Jahrzehntelang wurden Mädchen gefördert, inzwischen sprechen sich Fachleute für eine besondere Jungenpädagogik aus. Jungen, so sagen sie, gehörten an Deutschlands Schulen inzwischen zu den Bildungsverlierern. Und tatsächlich, während noch vor 48 Jahren 56 Prozent der deutschen Gymnasiasten Jungen waren, kehrte sich das Verhältnis bis 2001 nahezu um. Nun waren noch 46 Prozent Jungen und 54 Prozent Mädchen und bis heute hat sich dieser Trend weiter verstärkt. Sind die Sieger von gestern also die Verlierer von heute?
Jungen brauchen Vorbilder
"Viele Jungen sind verunsichert, wissen nicht, wie sich verhalten sollen und können auch nicht darüber reden. Sie haben es oft nicht gelernt", meint Marcus Thieme, Mitarbeiter des Hamburger Landesinstitutes für Lehrerbildung und Schulentwicklung in einem FR-Interview. Ihnen fehlten die männlichen Rollenvorbilder in Kindergärten und Schulen sowie in den Familien. Der Grund: Jungen seien oft überfordert von den Erwartungen, die an sie gestellt würden. Von ihnen werde meist angenommen, dass sie im Alltag zurecht kämen, während Mädchen wesentlich behüteter aufwüchsen.
Der Umgang mit Jungen muss sich ändern
Schon nach dem Amoklauf von Winnenden hatten Experten den Umgang mit Jungen an deutschen Schulen kritisiert. So hatte der Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, eine massive Benachteiligung von Jungen im deutschen Bildungssystem als eine der möglichen Ursachen des Amoklaufs von Winnenden bezeichnet. "Von allen Schulabgängern ohne Abschluss sind 62 Prozent Jungen", stellte der Professor in einer Studie von 2009 fest.
Auf einem Fachkongress zum Thema "Geschlechtergerechte Erziehung und Bildung" im September dieses Jahres in Bielefeld trafen sich denn auch über 200 Teilnehmer aus Schulen, Hochschulen, Jugendarbeit und Bildungsbehörden, um über Ansätze in der Jungenpädagogik zu diskutieren. Eine der geladenen Expertinnen war Dr. Susann Fegter. Ihrer Ansicht nach sollten Pädagogen Jungen wieder lieben lernen. Dazu gehöre es, ein besonderes Jungensein anzuerkennen. Sie seien nun mal voller Bewegungsdrang, mit einer normalen Aggressivität ausgestattet, nonkonform und schwer zu bändigen. Ihr Fazit: Man muss auf die unterschiedlichen Herausforderungen von Mädchen und Jungen adäquat reagieren.
Jungen brauchen Bewegung
Dieser Ansicht ist auch Marcus Thieme. Er fordert von Lehrern und Lehrerinnen eine differenzierte Sichtweise auf Mädchen und Jungen zu entwickeln. Während Mädchen im Unterricht meist angenehm seien und gut funktionierten, würden Jungen zu leicht als Störenfriede wahrgenommen. Lehrer sollten dieses Verhalten der Jungen nicht sofort sanktionieren. Es gehe darum das System aufzubrechen. Dabei schlägt er ein verblüffend einfaches Konzept vor. "Jungen brauchen vor allem Bewegung. Sauerstoff und Auspowern kann Wunder bewirken", so Thieme. Er selbst schicke die Jungen manchmal mitten im Unterricht nach draußen zum Laufen auf den Schulhof. Raufereien und Spaßkämpfe der Jungen untereinander in Maßen seien auch völlig in Ordnung, weil sie sich dadurch abreagierten und Stress loswürden. Lehrern gibt er den Tipp freundlich, aber bestimmt Grenzen zu setzen, dabei jedoch gerecht und freundlich zu bleiben.
