
- Jugendbücher schreiben / Foto (pixelio) - Gerd Altmann
Bei der Konstruktion von Jugendbüchern haben Schriftsteller die Wahl zwischen mehreren Erzählperspektiven. Um das Interesse von Jugendlichen nicht nur zu wecken, sondern auch zu halten, ist es notwendig, dass der Autor in der Erzählsituation bleibt, für die er sich einmal entschieden hat. Die Identifizierung der Leser mit den Figuren passiert gleich zu Anfang und die Erzählperspektive bestimmt dabei den Zugang zur Sichtweise, zur inneren Stimme oder zu den Gefühlen einer Figur. Und das ist bei Jugendlichen wichtig, dass sie mit einer Romanfigur mitfühlen können.
Aus welcher Perspektive schreiben berühmte Schriftsteller?
Die Protagonisten der Jugendbücher werden von dem Erzähler geführt. Dafür gibt es verschiedene Techniken. Einerseits kann der Erzähler Teil der Geschichte werden oder andererseits außerhalb derselben stehen. Es kommt ganz darauf an, wessen Wahrnehmung in einem Jugendbuch geschildert werden soll und durch welche Augen der Erzähler das Geschehen sieht.
Der Ich-Erzähler
Wenn der Erzähler in die Geschichte integriert ist, spricht man von einem internen Erzähler. Er weiß dann nie mehr als die Romanfigur selbst und spricht aus der Ich-Perspektive heraus. Das zeigt sehr deutlich etwa der Roman "Sei kein Frosch, Alice" von Phyllis Reynolds Naylor: "Einen Monat, bevor ich in die achte Klasse kam, wurde mir klar, dass ich mich einer Sache stellen musste, vor der ich schon lange Angst hatte. Wahrscheinlich hat jeder vor irgendwas Angst – vor Fahrstühlen, Hunden, Flugzeugen, Mäusen oder Spinnen ... Bis jetzt hatte ich mich jedenfalls immer davor gedrückt und mir irgendwelche Ausreden einfallen lassen."
Der Erzähler kann auch ein unbeteiligter Augenzeuge sein und das ganze Geschehen nur beobachten. Bei dem oben genannten Roman, wo es darum geht, dass die Protagonistin eine Angst überwinden will, wäre die nüchterne Erzählsituation jedoch noch nicht angebracht, denn dieses Jugendbuch lebt davon, dass in diesem Fall die Erzählerin Auskunft gibt über ihre innerlichen Befindlichkeiten.
Der personale Erzähler
Cornelia Funke hat hingegen in ihrem Roman "Tintenherz" eine andere Erzählform gewählt: "Dann schloss er die Tür hinter sich, obwohl er wusste, dass sie das nicht mochte. Meggie presste lauschend das Ohr dagegen. Sie hörte Geschirr klappern. Ach, der Fuchsbart bekam eine Tasse Tee zum Aufwärmen. Ich hoffe, er bekommt eine Lungenentzündung, dachte Meggie."
Hier spricht der sogenannte personale Erzähler. Die Schriftstellerin lässt den Erzähler die Geschichte immer wieder neu fokussieren. Mal wird einfach nur eine neutrale Außensicht gegeben, indem Handlungen berichtet werden: "Staubfinger warf das abgebrannte Streichholz, das er in der Hand hielt, fort und zündete ein neues an. 'Und du?', fragte er leise, während er Bast das brennende Hölzchen vors Gesicht hielt. 'Du hast immer noch Angst davor, stimmt's?' Basta schlug ihm das Streichholz aus der Hand."
Dann wird aus der inneren Sicht der Personen erzählt. Dabei zeigt sie durchaus die Perspektive mehrerer Figuren. Die Jugendlichen bekommen so einen Einblick in die Gefühle und Gedanken verschiedener Handlungsträger, beispielsweise auch durch die Form der erlebten Rede: "Sie haben sie erschossen!, wisperte etwas in ihr. Deswegen ist es so still. Sie sind tot. Mausetot. Liegen blutend auf diesem Platz, vor dem Haus, alle beide, o mein Gott. Was nun? Sie schluchzte auf. Nein, Elinor, keine Tränen. Was soll das? Such sie, nun mach schon."
Der auktoriale Erzähler
Peter Härtling ist bei seinem Roman "Das war der Hirbel" anders vorgegangen. Im Großen und Ganzen spricht hier ein auktorialer Erzähler, der sozusagen in einer anderen Zeit lebt, was dieses Zitat deutlich macht: "Dann verließ Fräulein Maier das Heim, heiratete und bekam selber Kinder. Wenn sie heute ihren Kindern von Hirbel erzählt, fragt sie sich, was aus ihm geworden ist."
Der auktoriale Erzähler hat auch unbegrenzten Zugang zu allen Ebenen der Geschichte, so auch zur psychischen. Hier zeigt sich Hirbels Verwirrung: "In der Kirche war es immer ein wenig kalt, und Hirbel, der ungern mehr anhatte als Hemd und Hose, schlotterte so, dass seine Stimme beim Singen zitterte. In der Musik nennt man das Vibrato. Herr Kunz sagte: Lass das Vibrato bleiben. Hirbel hielt das für eine unanständige Sache und sagte: Mit einem Vibrato will ich nichts zu tun haben. Du tust es aber, rief, an der Orgel sitzend, zornig Herr Kunz. Hirbel wunderte sich über das, was er nicht tat und nach Meinung von Herrn Kunz doch tat. Er guckte an sich herunter, sah nach, ob das Hemd nicht aus der Hose hing und dies vielleicht ein Vibrato sei. Mit dem Herrn Kunz kam er eben nicht zurecht."
Wie Schriftsteller am häufigsten schreiben
Es kommt, wie bereits erwähnt, oft vor, dass in Jugendbüchern abwechselnd aus dem Blick zweier oder mehrerer Personen erzählt wird. Allerdings sollte bei dieser Vorgehensweise darauf geachtet werden, dass alle Romanfiguren das Mitgefühl der Jugendlichen wecken. Ebenso kann auf eine eingeschränkt auktorial erzählende Weise geschrieben werden. Dabei geht der Erzähler von der auktorialen zur personalen Erzählform über. Das ist die von Schriftstellern am häufigsten verwendete Erzählperspektive.
Literatur:
Otto Kruse: Kunst und Technik des Erzählens. Frankfurt/M.: Zweitausendundeins.
Jochen Vogt: Aspekte erzählender Prosa. Opladen: Westdeutscher Verlag 1990.
