
- J.R.R. Tolkien, Die Legende von Sigurd und Gudrún - Klett-Cotta
Dass John Ronald Reuel Tolkien ein begeisterter Anhänger der nordischen Sagenwelt war, dürfte so manchem Fan der „Herr der Ringe“-Trilogie aufgefallen sein. Die Welt der Asen, Midgard und Ragnarök dienten ihm vielfach als Inspirationsquelle. Tolkiens teils schwer leserlichen Aufzeichnungen zu „Die Legende von Sigurd und Gudrún“, sind seinem Sohn zufolge vermutlich in den 1930er Jahren entstanden und wurden lediglich in den Briefen J.R.R. Tolkiens erwähnt und nun erstmals durch Christopher Tolkien veröffentlicht.
Das Buch beginnt mit einer längeren Einführung und Erläuterung des Herausgebers. Der Hauptteil setzt sich aus dem „neuen Wölsungenlied“ und dem „neuen Gudrúnlied“ zusammen, welche ebenfalls von Christopher Tolkien im Anschluss kommentiert werden.
Die Legende von Sigurd und Gudrún – Eine Geschichte voller Mord und Betrug
Das neue Wölsungenlied erzählt, wie es der Name bereits vermuten lässt, von den Wölsungen, insbesondere Sigurd (Siegfried) und seinen Taten. Wie nach dem Kampf gegen den Drachen Fáfnir und der Erweckung der Walküre Brynhild durch Unwissenheit, Zauberei und Betrug, grosses Unglück entsteht, welches nicht nur für Sigurd drastisch endet. Das neue Gudrúnlied erzählt deren Geschichte nach dem Ableben Sigurds, den Morden an ihren Brüdern und ihrer Ehe mit dem Hunnenkönig Attila (Etzel).
Völsunga-Saga, Edda und Nibelungenlied als Grundlage
Wer bereits mit dem Stoff der nordischen Mythologie vertraut ist, hat zweifellos einen Vorteil gegenüber dem reinen Herr der Ringe-Fan. Der Meister der Fantasy-Literatur hat mit den Notizen, welche dem Buch „Die Legende von Sigurd und Gudrún“ zugrunde liegen, den Versuch unternommen, die alten Sagen und Lieder der Germanen neu zu erzählen und die nicht überlieferten Fragmente dieser, ebenfalls plausibel wiederzugeben. Als Quelle dienten Tolkien die Völsunga-Saga (Wölsungenlied), das Nibelungenlied sowie die Ältere Edda (Lieder- oder Prosa-Edda) und die Neuere Edda (Snorri Edda).
Aufbau von „Die Legende von Sigurd und Gudrún“
Das besondere an Tolkiens Werk und für manche wohl auch gewöhnungsbedürftige, ist die Gedichtsform, in welcher die Erzählung verfasst wurde. Der Autor hat sich zwar des modernen Wortschatzes bedient, jedoch diesen in Form von Stabreimen, welche sich an den Rhythmus und das Grundmuster der traditionellen Lyrik der Lieder-Edda aus dem 13. Jahrhundert halten, wiedergegeben. Die deutsche Ausgabe von „Die Legende von Sigurd und Gudrún“ beinhaltet sowohl die Originalverse Tolkiens, wie auch die Übersetzung von Hans-Ulrich Möhring. Diesem ist es hervorragend gelungen, den Rhythmus und die Form der Stabreime beizubehalten, was das Versepos besonders für Kenner beider Sprachen, zu einem Lesevergnügen werden lässt.
Empfehlungen und Kritik
Wer auf einen Epos à la „Der Herr der Ringe“ hofft, wird mit dem neu veröffentlichten Werk Tolkiens eher enttäuscht. „Die Legende von Sigurd und Gudrún“ ist keine erfundene fantastische Geschichte, sondern vielmehr das sagenhafte Werk eines Liebhabers der nordischen Mythologie und Dichtkunst. Entsprechend wird es auch eher Leser, welche sich für gehobene, anspruchsvolle Literatur sowie für Mythologie, insbesondere die Sagen der Edda und der Nibelungen, interessieren, in seinen Bann ziehen. Doch auch jedem anderen, der sich für Geschichten in Versform und schöne Worte begeistern lässt, kann dieses Buch ans Herz gelegt werden.
Die etwas lange Einleitung und Erläuterung zu Tolkiens Aufzeichnungen und der Edda selbst, dürfte für den reinen Geschichten Liebhaber allerdings eher zähflüssiger Lesestoff darstellen. Für Linguisten, Historiker und Wissbegierige ist diese dennoch zu empfehlen. Auch die grosszügigen Kommentare Christopher Tolkiens im Anschluss an die beiden Lieder (Das neue Wölsungenlied und das neue Gudrúnlied), erweisen sich als sehr interessant und aufschlussreich. Im Grossen und Ganzen ist „Die Legende von Sigurd und Gudrún“ ein durchwegs gelungenes literarisches Werk auf gehobenem Niveau.
Das Buch:
J.R.R. Tolkien, Die Legende von Sigurd und Gudrún (The Legend of Sigurd und Gudrún), herausgegeben von Christopher Tolkien, Hobbit-Presse, Klett-Cotta 2010, ISBN: 978-3-608-93795-4, 560 Seiten, Hardcover, 24.90 Euro (DE)
