
- Judith Schalansky und Ernst-Jürgen Walberg - Ilse-Ruth Uebner
Wer von Judith Schalanskys schönen Büchern den Hals nicht voll kriegen kann, wünscht sich bestimmt zu Weihnachten ihren neuen Bildungsroman „Der Hals der Giraffe“, erschienen im September 2011 bei Suhrkamp. In Wolgast wollten etliche Literaturfreunde nicht bis zum Fest warten. Viele Besucher kauften sich am 22. November 2011 noch schnell ein Exemplar der bereits vierten Auflage, um es nach der Lesung von der jungen Autorin signieren zu lassen.
Lesung bei Henze – für Schalansky ein Heimspiel
Schon zum dritten Mal war Judith Schalansky zu Gast in der Wolgaster Buchhandlung Henze. Auch diesmal wurde sie von Ernst-Jürgen Walberg von der NDR-Kulturredaktion begleitet. „Wir zeichnen die Lesung und das Gespräch auf. Das Ergebnis können Sie am 26. Dezember 2011 im NDR-Literaturcafé bei NDR 1 Radio MW ab 19.05 Uhr hören“, so der Moderator.
Es sind brennende Gegenwartsthemen, die Judith Schalansky in ihrem Buch aufgreift. Überalterung, Klimawandel, Landflucht oder Versagen der Wissenschaften, all das passiert überall in Deutschland. Dass die Autorin gerade Vorpommern zum Tatort ausgewählte, liege an ihrer persönlichen Verbundenheit und Nähe zu dieser Region. In Greifswald geboren, aufgewachsen und groß geworden mit und auf der Insel Usedom, lebt Schalansky heute in Berlin. „Was ist für Sie Berlin?“, fragte Walberg. „Keine Ahnung – ein Ort, in dem viele Menschen versuchen Geld zu verdienen?“ gibt sie die Frage nach einer neuen Heimat zurück. Ihre Heimat sei nun mal Vorpommern. Aber gleich danach käme die Staatsbibliothek in Berlin. Dort habe sie sich ihr biologisches Fachwissen erworben, um ihre Protagonistin Inge Lohmark besser zu verstehen.
Autorin und Protagonistin sind sich fremd und nah
Mit der seit 30 Jahren im Beruf stehenden Biologielehrerin habe sie kaum etwas gemeinsam, so die 31jährige Autorin. Sie will in ihrem Buch auf Sichtweisen aufmerksam machen, die dem Leser eher fremd, dann aber doch wieder sehr vertraut sein könnten.
Für Inge Lohmark ist Anpassung alles. Schließlich unterrichtet sie seit drei Jahrzehnten im Fach Biologie. Ihre Schule wird in vier Jahren geschlossen, das ist nicht zu ändern – in der schrumpfenden Kreisstadt in Vorpommern fehlt es an Kindern. Ihr Ehemann, der zu DDR-Zeiten Kühe besamte, züchtet nun Strauße, ihre Tochter ging vor Jahren in die USA und hat nicht vor, Kinder in die Welt zu setzen. Alle verweigern sich dem Lauf der Natur, den Inge Lohmark täglich in ihrem Unterricht beschwört. Als sie Gefühle für eine Schülerin entwickelt, die über die übliche Hassliebe für die Jugend hinausgehen, gerät ihr biologistisches Weltbild ins Wanken. Inge Lohmann bleibe im Buch eine beziehungsunfähige Frau, die keinen Austausch von Gefühlen zulässt.
Für die Schriftstellerin Judith Schalansky scheint der Austausch von Gedanken und Motiven dagegen um so wichtiger zu sein, denn so verstünde sie auch den Untertitel „Bildungsroman“.
