Juden im Alten Reich

Berührungen und Verflechtungen mit Christen in kleinen Ortschaften

Durch ihre verschiedenen Religionen getrennt unterhielten Juden und Christen lebhafte Kontakte, besonders der wirtschaftlicher Art.

Christen und Juden lebten im Alten Reich eng mit- und nebeneinander. Abgegrenzte Wohnbezirke für Juden blieben auf dem Lande und in den kleinen Ortschaften eine Ausnahme. Jüdische Häuser lagen verstreut zwischen den christlichen. Sie befanden sich sogar in der Nähe von Kirchen, was viele Judenordnungen eigentlich untersagten. Genauso verboten war in der Regel das Wohnen von Christen und Juden unter einem Dach, aber auch dies kam dann und wann vor.

So vermietete der Jude Götz im Dezember 1610 einen Teil seines Hauses in der Stadt Pappenheim an den Christen Urban Conradt. Die jährliche Miete für Nutzung des Hauses und Gartens betrug 6 fl. (fl. = Gulden). Auch für den Schaden „mit Feür, dreckh und Anderen“ haftete der Mieter. Er musste noch Wachgeld, Dienst und andere städtische Abgaben übernehmen. Nur die Steuer bezahlte Götz.

Obwohl Götz einige Räume für sich vorbehielt, wohnte er woanders: in Eibelstadt. Dort kaufte er 1614 als erster Jude ein bürgerliches Haus und zog aus dem Turmhof aus.

Abgegrenztes Wohngebiet

Der so genannte Turmhof in Eibelstadt wurde als jüdisches Wohngebiet abgegrenzt. Auf diesem Terrain, mitten in der Stadt gelegen, hatten die Herren von Pappenheim (ein altes Adelsgeschlecht) das alleinige Sagen. In den anderen Stadtbezirken mussten sie ihre Herrschaft mit dem Würzburger Dompropst und Domkapital teilen.

Die Würzburger bestanden darauf, dass die Juden unter sich bleiben und den Turmhof nicht verlassen. Bei Verstößen drohten sie damit, die „Ausbrecher“ wegen Betreten fremden Bodens festzusetzen.

Dieses Verbot ließ sich jedoch kaum umsetzen. Nicht nur Juden selbst bewegten sich in der Stadt, auch die jüdische Ansiedlung breitete sich im Laufe der Zeit über die Mauern des Turmhofs hinaus.

Im Alltag und Feiertag

Der Alltag von Juden und Christen unterschied sich in den Dörfern und kleinen Städten wenig. Die Eibelstädeter Juden mussten genauso „Frohn, Dienst, Steuer, Wach und Andern gemeinen beschwerden“ leisten wie die Christen.

In Pappenheim gehörte zu den gemeinsamen Pflichten das Halten eines Jagdhundes für den Herrn. Der Jude Mayer wehrte sich 1616 vor dem zweiten Vierbeiner, den man ihm aufzwingen wollte, weil „in der ganzen statt Papenheim sonsten weder Christ oder Jude 2 Hundt unterhalten“ musste. Dabei wurde er vom Verweser (Stellvertreter des Herrschers) unterstützt, weil jener einen Präzedenzfall fürchtete.

Anders als Christen durften Juden keinen Grund erwerben, somit auch nicht die Landwirtschaft betreiben. Deshalb beschäftigten sie sich vor allem mit dem Geld- und Pfandgeschäft und mit dem Handel, darunter besonders mit Viehhandel. Auf diesem Wege entstanden oft regelmäßige Kontakte. Christen und Juden trafen sich nicht nur auf der Straße und auf den Märkten, sondern auch mit Wirthaus und in privaten Räumen.

Nach einem Rosstausch saßen 1595 Jude Mayr von Treuchtlingen und Christ Hans Lange von Dietfurth in einer Kneipe und tranken zusammen. Sie gerieten dabei in Streit, der mit einer Massenschlägerei endete. Später gaben beide Seiten zu Protokoll, dass sie sich an nichts erinnern, weil sie so betrunken waren. Die Justiz zeigte Nachsicht und verhängte jeweils eine kleine Geldstrafe.

Die Festtage wurden dagegen selten gemeinsam gefeiert. Die Religion trennte Juden von Christen schärfer als in anderen Bereichen des Lebens. Dennoch nahm es die einfache Bevölkerung nicht so genau. Auf den Chanukka-Feiern von Eibelstädter Juden nahmen nicht nur die Nachbarn sondern auch der Pfarrer teil.

Nicht ohne unseren Juden

Als 1625 die so genannte Heiligen-Lose zu Alesheim verteilt wurde, kam es zwischen dem Deutschen Orden und den Pappenheimern zum Konflikt. Der Deutsche Orden beanstandete, dass man dabei die Juden vergessen hat.

Die Pappenheimer lehnten zuerst die Beschwerde ab: Die Heiligen-Lose (Grundstücke oder Erträge aus religiösen Stiftungen) wurde von den Vorfahren für Christen eingerichtet. Schließlich erklärten sie sich dennoch bereit, Juden zu berücksichtigen. Zum Umdenken bewogen sie zwei Gründe: Einerseits wollte der Deutsche Orden angeblich die Zahl von Juden in Alesheim in der Zukunft verringern, anderseits hatte der Ausschluss von Juden „bei verstendigen leuthen einen seltzamen nachclang“ verursacht.

Zitate und Quelle: Nathanja Hüttenmeister, Alltägliches Miteinander oder getrennte Gemeinden, in: Räume und Wege. Jüdische Geschichte im Alten Reich. 2007.

Grazyna Gintner, Grazyna Gintner

Grazyna Gintner - Ich habe als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit Jahren lebe ich in Deutschland. Neulich brachte ich unter dem Pseudonym Lydia Sanojar ...

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