
- Stolz präsentiert sich Tiago vor "seiner" Firma - Wiebke Hilgers-Weber
Jugendliche ohne Hauptschulabschluss haben kaum eine Chance auf einen Ausbildungsplatz. Man traut ihnen häufig die theoretische Lernfähigkeit, das notwendige Durchhaltevermögen, die Einhaltung von Regeln nicht zu. Wer auf der Schule nichts zu Stande gebracht hat, versagt auch im Berufsleben, lautet eins der gängigen Vorurteile.
Ein Trugschluss. Oft sind es nämlich die persönlichen Umstände, die dazu geführt haben, dass es zum Schulabbruch gekommen ist. Mal waren es familiäre Probleme, mal der Migrationshintergrund, der das Erlernen der deutschen Sprache verhinderte und so schnell den Spaß an der Schule und am Lernen nahm. Mit dem "Ausweg", die Unterrichtsteilnahme zu verweigern, glaubte man sich auf der besseren Seite. Nun steht man da. Gerade erwachsen, ohne einen Abschluss in der Hand.
Bildungsbegleiter, Sozialpädagogen, Förderlehrer – alle ziehen an einem Strang
Die Jugendbildung Hamburg nimmt sich seit über 20 Jahren gerade dieser Jugendlichen an. Im Rahmen der Berufsvorbereitungskurse (BvB) bereitet man die jungen Leute nicht nur auf ihre Berufsbefähigung vor, sondern unterstützt sie tatkräftig, um das versäumte Schulwissen in wenigen Monaten zu erlangen und im zweiten Anlauf den Hauptschulabschluss, der für fast alle Berufsausbildungen dringend nötig ist, zu erwerben.
Unterschiedliche Experten ziehen hier an einem Strang: Bildungsbegleiter, Sozialpädagogen, Stützlehrer. Sie alle fördern nach neuen Erkenntnissen die individuellen Lernschwächen zu Tage und erarbeiten dann in Qaulifizierungsplänen die ganz persönlichen Lernstufen, die von motivationsstarken Gesprächen und mehreren Berufspraktika ergänzt werden. Die Stärkung des Selbstwertgefühls, die Entdeckung eines positiven Lernerlebnisses und die Freude an der vollbrachten Leistung sind ganz entscheidend bei dem Erfolg.
"Erst der Abschluss, dann die Ausbildungsstelle!"
Tiago (19), Portugiese und seit langem in der Hansestadt lebend, mied in seiner regulären Schulzeit so viele Unterrichtsstunden, dass ein Abschluss nicht mehr möglich wurde. Erst seine Teilnahme an dem BvB-Kurs änderte seine Einstellung zu Lernen und Leistung. Inzwischen sieht er seine Zukunft sehr positiv: "Ich kann bei dem bekannten Fischgroßhändler Hagenah meine Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel machen und werde dann wahrscheinlich übernommen." Was für eine grandiose Aussicht, wie kam es dazu?
Während seines Praktikums, so berichtet Ausbildungsleiter Jens Hüttersen von Hagenah, habe sich Tiago schnell als zuverlässiger, freundlicher und wissbegieriger junger Mann gezeigt: "Er ist sehr beliebt bei allen, Kunden wie Kollegen gleichermaßen." Doch als erfahrener Pädagoge hat er Tiago eine Bedingung gestellt: "Wir haben die Grenzen ganz eng gesteckt und ihm klipp und klar gesagt, dass er dafür den Hauptschulabschluss haben muss. Sonst geht er leer aus."
"Ich fing plötzlich an zu lernen! Immer und immer wieder!"
Für den portugiesischen Sunnyboy war das ein echter Ansporn: "Seitdem habe ich nur noch gelernt", erzählt er. "Ich habe mir sogar noch zusätzliche Aufgaben in Deutsch und Englisch geben lassen, um zu Hause weiter zu lernen. Immer wieder. Woche für Woche." Kürzlich war die Prüfung – Tiagos Hoffnung: "Ich muss es geschafft haben! Ich wünsche mir nichts mehr als das!" Noch muss er allerdings ein bisschen warten: Erst im Juni stehen die Absolventen fest, dann ist Zeugnisausgabe.
Dr. Frank Elster: "Wir betreuen die Jugendlichen intensiv!"
Der Geschäftsführer der Jugendbildung Hamburg, Dr. Frank Elster, kennt dieses Hoffen und Bangen der Jugendlichen und weiß um ihre Stärken und Schwächen. Seit vielen Jahren setzt sich der erfahrene Erziehungswissenschaftler gerade für die benachteiligten Jugendlichen ein. Sie, so sagt er, bräuchten eine "besonders intensive Betreuung" zur Erlangung der schulischen Elementarziele. Doch, "bei den meisten Jugendlichen ist das machbar. Wir motivieren sie, regen sie zur Berufsbefähigung an und lassen sie mit Hilfe von Betriebspraktika Einblicke in die Arbeitswelt gewinnen. Wer Freude an der Arbeit hat, wer nette Kollegen findet und Anerkennung, der möchte weiterkommen. Der wird sich lernmäßig engagieren und mit größerer Sicherheit den Abschluss nachholen wollen."
So wie Tiago. Der plant bereits seine Perspektive: "Erst mache ich bei Hagenah meine Ausbildung, danach werde ich mich weiterbilden und vielleicht Auslieferungsfahrer werden und den Kunden die Bestellungen ins Haus bringen."
