Zahlreiche Studien zeigen inzwischen, dass Jungen zunehmend Probleme haben, ihr Leben erfolgreich zu meistern. Im Vergleich zu Mädchen werden sie später eingeschult, bleiben häufiger sitzen, sind mit einem höheren Anteil in Sonder - bzw. Förderschulen für lernbehinderte und erziehungsschwierige Schülerinnen und Schüler zu finden und haben im Durchschnitt die schlechteren Schulabschlüsse. Zudem fallen sie viel öfter als Mädchen wegen Disziplinlosigkeit und Unterrichtsstörungen auf, ja sie weisen sogar höhere Selbstmordraten auf oder sind häufiger krank.
Warum sind Jungen auffälliger als Mädchen?
Während Jungen früher konkurrenzlos waren, laufen ihnen die Mädchen heute zunehmend den Rang ab. Michael Cremers, Dr. Ralf Puchert und Elvira Mauz, Autoren des Heftes 8 der Schriftenreihe Kompentenzzentrum sehen in ihrem Beitrag zum Thema „Jungenförderung“ einen wesentlichen Grund in der positiveren Arbeitseinstellung der Mädchen. Kurz: Mädchen sind einfach fleißiger. Im Gegensatz zu Zeiten des weiblichen Bildungsdefizits in den 1960er und -70er Jahren schlügen sich auf Grund der massiven gesellschaftlichen Veränderungen gute Schulleistungen inzwischen in guten Abschlüssen nieder, zudem sei auch der problematische Medienkonsum von Jungen für ihre schlechteren Leistungen verantwortlich. Jungen sähen häufiger fern, spielten mehr problematische Computerspiele und seien deshalb seltener in der Lage, sich angemessen zu konzentrieren. Eine Einsicht, die auch durch Studien des kriminologischen Institutes Niedersachsen unter Leitung von Christian Pfeiffer bestätigt wird. Anpassen können Jungen sich ebenfalls schlechter, für sie gelte offenbar immer noch der Grundsatz, Hauptsache cool.
Jungen und die Abwesenheit männlicher Vorbilder
Aber warum sind Jungen so versessen darauf, zum Missfallen ihrer Lehrer immer wieder Regeln zu übertreten? Fehlen ihnen angemessene männliche Vorbilder? Noch immer, so stellt Birger Menke in einem Spiegel-Online-Artikel vom 06.10.2010 fest, seien Kitas und vor allem Grundschulen fest in weiblicher Hand. Dennoch hält er nichts von Männerquoten zur Steigerung der Zahl männlicher Vorbilder. Neue Studien zeigten, die beliebte These, wonach weibliche Lehrkräfte den Jungen nicht gerecht würden, sei nicht mehr haltbar. Er verweist auf Marcel Helbig vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, der nur geringe positive Auswirkungen von der Anwesenheit männlicher Lehrer auf das Verhalten und die Leistungsfähigkeit von Jungen nachweisen konnte. Gegenüber Spiegel Online erklärte er: "Ich konnte einen ganz kleinen Effekt feststellen, an Schulen mit vielen männlichen Lehrern waren Schüler in Mathe minimal besser." Diesen Effekt, so Helbig, könne man jedoch insgesamt vernachlässigen, in Deutsch zum Beispiel, unterschieden sich die Leistungen nicht. Helbig weist auch darauf hin, woher die Theorie von der Wirkung männlicher Vorbilder für Jungen stamme: „Es stand schon bei Freud, dass Jungen männliche Vorbilder brauchen.“ Empirische Belege gebe es dafür jedoch nicht, so der Wissenschaftler.
Neue Wege für Jungen
Auch wenn die Ursachen noch umstritten scheinen, immer mehr Pädagogen sehen dennoch die Notwendigkeit, Jungen stärker in den Fokus zu rücken. Jungenpädagogik hat Konjunktur. Allerdings hat sich der Ansatz gewandelt. Glaubten sie zunächst im Sinne einer präventiven Arbeit, Jungen ein neues Rollenbild frei von Frauenabwertung und der klassischen Männermaxime „Mein Haus, mein Boot, mein Pferd“ vermitteln zu müssen, wird inzwischen eine positive Jungenarbeit propagiert. Nicht nur der Probleme bereitende männliche Jugendliche stehe im Mittelpunkt, sondern der normale, es gehe um Stärken und Fähigkeiten, nicht nur um Defizite. Der erfolgreiche Mann von morgen, so schreibt Albert Fußmann vom deutschen Jugendinstitut, brauche einen souveränen Umgang mit seiner eigenen Geschichte in seiner Verletzlichkeit als kleines Kind, einen Umgang mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten, ein Outen seines zeitweisen Größenwahns, ein Zugeben seiner Schwächen und Ängste und ein Abrücken von der Fixierung auf sogenannte Männerberufe. Er benötige die Vorstellung eines flexiblen Erwerbslebens, das sich nicht nur über Rang und Verdienst rechne, sondern auch über die Möglichkeit, eine Familie zu gründen und dort Verantwortung zu übernehmen. Letztlich müsse er lernen, seine Lebensziele nicht nur über den Beruf zu definieren, sondern auch über Familie, Freundschaft und Gemeinde.
Jungenpädagogik benötigt männliche Pädagogen
Auch wenn empirisch kein Zusammenhang zwischen der Leistungsfähigkeit von Jungen und der Anwesenheit männlicher Pädagogen nachweisbar sei, könnten dennoch, so die gängige Meinung unter Jungenpädagogen, nur Männer authentisch ein anderes Männerbild vermitteln. Insofern sei es trotz der Untersuchungen Helbigs nachteilhaft, dass sie im Erziehungsgeschehen noch immer so selten vertreten seien. Deshalb fordert Albert Fußmann, bei Stellenbesetzungen, Konzeptionen und Angeboten müsse der Jungenarbeitsaspekt viel stärker berücksichtigt werden und verweist auf die Leitlinien der Landeshauptstadt München zur Arbeit mit Jungen und jungen Männern. Dort heiße es unter 5.1. (Handlungsperspektiven zur Umsetzung)„ … Das Sozialreferat/Stadtjugendamt stellt im Rahmen seiner Planung sicher, dass Jungenarbeit Bestandteil der kommunalen Kinder- und Jugendhilfeplanung ist und beteiligt die freien Träger im Planungsprozess. (…) Männliche Mitarbeiter erhalten einen klaren Arbeitsauftrag für Jungenarbeit, der auch in Stellenbeschreibungen benannt wird. Vom öffentlichen und freien Träger werden hierzu entsprechende inhaltliche, personelle, räumliche und organisatorische Voraussetzungen und Mittel geschaffen.“ Ein Weg, so Fußmann, der noch weit sei, aber die Richtung stimme.
