Jüdisches Leben in mittelalterlichem Spanien

Zwischen wissenden Invasoren und gnadenlosen Befreiern

In Córdoba lebten im Mittelalter viele Juden. - Bildpixel/pixelio.de
In Córdoba lebten im Mittelalter viele Juden. - Bildpixel/pixelio.de
In mittelalterlichem Spanien existierten zahlreiche jüdische Gemeinden, bis sie durch ein königliches Edikt aus dem Land vertrieben wurden.

Als die muslimischen Armeen der Mauren und Berber im achten Jahrhundert Spanien erobert haben, profitierten die jüdischen Gemeinden zunächst von der neuen Situation. Sie durften endlich überall wohnen und ihr Beruf ausüben. Dennoch siedelten sie sich freiwillig in den bestimmten Stadtteilen, in der Nähe von Synagogen. Die Gemeinden wuchsen schnell durch die Zuwanderung aus Nordafrika.

Mit Arabern teilten Juden Interesse an alten und neuen Erkenntnissen. Die Invasoren brachten das Wissen der Antike mit und entwickelten es weiter. Sie erforschten die Natur und den menschlichen Körper. Dieses Wissen verbreitete sich später in Europa, auch dank Juden.

Córdoba, der Sitz der Kalifen, zählte um die Jahrtausendwende fast eine Million Einwohner. Die blühende Stadt lockte Wissenschaftler und Studenten sowohl aus Europa wie aus der arabischen Welt an. Muslimen, Christen und Juden lebten hier friedlich miteinander.

Im Jahre 1148 gewannen aber in Spanien die Almohaden aus Maghreb die Oberhand und stellten Juden und Christen vor der Wahl: Entweder konvertieren sie zu Islam oder sie müssen emigrieren. Viele Juden flohen dann nach Norden, andere nach Afrika. Viele bekannten sich zu Islam und blieben. In Córdoba und Sevilla brannten in dieser Zeit Kirchen und Synagogen.

Gemeinsam enträtseln

Ein Jahrhundert später zog in Sevilla Ferdinand III., König von Kastilien, ein. Juden feierten ihn als Befreier. Sie bekamen große Viertel in den von den Arabern verlassenen Städten zur Wiederbesiedlung und betätigten sich auf allen Gebieten des Wirtschafts- und Geistesleben. Zusammen mit den christlichen Gelehrten erschlossen sie das Wissen der Araber: „Der Jude liest den arabischen oder hebräischen Text und übersetzt ihn laut ins Kastilische, worauf ihn der christliche Kollege lateinisch niederschreibt“.

Auf diese Weise enträtselte Werke, vor allem des griechischen Philosophen Aristoteles, beeinflussten christliche Denker der nächsten Jahrhunderte.

Schutzjude

Die gute Atmosphäre zwischen Juden und Christen änderte sich mit der Kirchenreform von Cluny, die die Macht des Papstes stärkte. Juden wurden zu Feinden der Christenheit erklärt. Sie konnten von nun an nur unter dem Schutz des Landesherren existieren: „Die Juden gehören dem König; selbst wenn sie auf dem Territorium Adliger des Reiches oder ihrer Ritter oder anderer oder klösterlicher Ländereien leben; sie haben immer dem König zu unterstehen, in seinem Schutz und in seinem Dienst“. So entstand in Spanien der Typ des „Schutzjuden“ – ein Grundmuster des jüdischen Lebens im mittelalterlichen Europa.

Wie zerbrechlich der Schutz war, erwies sich, als die Welle des Hasses über das Land rollte und Tausende von Juden ermordet wurden.

Edikt des Königspaars

Am 31. März des Jahres 1492, in dem Columbus in See stich, erließ das Königspaar Ferdinand und Isabella ein Edikt, das die Juden des Landes verwies: „Wir ordnen an, dass alle Juden und Jüdinnen ... bis Ende des Monats Juli … unsere Königreiche und Lehen … zu verlassen haben … und es ihnen bei Todesstrafe und Verlust ihres gesamten Hab und Gutes verboten ist, hierher oder an solche Orte zurückzukehren“.

Spanien wurde „judenfrei“ und Juden befanden sich wieder einmal auf der Flucht. Die Vertriebenen nannten sich Sefardim von Sepharad – Spanien auf Hebräisch.

Zitate und Quelle: Ulrich Harbecke, Die Juden. Geschichte eines Volkes. 2007

Grazyna Gintner, Grazyna Gintner

Grazyna Gintner - Ich habe als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit Jahren lebe ich in Deutschland. Neulich brachte ich unter dem Pseudonym Lydia Sanojar ...

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