Kaum ein Buch über das Schreiben kann man sich bei Amazon ansehen, ohne den Hinweis zu erhalten, dass Kunden, die dieses Buch kauften, ebenfalls „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron erwarben. Camerons Buch ist längst ein Klassiker – geliebt und verspottet, aber immer gut verkauft.
„Der Weg des Künstlers“ zielt darauf hin, die eigene Kreativität zu entdecken und zu entwickeln. Das Buch richtet sich an Menschen, die in der Ausübung ihrer Kunst irgendwo stecken geblieben sind, die erst damit beginnen möchten, sich künstlerisch zu betätigen oder die ihr Leben als zu trist empfinden, und nach neuen Entfaltungsmöglichkeiten suchen. Zwar ist Julia Cameron selbst Schriftstellerin und Regisseurin, ihr Buch ist jedoch für alle Richtungen und Auslegungen von Kunst geeignet. Die von ihr vermittelten Techniken und Ratschläge entwickelte sie ursprünglich für sich selbst, als sie Ende der 70er Jahre als alkoholabhängige Drehbuchautorin nach einem neuen Treibstoff für ihre Kreativität suchte.
12-Wochen-Kurs
Nicht zufällig ist das Buch als 12-Wochen-Kurs aufgebaut, es orientiert sich damit an dem Programm der Anonymen Alkoholiker. In jeder Woche steht ein Thema im Mittelpunkt, um das sich verschiedene Essays und Übungen ranken. Es geht darum Ängste und Angewohnheiten zu erkennen, die der Kreativität bislang im Wege standen, heimliche Wünsche, Neid und Wut zu entdecken, den Perfektionismus zu überwinden, Ziele zu formulieren und Pläne zu machen.
Morgenseiten und Künstlerverabredungen
Zwei Grundtechniken begleiten den Kurs die gesamten 12 Wochen lang: die Morgenseiten und die sogenannten Künstlerverabredungen. Die Morgenseiten sollen laut Cameron das erste sein, das man täglich tut. Man schreibt genau drei Seiten lang alles auf, was einem gerade durch den Kopf geht. Es ist dabei wichtig, nicht den Stift abzusetzen, nicht nachzudenken, nicht „schön“ schreiben zu wollen, sondern alles auf die Seite zu knallen, mag es auch noch so banal, nörgelnd und vermeintlich unwichtig ein. Der Sinn dieser Übung besteht in einer Art Dampfablassen. Was man auf den Morgenseiten aufschreibt, sind die Dinge, über die man sich ärgert, vor denen man sich fürchtet, mit denen man sich unentwegt im Hinterkopf beschäftigt, sprich die Dinge, die der Kreativität im Wege stehen. Stehen sie erst einmal auf dem Blatt, sind sie zwar nicht automatisch weg, aber man kann einfacher zu ihnen auf Distanz gehen.
Unter Künstlerverabredungen versteht Cameron, dass man einmal pro Woche alleine ausgeht oder auch zu Hause etwas macht, das einen interessiert. Das kann ein Theaterbesuch sein, den man sich gönnt, das kann aber auch ein Besuch in einem Teppichladen sein, falls man dort den Geruch so sehr mag. Vielleicht hört man sich uralte CDs an oder geht im Regen spazieren – es sollte etwas sein, was Spaß macht und was man eventuell schon lange mal (wieder) tun wollte. Der Nutzen für das kreative Tun besteht darin, dass diese Dinge der Inspiration auf die Sprünge helfen, denn ein Mensch, der sich die kleinen Freuden verkneift, wird kaum fröhlich vor sich hin Ideen produzieren.
einen Versuch wagen
Zu Beginn seiner Karriere stand „Der Weg des Künstlers“ in den Buchhandlungen im Esoterik-Regal. Häufig ist vom „großen Schöpfer“ und unserem „inneren Kind“, vom Universum und Fügungen die Rede. Diese Sprache ist gewöhnungsbedürftig und stößt Leute ab, die lieber einen rationaleren Zugriff auf ihre Kreativität wünschen. Zudem erscheinen manche Aufgaben albern, nicht zielgerichtet. Dem steht gegenüber, dass dieses Buch die zentralen Probleme rund um die Kreativität anspricht und viele Menschen begeistert von den Erfolgen berichten, die sie mithilfe des Cameron-Buches erzielt haben. Hier hilft nur eins: Der Selbstversuch.
Die Autorin
Julia Cameron, geboren 1948 in Illinois, ist Schriftstellerin, Regisseurin und durch den Erfolg von „Der Weg des Künstlers“ und den nachfolgenden Büchern eine international bekannte Seminarleiterin. Sie lebt in New York.
Julia Cameron: Der Weg des Künstlers. Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität. Droemer Knaur 2000. Taschenbuch, 352 Seiten. Euro 9,95.
