Julius Langbehn

Der „Rembrandtdeutsche“

Julius Langbehn (1851-1907) - http://www.friedrichnietzsche.de/.bin/showpic.php?
Julius Langbehn (1851-1907) - http://www.friedrichnietzsche.de/.bin/showpic.php?
Der Kulturphilosoph Julius Langbehn (1851-1907) prägte mit seinem Buch "Rembrandt als Erzieher" die kulturpessimistische Stimmung in Deutschland zur Jahrhundertwende.

Obwohl er aus ärmlichen Verhältnissen stammte, nahm Langbehn 1869 ein geisteswissenschaftliches Studium in Kiel und München auf, das er 1870/71 als Kriegsfreiwilliger und 1873 für Studienreisen nach Italien unterbrach. 1880 legte er seine Dissertation über Flügelgestalten in der griechischen Kunst vor. In den folgenden Jahren wandte er sich allerdings zusehends von der modernen Wissenschaft ab, der er vorwarf, nüchterne Erkenntnisproduktion über poetische Sinnstiftung zu stellen. Sein Doktordiplom schickte er zerrissen an die Münchener Universität zurück. In seiner antirationalistischen Wissenschaftsfeindlichkeit stimmte Langbehn mit Friedrich Nietzsche überein, den er im Herbst 1889 besuchte, in der Absicht, ihn durch eine Art Gesprächstherapie von seiner Geisteskrankheit zu heilen. Der weitere Umgang mit Nietzsche wurde ihm aber von dessen langjährigem Freund und "Privatsekretär" Franz Overbeck untersagt.

Flucht vor der Moderne

Langbehn führte ein unstetes Wanderleben ohne festen Beruf und häufig auch ohne festen Wohnsitz. Unterstützer und Geldgeber fand er in geistesverwandten Künstlern wie Karl Haider, Hans Thoma, Cornelius Gurlitt und vor allem in seinem Freund und späteren Biographen Benedikt Momme Nissen. Längere Stationen lassen sich in Dresden, Wien und zuletzt München ausmachen. Lengbehns Leben stand ganz im Zeichen eines radikalen Antimodernismus. Zunächst bewegte er sich im Umfeld der völkisch angehauchten Lebensreformbewegung, später befasste er sich zunehmend mit religiösen Fragen. 1900 konvertierte er, beeinflusst durch den Bischof von Rottenburg Paul Wilhelm Keppler, zum Katholizismus. Nach seinem Tod wurde Langbehn auf eigenen Wunsch auf dem Friedhof von Puch bei Fürstenfeldbuck neben der uralten Linde der Einsiedlerin Edigna bestattet.

„Rembrandt als Erzieher“

Berühmt geworden ist Langbehn allein durch sein zunächst anonym veröffentlichtes Buch „Rembrandt als Erzieher“ (1890), das ihm den Beinamen der ‚Rembrandtdeutsche’ einbrachte. In seinem Hauptwerk übte Langbehn heftige Kritik an der emotionslos- sterilen Wissenschaft seiner Zeit und setzte eine Kulturphilosophie als intuitive Wesensschau dagegen. Faktisch verbirgt sich dahinter nichts anderes als die Anhäufung freier Assoziationen und apodiktischer Werturteile ohne jegliche quellenkritische Grundlage.

Wissenschaftsfeindlichkeit und Kulturkritik

Inhaltlich lieferte das Rembrandt- Buch eine radikale antimoderne Kulturkritik. Rationalität, Wissenschaftlichkeit, Materialismus, Liberalismus, Kosmopolitismus und geistigen Uniformismus begriff der ‚Rembrandtdeutsche’ als Degenerationserscheinungen, für die er Aufklärung und Urbanisierung verantwortlich machte. Als mystisch- romantischen Gegenpol zur verhassten Moderne setzte Langbehn den Typus des ‚Niederdeutschen’, verkörpert durch den Maler Rembrandt. Aus seinem Geist solle eine nationale Wiedergeburt durch Kunst entspringen, initiiert von ‚Geistesheroen’, die Individualismus, Gemütstiefe, Schlichtheit, Ganzheitlichkeit, Verwurzelung im Volkstum zu neuer Geltung bringen.

Antisemitismus in den Neuauflagen

In den überarbeiteten Neuauflagen des Rembrandt- Buches, die bereits wenige Monate nach der Erstveröffentlichung erschienen, fällt vor allem die Radikalisierung des zunächst eher milden Antisemitismus auf. Beeinflusst durch sächsische Antisemiten wie Theodor Fritsch, Heinrich Pudor und vor allem Max Bewer stilisierte Langbehn das Judentum zur Triebfeder der verhassten Moderne. Momme Nissen behauptete später, dass sich Langbehn durch seine Hinwendung zum Katholizismus von der völkischen Bewegung wieder distanziert habe. Dies lässt sich jedoch nicht durch Quellen belegen.

Erfolg und Kritik

Langbehns Buch wurde zu einem sensationellen Bestseller. Bis 1945 erschien es in ca. 40 Auflagen und verkaufte sich 250.000-mal. Von der Gelehrtenwelt wurde „Rembrandt als Erzieher“ wegen seiner offenkundigen Wissenschaftsfeindlichkeit überwiegend skeptisch aufgenommen. Auf dem Buchmarkt erschienen sogar etliche Persiflagen, die Langbehns Stil nachahmten und sein sinnfreies, assoziatives Drauflosphilosophieren demaskierten. Langbehns Gedichtband „40 Lieder von einem Deutschen“ (1891), der aufgrund seines pornographischen Inhalts ein gerichtliches Nachspiel hatte, trug nicht gerade dazu bei, die Meinung der Kritiker zu revidieren. Der Verkaufserfolg des Rembrandt- Buches beruhte in erster Linie darauf, dass es Langbehn meisterhaft verstand, die antimoderne und kulturpessimistische Stimmung in Teilen des Bürgertums zu bedienen und diese Geisteshaltung in seiner Flucht vor der Moderne auch selbst vorzuleben.

Spätere Werke

Nach Langbehns Tod veröffentlichte Momme Nissen aus dem Nachlass seines Freundes weitere Werke u.a. „Niederdeutsches“ (1926), „Dürer als Führer“ (1928), „Der Geist des Ganzen“ (1930), „Langbehns Lieder“ (1931). Sie befassten sich mit Überlegungen für eine geistig- kulturelle Regeneration, für die ‚Geistesheroen’ wie Christus, Dürer oder Mozart eingespannt wurden. Die Authentizität dieser Werke ist allerdings fragwürdig, da Momme Nissen als Dominikanermönch ein Interesse daran hatte, die katholischen Elemente in Langbehns Denken einseitig hervorzukehren.

Wirkung

Die enorme öffentliche Wirkung, die ein exzentrischer Wirrkopf wie Langbehn erzielen konnte, lässt sich geistesgeschichtlich nur vor dem Hintergrund der Fin de siècle-Stimmung Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts erklären. Das Unbehagen an einer vermeintlich kalten und rationalistischen Moderne sowie an der wissenschaftlichen „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) rief eine Vielzahl charismatischer Propheten auf den Plan, die sich um eine antiaufklärerische Wiederverzauberung bemühten. In diese Kategorie gehören auch bedeutendere Denker wie Schopenhauer, Wagner, Nietzsche und George.

Langbehns Gedankengut hatte starken Einfluss auf die Ausprägung von Antiintellektualismus und Antisemitismus in der deutschen Jugendbewegung. Ebenso lässt es sich im völkisch- esoterischen Zweig der Reformpädagogik und in der Heimatkunstbewegung um Personen wie Ferdinand Avenarius und Friedrich Lienhard wieder finden. Der Kulturkatholizismus, der nach einer Vereinbarkeit zwischen Katholizismus und Nationalismus suchte, fand in Langbehn einen wichtigen Bezugspunkt. Auch der Nationalsozialismus nahm den ‚Rembrandtdeutschen’ als Vordenker und ‚völkischen Seher’ in Anspruch, obwohl viele Details aus Langbehns Leben und Werk kaum mit der NS- Weltanschauung vereinbar waren.

Literatur

Becker, Peter E., Wege ins Dritte Reich, Teil II: Sozialdarwinismus, Rassismus, Antisemitismus und völkischer Gedanke, Stuttgart 1990, S. 126-173.

Behrendt, Bernd, Zwischen Paradox und Paralogismus. Weltanschauliche Grundzüge einer Kulturkritik in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts am Beispiel August Julius Langbehns, Frankfurt a.M. 1984.

Behrendt, Bernd, August Julius Langbehn, der „Rembrandtdeutsche“, in: Uwe Puschner u.a. (Hg.), Handbuch zur Völkischen Bewegung 1871- 1918, München 1996, S. 94-113.

Heinßen, Johannes, Kulturkritik zwischen Historismus und Moderne. Julius Langbehns Rembrandt als Erzieher, in: Bergmann, Werner/ Sieg, Ulrich (Hg.), Antisemitische Geschichtsbilder, Essen 2009, S. 121-137.

Ibach, Helmut, Julius Langbehn, in: NDB 13 (1982), S. 544-546.

Momme Nissen, Benedikt, Der Rembrandtdeutsche Julius Langbehn, Freiburg 1925.

Paul, Jürgen, Der "Rembrandtdeutsche" in Dresden, in: Dresdner Hefte 17, H.57 (1999), S. 4-13.

Stern, Fritz, The Politics of Cultural Despair. A Study in the Rise of Germanic Ideology, Berkeley 1963, S. 97-180.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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