
- Julian Wasserfuhr im Alten Pfandhaus, 14.10.2011 - Wolfgang Weitzdörfer
Da der Live-Mischer verspätet im Alten Pfandhaus in Köln ankam, verzögerte sich der Einlass um einige Minuten. Beim Eintreffen des Chronisten – zehn Minuten vor dem offiziellen Beginn des Konzerts der Brüder Julian und Roman Wasserfuhr – fand sich eine eindrucksvolle Menschenmenge vor dem Eingang des Kulturzentrums in der Kölner Südstadt. Doch mit nur wenigen Minuten Verspätung begann um kurz nach 20 Uhr ein Konzert der Sonderklasse.
Großartiger Sound vor vollem Haus – die Brüder Wasserfuhr im Alten Pfandhaus, Köln
Die Band um das musikalische Geschwisterpaar Julian und Roman Wasserfuhr aus dem bergischen Hückeswagen legte mit dem Opener ihrer neuen CD "Gravity", dem sehr sensiblen "Twinkle Eyes", direkt los und obwohl die aktuelle Konzertreise ja die Promotion-Tour für die neue CD ist, folgte im Anschluss direkt das Stück "Traveller's Defense" vom Vorgänger "Upgraded In Gothenburg", das sich jedoch in den Bandsound ebenso perfekt einigelte, wie die wundervolle Coverversion des alten Bert Kaempfert-Klassikers "L.O.V.E.". Die beiden jungen Musiker zelebrierten mit ihren Kollegen Benjamin García (Kontrabass) und Oliver Rehmann (Schlagzeug, Glockenspiel) den wunderschön-lauschigen Lounge-Jazz so hingebungsvoll, dass man sich den prasselnden Kamin kaum mehr dazu fantasieren musste, die Flammen schlugen alleine durch die Musik schon reichlich hoch...
Technisch über jeden Zweifel erhaben – Julian und Roman Wasserfuhr am 14.10.2011 in Köln
Die Band hatte sichtlich Lust am Musizieren, was sich vor allem daran zeigte, dass sich die vier Vollblutmusiker bei jedem Song in ihr ganz eigenes Klanguniversum spielten. Technisch perfekt war die Darbietung sowieso – jeder Trompetenton, jeder Tastenschlenker auf dem Klavier, jedes noch so scheinbar nebensächliche Fill des Schlagzeugs und auch jeder leise angedeutete Ton am Kontrabass war am absolut richtigen und nachhaltig wirkenden Platz. Das zeigte sich vor allem bei der immer wieder einfach nur grandiosen zweiten Coverversion des Abends "Englishman In New York", im Original von Gordon Summner – besser bekannt unter seinem Künstlernamen Sting. Puristische Fans des "Englishman" mögen diese Aussage als Majestätsbeleidigung bezeichnen – dem Chronisten ist jedenfalls noch keine bessere, lebendigere und emotionalere Version dieses Überhits untergekommen. Wer hierbei keine Gänsehaut bekommt, der hat definitiv weder Herz noch Seele ...
Ein Song für einen Schnaps – gelungenes Konzert der Brüder Wasserfuhr im Alten Pfandhaus
Zwar gab es keinen Schnaps zu trinken, dennoch ist die Hommage "an meinen Lieblingsschnaps" (Julian Wasserfuhr), das schöne Stück "Branca", mit seinen lateinamerikanischen Rhythmen, dem treibenden Bass-Schlagzeug-Gespann und dem überaus grandiosen Solo von Roman Wasserfuhr am Piano, perfekt dazu geeignet, mit einem Kurzen anzustoßen! Jenes Solo bekam übrigens auch den ersten Szenenapplaus des Abends. Eine bislang bei diesem Konzert vernachlässigte Jazz-Tradition, die von da an jedoch öfters zum Einsatz kam.
Musik als Gottesbeweis – sicher eine gewagte These, die jedoch durchaus Substanz hat
Jemand hat einmal gesagt, dass Musik, genau wie der Humor, ein Beweis für die Existenz Gottes sei, da sie evolutionär weder sinnvoll noch notwendig sei. Dem ist man bei Ohrenschmeichlern wie dem von Lars Danielsson komponierten "Song For E." oder "Adonis" geneigt, vorbehaltlos zuzustimmen. Ein weiterer Baustein dieser These, ein sehr fundamentaler im Übrigen, ist das flotte, rasante und mit abgefahrenem Trompetensoli von Julian Wasserfuhr versehene "Geno The Shoeshine", das ebenfalls vom zweiten Album "Upgraded In Gothenburg" stammt und dem jungen Trompeter ausgiebig Gelegenheit gab, sein Können unter Beweis zu stellen. Belohnt wurde er dafür, wie außerdem jeder andere Song des Abends auch, mit absolut berechtigtem und langanhaltendem Applaus.
Julian und Roman Wasserfuhr im Alten Pfandhaus, Köln, am 14.10.2011
Die Anwesenden wurden Zeugen eines großartigen Tourneeauftakts, der die beste Promotion für die neue CD "Gravity" der jungen Musiker aus dem Bergischen darstellte, die man sich nur wünschen kann. Dabei muss eines festgehalten werden: so hochwertig die musikalische Klasse von Julian und Roman Wasserfuhr auch ist – am besten ist die ganze Band immer dann, wenn sie aus den langsamen und sphärischen Anfangsmomenten der Songs quasi mit Gewalt ausbricht und im Jazzkosmos munter drauflosrockt – ein bisschen so, als hätte man den Punk-Rock-Opas "The Ramones" musikalisches Benehmen und wirkliches Talent eingeimpft: manchmal anarchisch, dissonant bisweilen, aber in jedem Fall wahnsinnig musikalisch!
Ohne Zugabe kein Vorhang – die Brüder Wasserfuhr im Alten Pfandhaus
Die "Tocatta for Trumpet", im Original von Dizzy Gillespie und Charlie Parker aufgenommen, war dann der fulminante Schlusspunkt eines großartigen Konzerts, das zu jedem Moment gute Laune und große Lust am Musizieren ausströmte. Allerdings ließ sich das Publikum nicht mit einer Zugabe abspeisen und so kamen schließlich die beiden Hauptpersonen des Abends, Julian und Roman Wasserfuhr noch zu einem weiteren, außerplanmäßigen Vortrag zurück auf die Bühne: das Duett "Theo", dem Familienhund gewidmet, ließ den Abend dann in ruhigen Fahrwässern ausklingen und die Anwesenden zufrieden nach Hause gehen. Bis zum nächsten Mal in Köln, Julian und Roman! Es hat wirklich Spaß gemacht!
Interview: Julian und Roman Wasserfuhr im Gespräch.
Review: "Gravity" von Julian und Roman Wasserfuhr.
Live-Bericht: Julian und Roman Wasserfuhr in der Drahtzieherei, Wipperfürth.
