
- Kreuz und Bibel - Jan Thomas Otte
Beten könne man ja immer, sagt Carina Feil. Sie weiß ganz sicher, dass Gott bei ihr ist. Der Glaube helfe der 14-Jährigen, "Gott einen großen Schritt näherzukommen". Till Utner dagegen zögert.
Natürlich gingen viele seiner Freunde in den Konfirmanden-Unterricht, "weil es die Eltern so wollen, die Oma es sich wünscht", sagt er. Christliche Feste mit Geschenken, das erste Mofa, Geld für den Führerschein, das sei aber nicht alles. Er hat Lust auf Weihrauch, denkt über den Glauben nach.
Glück, Spaß und Geborgenheit im christlichen Glauben entdecken
Überrascht ist Dietmar Heydenreich, Bezirks-Jugendpfarrer der evangelischen Landeskirche in Baden, von einer anderen Auskunft junger Menschen: "Das große Glück, ganz viel Spaß haben", sagen ihm viele Schüler auf die Frage, warum sie die christliche Gemeinschaft suchen.
Der Glaube sei demnach allen Vorurteilen zum Trotz kein Spaß-Verderber. Fromme Jugendliche treffen sich auch während der Pausen zum Beten. Nach Angaben der Studentenmission in Deutschland gibt es an mehr als 800 Schulen Gebetskreise. Viele suchen nach Geborgenheit.
Engel, Bekenntnisse und Gebet hoch im Kurs bei Jugendlichen
Mittwochs geht Till Utner in den Konfirmanden-Unterricht, lernt mit anderen über Gott, was längst nicht mehr jeder Jugendliche auswendig weiß: Psalm 23 ("Der gute Hirte"), Glaubensbekenntnis und Vaterunser-Gebet. Ohnehin vertreten nicht alle jungen Leute die strenge christliche Lehre.
Ein Drittel glaubt nach Angaben der 15. Shell Jugend-Studie an Engel und gute Geister. Ein weiteres Drittel glaubt, dass Schicksal und Vorbestimmung ihr Leben beeinflusse. Ebenso viele glauben an einen persönlichen Gott. Und viele von ihnen beten, regelmäßig. Ulrich Hemel unterrichtet als Professor für Religionspädagogik an der Uni Regensburg. Priester wollte er so schnell nicht werden. Er wurde Unternehmer.
Suchen, Finden und Zweifeln in Religion und Spiritualität erlaubt
Seine Habilitation hat er über das Finden religiöser Identität geschrieben. „Ich bin nicht so sicher, ob ich im Glauben etwas suche. Vielleicht hat der Glaube ja mich gesucht. Suchen und Finden sind komplementär", sagt der Sozialstratege.
Was findet Hemel im Glauben? Trost, Zuversicht, Hoffnung - und: "eine plausible Erklärung" dafür, wie er mit dem Nichtwissen des Nichtwissens umgehen könne. Das hilft ihm: Das Ziel seiner Sehnsucht nicht als Leerstelle der Wirklichkeit zu begreifen, sondern "als Gegenüber, bei dem ich mich auf immer wieder neue Formen der Begegnung freue".
Frömmigkeit abfragen, Kirchenmitgliedschaft und Mobilität
Der "Religionsmonitor", eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung, teilt die Jugendlichen in Deutschland in fünf Gruppen ein: evangelisch 35 Prozent, katholisch 30 Prozent, konfessionslos 25 Prozent, freikirchlich und muslimisch je fünf Prozent. In den Antworten der 12- bis 25-jährigen Befragten wird deutlich:
Trotz Kirchenmitgliedschaft kommen sonntags um zehn kaum junge Besucher in den Gottesdienst. Die einen wollen lange schlafen. Andere sind am Wochenende häufig unterwegs. Und manche haben keine gläubigen Eltern...
