
- Erlenkätzchen - Ruth Rudolph
Am vorletzten Juliwochenende 2010 fand das Weidenhäuser Grabenfest in Marburg statt. Das Fest hatte einen runden Geburtstag: Es war das 200. seiner Art.
Die Geschichte der Weidenhäuser Gräben
Als die Stadtmauern Marburg noch umgrenzten, war Weidenhausen ein Vorort jenseits der Lahn. Er hatte seine eigene Stadtmauer und seine eigenen Tore. Die alten Wassergräben waren von den Weidenhäusern in mühevoller Arbeit gesäubert worden und wurden benutzt, um den hier ansässigen Müllern und Gerbern das Wasser zu liefern, das sie für ihre Arbeit brauchten.
Die Benutzer dieser Gräben schlossen sich zusammen zur Erlengrabengemeinschaft, einer Art Genossenschaft, die die Nutzungsrechte der verschiedenen Anlieger gemeinschaftlich regelte. Seit 1714 ist die Gemeinschaft urkundlich belegt. Sie stritt sich mit der Stadt um die Rechte an dem Grabenland und scheute selbst den Gang zum König nicht, als die Stadt ihr die Gräben fortnahm.
Jedes Jahr wurden diese Gräben von jungen Burschen gereinigt, den Lehrlingen und Junggesellen, die dafür ein ordentliches Trinkgeld bekamen. Das vertranken sie aber nicht alleine, sondern sie luden die Weidenhäuser Bevölkerung zu ihrem Umtrunk mit ein. Aus dieser Tradition entwickelte sich das Weidenhäuser Grabenfest.
Inzwischen arbeiten in Weidenhausen keine Mühlen und keine Gerber mehr. Nur der Straßenname "Am Erlengraben" erinnert noch an diese Zeit. Und die Erlengrabengesellschaft; sie besteht weiter und feiert nach wie vor ihr Grabenfest. Inzwischen findet es im großen Rahmen alle fünf Jahre statt, und 2010 zum 200. Mal.
Hoffmans Lieschen und der Tanz der Weidenhäuser Kinder
Einer der Höhepunkte des Grabenfestes ist traditionell der Tanz der Weidenhäuser Kinder im Gedenken an Hoffmanns Lieschen. Diese hatte 1811 von dem König Jerome Bonaparte, der in Kassel residierte, das Nutzungsrecht für die umstrittenen Gräben erhalten; für alle Zeit sollte es bei den Weidenhäusern bleiben. Das Fest feiert die Rückgabe der Gräben von der Stadt Marburg an die Weidenhäuser Erlengrabengesellschaft.
Ein junges Mädchen im Kostüm dieser Zeit nimmt seitdem als Hoffmanns Lieschen an jedem Grabenfest teil. Die Kinder von Weidenhausen umtanzen sie zum Klang der Champagnerarie aus Mozarts Don Giovanni. Der Gedenkbrunnen für Hoffmanns Lieschen zeigt mehrere tanzende Mädchengestalten. Zwar soll, so will es die Überlieferung, Lieschens Solotanz den König bezaubert haben; doch sei sie bei ihrer Heimkehr von tanzenden Kindern empfangen worden, und diese soll der Brunnen darstellen.
Das Festwochenende vom 23. bis zum 26. Juli 2010
Das Stadtteilfest begann am Freitagabend mit einem Festgottesdienst in der kleinen Kapelle St. Jost und ging weiter um 19 Uhr mit Rockmusik im Bürgerpark.
Der 24. Juli ist der Geburtstag des historischen Lieschen. An diesem Tag zog der Festzug nach einem Empfang bei Oberbürgermeister Vaupel vom Marburger Rathaus zum Festplatz.
Samstag und Sonntag gehörten der Stimmungsmusik. "Wildbach Buam" und "Steigerwälder" waren angekündigt. Am Samstagabend um 23 Uhr fand zudem ein Feuerwerk statt. Und am Montag sollte das Fest mit einem Frühschoppen enden.
Der Eintritt, auch das ist Tradition, war an allen Tagen frei.
Danach feiern die Weidenhäuser noch ihr alljährliches Höfefest, und auch das spektakuläre Wettrennen von Plastikentchen auf der Lahn ist sehr beliebt.
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