
- Die Inka-Mumie Juanita in Peru - Dr. José Antonio Chávez
Das Wetter ist unerbittlich in 6.310 Metern Höhe. Die Luft ist atemlos dünn, der Wind eisig und der Schnee wird hier niemals schmelzen. Doch vor 500 Jahren konnte all das die Pilger der Inka nicht davon abhalten, Vulkane wie den Ampato im heutigen Peru zu besteigen. Für die Priester jenes Volkes lebten die Berge, waren Wohnstatt von Göttern, denen in schweren Zeiten Opfer gebracht werden mussten. Im ewigen Eis wurden viele dieser Opfer, meist Kinder, für die Ewigkeit konserviert, um vielleicht Jahrhunderte später wieder gefunden zu werden. Die bekannteste Inkamumie wurde 1995 vom Gipfel des Ampato geborgen, sie erhielt den Namen Juanita.
Juanita, das Mädchen aus dem Eis
Klein und zerbrechlich wirkt die kindliche Mumie, doch lässt ihr schmales Gesicht auch eine vergangene Schönheit erahnen, ihren erhobenen Blick kann man für Stolz halten. Stolz muss sie empfunden haben, denn Juanita war eine Auserwählte. Nur die schönsten und reinsten Kinder lebten in heiligen Tempeln der Inkahauptstadt Cusco, um vielleicht irgendwann dasjenige zu sein, welches seinem Volk Glück und bessere Zeiten bringen sollte.
Als die Priester Juanita erwählten, war sie 13 oder 14 Jahre alt. Es muss um das Jahr 1465 gewesen sein. Ein langer Pilgerzug nahm in Cusco (3.430 Meter) seinen Anfang, um die Entfernung zum Vulkan Ampato (6.310 Meter) zurückzulegen, eine beschwerliche Wanderung durch die Anden nicht nur für das junge Mädchen, allein in der Luftlinie bereits über 200 Kilometer. Viele hundert Jahre später wird man Spuren betäubender Getränke in Juanitas Körper finden. Man wanderte mit nichts als Sandalen an den Füßen. Bereits Kälte, Hunger und Erschöpfung müssen das junge Mädchen enorm geschwächt haben. Doch war sie sicher, dass ihr Leiden und ihr Tod für ihr Volk von großer Bedeutung sein, und dass sie fortan mit den Göttern leben würde. Sie starb schließlich an einem Schlag auf den Kopf, nach welchem sie noch weitere fünf oder zehn Minuten lebte. Blut von der Verletzung ist noch heute auf ihrer Kleidung zu sehen. Man hinterließ reiche Grabbeigaben für den Gott des Berges neben ihr - Tongefäße mit dem Maisbier Chicha, feine Stoffe, Figuren aus Gold für die Sonne, aus Silber für den Mond und aus Kupfer für die Erde.
Die Inka hatten verschiedene Gründe für ihre Menschenopfer: wenn der Herrscher in den Krieg zog, starb oder schwer erkrankte oder Naturkatastrophen die Menschen in Angst versetzten. Auch zu den wichtigsten Festen im Juni und Dezember wurden Menschen geopfert. Im Alltag der Inka waren zahlreiche Naturgottheiten von essentieller Bedeutung, allen voran der Schöpfergott Viracocha, der Sonnengott Inti und der Wettergott Yllapa. Von keinem anderen Volk Lateinamerikas sind derartige Opferungen auf Vulkangipfeln bekannt, wie sie diesen Gottheiten zu Ehren von den Inka durchgeführt wurden. Alle gefundenen Mumien stammen aus der Blütezeit des Inkaimperiums im 15. Jahrhundert. Nicht wenige der auserwählten Kinder starben bereits auf dem enorm kräftezehrenden Weg in die eisigen Höhen, an Erschöpfung oder der Kälte.
Die Entdeckung der Mumie Juanita
Bereits seit 1979 existiert das Projekt "Santuarios de Altura del Sur Andino" der katholischen Universität von Arequipa, innerhalb dessen bis heute Expeditionen zu den Vulkanen in Südperu gesandt sowie die Fundstücke in den Laboren der Universität erforscht werden.
Im Jahr 1995 erlebte das Projekt seinen bisher größten Triumph. Damals gab es eine Eruption des Vulkans Sabancaya, eines Nachbarvulkans des Ampato. Die Erwärmung infolge des Ausbruchs ermöglichte eine Expedition auf den Ampato, bei welcher Juanita, la Niña de los hielos (Juanita, das Mädchen aus dem Eis) entdeckt wurde. Ihren Namen erhielt sie nach dem Archäologen Dr. Johann Reinhardt, der diese Expedition leitete. Noch im selben Monat wurden auf dem Ampato zwei weitere Mumien gefunden, doch keine war so gut konserviert wie Juanita. Ihr Haar, ihre Haut, ihre Fingernägel sind ausgesprochen gut erhalten. Man weiß, was sie vor ihrem Tod zu sich genommen hatte, kennt die Umstände ihres Todes. Im Labor forscht man bis heute, um noch mehr über sie und ihr Volk zu erfahren.
Auch das Projekt "Santuarios de Altura del Sur Andino" ist nach wie vor aktuell. Nicht nur der Ampato war ein heiliger Berg für die Inka, er war nur einer von vielen Vulkanen, auf denen Menschen geopfert wurden. Die Vulkane Pichu Pichu, Misti, Calcha, Huarancante, Chachani und Coropuna sind nur einige Beispiele. Allein auf dem Misti, der mit beeindruckender Präsenz über die peruanische Großstadt Arequipa wacht, wurden die Überreste von sechs Opfern gefunden, von denen jedoch kaum mehr als Staub und Knochen übrig war. Von diesem Vulkan weiß man, dass er im Zeitraum von 1440 bis 1450 mit zerstörerischer Gewalt ausgebrochen sein muss. Wahrscheinlich war es damals die Aufgabe mancher Kinder, den tödlichen Berg mit ihrem Opfer zu beruhigen.
Juanita im Museo Santuarios Andinos in Arequipa
Im Museo Santuarios Andinos in Arequipa kann Juanita besichtigt werden. Von Januar bis April, wenn sie in Museen im Rest der Welt ausgestellt oder im Labor weiter untersucht wird, nehmen andere Mumien wie beispielsweise Sarita , die auf dem Vulkan Sara Sara gefunden und nach diesem benannt wurde, ihren Platz ein. Ein Besuch der kleinen aber überaus faszinierenden Ausstellung sollte für jeden Besucher Arequipas auf dem Programm stehen. Die obligatorische Führung ist sehr informativ, zu Beginn wird außerdem ein Film über Juanita und ihre Entdeckung gezeigt. Der Eintritt beträgt 15 Soles zuzüglich Trinkgeld für den Guide, Studentenermäßigung ist mit internationalem Ausweis möglich.
Quellen und Links
- Homepage des Museo Santuarios Andinos der Universidad Católica in Arequipa (Spanisch, mit vielen Fotos)
- Reise Know-How Peru & Bolivien, Autor: Kai Ferreira Schmidt, ISBN 978-3-89662-335-5, Reise Know-How Verlag, 6. Auflage 2009
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