro und Kontra abgewogen, um im dritten und letzten Teil, dem Schluss, eben schließen zu können, so oder so sei nach Meinung des Kommentators die Lösung des Problems oder das Thema zu bewerten. Kommentare sind immer mit vollem Namen des Verfassers gekennzeichnet; bei anderen Textformen kann dies der Fall sein.
Wesentliches Element eines typischen Kommentars ist die Tatsache, dass der Autorenname genannt wird. Das zeigt, dass hier ein Autor seine Meinung wiedergibt. Die unbeantwortete Frage "Welche Bedeutung hätte das für das eigene Selbstverständnis?" ist ebenfalls typisch für einen kommentierenden Text. Es wird bewertet. Auch Leitartikel, Rezensionen und Glossen sind meinungsbetonte Textformen.
Der Sprung vom Bericht zur Reportage
In einer Reportage wird – noch mehr als in einem Bericht – das Interesse des Lesers geweckt: Interesse kommt aus dem Lateinischen inter esse, so viel wie "dazwischen sein". Durch angemessen "gefühlsvolle" Sprache erweckt der Schreiber für den Leser den Eindruck, dieser sei selbst bei dem Geschehen dabei gewesen. Deshalb auch das deutsche Wort Erlebnisbericht für Reportage. Reportage (lateinisch reportare, etwas zurückbringen, heimbringen) heißt im übertragenen Sinne auch „gewinnen“, also den Leser für den Text gewinnen.
Ein Journalist kann einen Bericht über einen Sachverhalt unter Umständen alleine anhand von Unterlagen, Stoffsammlungen (Recherche) schreiben. Für eine Reportage muss der Reporter vor Ort dabei gewesen sein, damit er etwas in die Redaktion "heimbringen" kann und dort dem Leser die Reportage liefert. Das Lateinische redactus ist das Partizip Perfekt Passiv von redigere. Das heißt so viel wie "zurückbringen" und steht bildlich auch für "in einen Zustand versetzen". Mittels einer Reportage kann der Reporter/Redakteur/Journalist den Leser in den Zustand versetzen, selbst dabei gewesen zu sein. Deshalb kann die Reportage durch Bilder unterstützt werden.
