Jürgen Wettig: Schicksal Kindheit

Die frühkindlichen Erfahrungen beeinflussen das ganze Leben

Dr. Jürgen Wettig - Christa Kaddar
Dr. Jürgen Wettig - Christa Kaddar
Insbesondere in den ersten drei Jahren und vor allem in den ersten 18 Monaten seines Lebens muss ein Kind vertrauensvolle und verlässliche Beziehungen aufbauen können.

Das sagt Dr. Jürgen Wettig, der das Buch „Schicksal Kindheit“ geschrieben hat. Der Autor ist leitender Abteilungsarzt der Akutpsychiatrie in der Vitos Klinik Eichberg in Eltville. Als Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie arbeitet er seit mehr als zwei Jahrzehnten mit erwachsenen Patienten. Aufgrund deren Lebensgeschichte hat er sich Fragen gestellt, wie zum Beispiel: Was macht Kinder stark und widerstandsfähig? Wo liegen die Ursachen für spätere psychische Labilität? Welche Wege eröffnen sich einem Menschen von der Geburt bis zur reifen Persönlichkeit? Welchen Einfluss haben dabei Elternbindung und Familie? "Ob eine Lebensgeschichte überwiegend durch helle und freundliche Farben unterlegt oder ob sie grau und düster gezeichnet ist, entscheidet sich bereits in den ersten fünf Lebensjahren“, schreibt Jürgen Wettig. Nach seinen Erkenntnissen entscheiden vor allem die ersten 18 Monate darüber, ob das Kind im späteren Leben Beziehungsfähigkeit erlangt und seine Affekte regulieren kann. Damit unterzieht er auch die frühkindliche Betreuung außer Haus einer kritischen Betrachtung.

Trennungserlebnisse hinterlassen „Stressnarben“ im wachsenden Gehirn

Als ideal sieht er es an, wenn psychisch stabile Eltern ihr Kind in den ersten 18 Monaten selbst betreuen. Die Großeltern oder andere feste Bezugspersonen können in die Betreuung einbezogen werden. Aber: „Das Kind soll nicht herumgereicht werden.“ Auch wenn es dem Zeitgeist entspricht, mehr Krippenplätze zu fordern und anzubieten, zweifelt Dr. Wettig zweifelt daran, dass die Erzieherinnen in den Kitas bereits für die speziellen Bedürfnisse von sehr kleinen Kindern ausreichend ausgebildet und die Personalschlüssel angepasst sind. „Das Kind will raus und entdecken und will wieder zurück in den Schutz der Erwachsenen, auf die es sich verlassen kann.“

Vernachlässigung und Trennungserlebnisse hinterlassen „Stressnarben“ im wachsenden Gehirn, die später zu Depressionen, Angst oder Sucht führen können. Dort, wo keine sichere Bindung entsteht, hatten oft schon die Eltern Probleme in ihrer eigenen Kindheit. „Unsere Kindheitserfahrungen geben wir über die Generationen hinweg weiter“, schreibt Wettig.

Der Autor beleuchtet Schutz- und Risikofaktoren der kindlichen Entwicklung

Der Autor gliedert sein fundiertes Buch in zehn übersichtliche Kapitel, beleuchtet Grundlagen, Entwicklungsschritte, Schutz- und Risikofaktoren der kindlichen Entwicklung, die Folgen frühkindlicher Störungen beim Erwachsenen, widmet ein Kapitel John Bowlbys Bindungstheorie, ein anderes dem psychotherapeutischen Vorgehen. Er erläutert physiologische Prozesse, neurobiologische Faktoren und neurowissenschaftliche Erkenntnisse auf verständliche Weise. Zusätzliche Fallbeispiele in jedem Kapitel machen das Buch zu einer spannenden, lebensnahen Lektüre.

Mangelhafte soziale Kompetenz ist das größte Lernhindernis

Schonungslos schreibt Wettig über Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellen Missbrauch, die schwerste seelische Störungen zur Folge haben. Doch auch weniger gewalttätige Erfahrungen in der Kindheit beeinflussen die Entwicklung. Dazu zählen beispielsweise fehlende Regeln und Absprachen und wenig direkte Beaufsichtigung genauso wie Überbehütung oder Wohlstandsverwahrlosung. Auch der Ehrgeiz mancher Eltern, Pädagogen und Politiker, Kinder durch Leistungsdruck zu Eliten heranzuzüchten, sind nach Wettigs Urteil einer gesunden Entwicklung nicht dienlich. „Dabei zeigt der Schulalltag eindeutig, dass mangelhafte soziale Kompetenz das mit Abstand größte Lernhindernis ist“, schreibt er. „Es gelingt vielen Heranwachsenden nicht mehr, sich einer Gruppe anzupassen oder Konflikte adäquat zu bewältigen. Eine Ursache dafür dürfte sein, dass ein Großteil der Eltern entweder mit der Erziehungsaufgabe überfordert oder auf Leistung und Wettbewerb programmiert ist. In beiden Fällen scheint eine wichtige Eigenschaft der Eltern, die die Bindungstheorie mit ‚Feinfühligkeit’ beschreibt, unterentwickelt zu sein.“

Über den Einfluss der Lehrer schreibt er an einer anderen Stelle: „Letztlich ist es gar nicht so sehr das Fach, das sie unterrichten, die Note, die sie erteilen, oder die Aufgabe, die sie uns abverlangen, sondern einzig und allein die Persönlichkeit, mit der sie ihren Beruf ausfüllen, die uns bewegt. (…) Ob Kinder ihre Lehrer mögen und mit Freude lernen, hat in erster Linie etwas damit zu tun, ob die Lehrer Kinder mögen und mit Freude unterrichten.“

Das Entwicklungsergebnis ist der erwachsene Mensch

Jürgen Wettig betrachtet die Kindheit aus vielen verschiedenen Perspektiven heraus und hat dabei immer auch das „Entwicklungsergebnis“, nämlich den erwachsenen Menschen mit seinen Eigenheiten bis hin zu seinen psychischen Störungen, im Blick. „Meine Erfahrungen als Neurologe, Psychiater und tiefenpsychologisch ausgebildeter Psychotherapeut, als Sohn und als Vater zweier Kinder bildeten unter anderem die Grundlage für dieses Buch“, schreibt er, bevor er sein Werk noch einmal betrachtet aus autobiographischer, aus psychiatrischer, aus väterlicher und aus philosophisch-gesellschaftlicher Sicht.

Positive Erfahrungen können vieles wieder kompensieren

Auch wenn Jürgen Wettig die Kindheit als besonders prägende und schicksalhafte Lebensphase benennt, motiviert er seine Leser nicht, sich diesem Schicksal willenlos und passiv hinzugeben und die Verantwortung für das eigene Leben abzuschieben. Sein Buch macht vielmehr Mut, im Blick zurück die Gegenwart mit ihren Einschränkungen und Möglichkeiten besser zu verstehen und, wo notwendig, sich den Verletzungen zu stellen. „Trotz ungünstiger Startchancen im frühen Kindesalter sind spätere glückliche Lebensumstände und positive Erfahrungen dazu angetan, vieles zu kompensieren“, schreibt er. Und: „Die Narben unerfüllter oder zurückgewiesener Bindungsbedürfnisse mögen bleiben, aber sie können durch neue, sichere Bindungserfahrungen in ihrem Einfluss zurückgedrängt werden.“ Somit kann die Persönlichkeitsentwicklung im Erwachsenenalter wieder den Keim für die gesunde Persönlichkeitsentwicklung der eigenen und anvertrauten Kinder bilden – damit das Schicksal gelingen kann.

Jürgen Wettig: Schicksal Kindheit, Springer Medizin Verlag Heidelberg 2008, 256 Seiten, 29,95 Euro.

Christa Kaddar, Christa Kaddar

Christa Kaddar - Christa Kaddar ist freie Journalistin und Fotoreporterin. Als freie Mitarbeiterin der Redaktion des Rheingau Echos und der Gesellschaft ...

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