Jugendstil in Finnland, anders als in Resteuropa

Gallén-Kalellas Atelier - Frank Herbst
Gallén-Kalellas Atelier - Frank Herbst
Es gibt nicht den einen Jugendstil, man muss den Zusammenhang von Ort und Zeit sehen. Deshalb sollte es in Finnland eher Nationalromantik heißen.

Finnland gehörte lange Zeit zum schwedischen Königreich. Wer etwas werden wollte oder sich zur gebildeten Schicht rechnete, sprach Schwedisch. Für die Verlage z.B. lohnte es sich gar nicht, Bücher auf Finnisch herauszugeben. Danach kamen die Russen. Finnland gehörte nun zum Zarenreich. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Finnland unabhängig und Republik.

Auf der Suche nach einer finnischen Identität

Unter den Künstlern und Intellektuellen begann schon vor der Unabhängigkeit die Forschung nach den Wurzeln ihrer Kultur. 1835 publizierte der karelische Landarzt Elias Lönrot seine Sammlung mündlich überlieferter Sagen unter dem Namen Kalevala und wurde damit zum Schöpfer eines Nationalepos. Fortan suchte man stärker nach finnischen Wurzeln. Der Maler Akseli Gallén-Kalella schuf Bilder des Landlebens und illustrierte die Kalevala.

Jean Sibelius versuchte eine romantische und melancholische Stimmung einzufangen und wurde der berühmteste Komponist des neuen Finnlands. Auch in den Gebäuden suchten die Architekten eine finnische Identität und entdeckten das Ursprüngliche und die Ornamentik der ländlichen Bauten. Für den finnischen Pavillon zur Weltausstellung 1898 in Paris wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben.

Die ersten Bauten im neuen Stil

Die Architekten Lindgren, Gisellius und Saarinen gewannen mit ihrem Entwurf. Der Pavillon unterschied sich von seinen Vorgängern, da er nicht europäische Stile kopierte, sondern zum ersten Mal etwas Eigenständiges darstellte. Der finnische Stil wurde so dem übrigen Europa gezeigt.

Für den Neubau des Nationalmuseums in Helsinki musste nach Protesten der Bevölkerung ebenfalls ein Wettbewerb ausgeschrieben werden, den wieder Lindgren, Gisellius und Saarinen mit ihrem asymmetrischen Entwurf gewannen. Plötzlich war finnisches Bauen modern und ihr Stil, aus jedem Blickwinkel ein anderes Bild zu erhalten, die neue Mode. Sie setzte sich von der strengen Symmetrie der Gebäude im restlichen Europa ab, konnte jedoch nur bei freistehenden Häusern voll zur Geltung kommen. In den Städten wurde dies mit dem Einsatz von allerlei Erkern, Türmchen und Balkonen erreicht, die sich sehr gut asymmetrisch in die Fassade einbeziehen ließen. Stein war der Baustoff und burgähnlich sollte es aussehen. Finnischer Granit kam in Mode und zur Dekoration wurden heimische Tiere und Pflanzen herangezogen. So unterscheidet sich die finnische Architektur des heraufdämmernden 20. Jahrhunderts. Stark von dem Jugendstil etwa eines Gaudí in Barcelona und Mallorca oder eines Van de Velde in Brüssel, eines Eisensteins in Riga und von Hoffmanns Bauten in Wien.

Die Ausbreitung des neuen finnischen Stils

Die Hauptstadt Helsinki wuchs Anfang des 20. Jahrhunderts rasant. So konnte man ganze Stadtviertel neu gestalten. Berühmt sind die Halbinsel Katajanokka östlich des Hafens und Eira im Süden. Die hier entstandenen Gebäude, die zum großen Teil heute noch dort stehen, waren aus Stein errichtet, obgleich der nationalromantische Stil auch Holzbauten in Anlehnung der Bauernhäuser beinhaltete. Für die Steinhäuser mussten mittelalterliche Befestigungen als Vorbilder herhalten und so wundert es nicht, dass die meisten Gebäude dieser Stilepoche Burgen nicht unähnlich sehen.

Einige nationalromantische Bauten in Finnland

  • Akseli Gallén-Kalellas Atelier in Rouvesi bei Helsinki
  • Der Hauptbahnhof in Helsinki von Eliel Saarinen mit den Leuchtenmännern von Wirkström. Saarinen versuchte hier eine nüchterne Variante, die der Modernität der Eisenbahn gerecht wurde. So entstand ein eher kubistisch wirkendes Gebäude.
  • Kirche in Tampere
  • Börsenhaus von Lars Sonck, Fabianinkatu
  • Haus der Telefongesellschaft in der Korkeavuorenkatu
  • Markthalle von Lindqvist in Hietalathi
  • Hvittresk in Kirkkoniemi, Wohnhaus und heute Museum von Eliel Saarinen.
  • Halosenniemi in Tolusa, Wohnhaus und Atelier des Malers Pekka Halonen.

Die Türmchenarchitektur sieht man gut in der Luotsikatu, der Katajanokakatu und der Kauppiaankatu .1917 kam für Finnland die Unabhängigkeit und da hatte die Nationalromantik oder der finnische Jugendstil sich schon überlebt. Es hielt ein eher nüchterner Stil Einzug der, ähnlich dem Hauptbahnhof von Helsinki, an das technische Zeitalter anschloss. Viele Häuser der nationalromantischen Zeit sind jedoch bis heute erhalten und lassen sich bei Stadtspaziergängen erlaufen.

Frank Herbst, Soja Körber

Frank Herbst - Nach der Handwerkerlehre kam das Maschinenbaustudium. Anschließend studierte ich Design. Danach habe ich mehrgleisig gearbeitet: ...

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