"Junikäfer - Junebug": Indiefilm mit Herz, Verstand und Amy Adams

Der Film Junebug - Junikäfer - Sony Pictures
Der Film Junebug - Junikäfer - Sony Pictures
Das Drama "Junikäfer" ("Junebug", 2005) verhalf Schauspielerin Amy Adams ("Verwünscht") zum Durchbruch und erzählt von Großstädtern und Landeiern.

Für ihre Rolle in "Junikäfer" wurde die damals 31-jährige Amy Adams mit Lob, Preisen und Nominierungen (z.B. für den Oscar) überschüttet und von den Kritikern gar zur "Indie Queen", zur Königin des Indepedentfilms ernannt. Dabei spielt sie im Debütfilm von Phil Morrison keinen anspruchsvollen Charakter mit einer psychischen oder körperlichen Behinderung etwa, sondern ein einfaches Südstaatenmädchen, das nur etwas zu einfältig ihren naiven Illusionen nachhängt und ihre Freude manchmal etwas zu offen kundtut.

Die Handlung von "Junikäfer": Großstädter trifft auf Landei

Madeleine (Embeth Davidtz) und George (Alessandro Nivola) lernen sich in ihrer Chicagoer Kunstgalerie kennen, verlieben sich und heiraten bereits nach einer Woche. Als ein vielversprechender Künstler, den Madeleine überreden will, bei ihr auszustellen, die beiden ins ländliche North Carolina zieht, das zufälligerweise Georges Heimat ist, machen sie einen Abstecher zu seiner Familie. Dort treffen sie auf Georges misstrauische Mutter Peg (Celia Weston), seinen leicht resignierten Vater Eugene (Scott Wilson), den lethargischen, desinteressierten kleinen Bruder Johnny (Benjamin McKenzie aus "O.C., California") und dessen junge, hochschwangere Frau Ashley (Amy Adams), die das frisch verheiratete Paar euphorisch empfängt.

Das Kennenlernen nimmt nun seinen Lauf. Mutter Peg steht der studierten Schwiegertochter distanziert gegenüber, Vater Eugene ist freundlicher, hat aber in der Familie nichts zu sagen. Bruder Johnny missversteht Madeleines Bemühen, ihm beim Nachholen seines Schulabschlusses zu helfen als Flirtversuche, verhält sich seiner schwangeren Frau und dem nahenden Baby (das Ashley Junebug - Junikäfer - nennen möchte) gegenüber jedoch vollkommen desinteressiert. Die fröhliche, extrovertierte Ashley hingegen freundet sich sofort mit Madeleine an und schüttet ihr ihr kleines naives Herz aus. Während Madeleine sich dann mit den Launen des Künstlers und einer ebenfalls interessierten konkurrierenden Galerie auseinandersetzen muss, beginnt George zum ersten Mal eine Distanz, vor allem wertebasiert, zwischen sich und seiner Frau wahrzunehmen. Als schließlich Ashleys Wehen einsetzen, gerät die junge Ehe in einen Prioritätenkonflikt.

Herrlicher Figurenreigen rund um Energiebündel Amy Adams

"Junikäfer" hat einen herrlichen Figurenreigen zu bieten, in dem jeder einen ganz eigenen Platz einnimmt und Interesse und Mitleid zu wecken vermag. Mit nur einer Szene gelingt es Regisseur Phil Morrison das Wesen einer Figur zu erfassen und dem Zuschauer zu verdeutlichen - jedoch ohne die Charaktere durch diese Komprimierung zu verflachen. Jede dieser Figuren ist interessant und nur allzu menschlich. Im Zentrum der disparaten Familie steht dabei natürlich das naive Energiebündel Ashley, die trotz Schwangerschaft ruhelos, fröhlich und aufgeregt die Lethargie ihrer Mitmenschen aufwirbelt und ihre Verwandten, besonders Madeleine dadurch manchmal vielleicht etwas überfordert. Man kann sich kaum vorstellen, wie sie einst mit dem faulen, sediert erscheinenden Johnny zusammen kommen konnte.

Dabei hätte diese Ashley ganz leicht zu einem plumpen, klischeebeladenen Südstaaten-Dummerchen verkommen können. Doch dem schauspierischen Wunderwerk Amy Adams gelingt eine zwar deutlich an der Grenze balancierende übertriebene Darstellung, die aber auch immer eine gewisse Sehnsucht, verborgene Traurigkeit und tiefe Menschlichkeit in sich trägt und Ashley zu einem bezaubernden, äußerst liebenswerten Persönchen machen. So ist sie zwar eine Nervensäge, doch man kann nicht umhin sie zu lieben. Überraschend ist auch der "O.C."-Star Benjamin McKenzie, der als eigentlicher Unsympath des Films neben einer lauernden Aggression eine große Gutherzigkeit zu verbergen vermag, die aber im Laufe der Jahre verschüttet worden sein muss.

"Junikäfer": Tragikomödie mit konservativen Werteverhandlungen

Leider verzichtet "Junikäfer" nicht auf das typische Aneinandergeraten von großstädtischen und ländlichen Werten, besonders als es darum geht, ob Familie oder Karriere im Vordergrund zu stehen haben. Zwar hebt er diese Klischees auf ein sehr menschliches, glaubwürdiges Niveau, auf dem Verständnis für beide Seiten geschaffen wird und (Figuren-)Kontraste in Gutmütigkeit verschmolzen werden, sie zu überwinden gelingt dem Film jedoch nicht. Dadurch erhält dieser durchaus ambitionierte Independentfilm einen Touch Hollywood (man denke an Produktionen wie "Sweet Home Alabama"), jedoch bedauerlicherweise nicht im Positiven.

Besonders klug ist dabei aber, dass die Informationen zum Hintergrund des Zusammenlebens der einzelnen Parteien sehr sparsam gebracht, die Beziehungen also nicht noch zusätzlich durch Dramatik beladen werden. Der Zuschauer muss sich die Vorgeschichte aus Andeutungen selbst zusammen setzen. Der Film beschränkt sich so auf Momente des Aufeinandertreffens, auf zarte Annäherungen und Distanzierungen, hält manchmal gar die Handlung an, indem er sekundenlang auf einem menschenleeren Bild verweilt. Denn hinter dem tragikomischen Figurenreigen verbergen sich Einsamkeit und die Sehnsucht nach Nähe - und das betrifft wohl sowohl großstädtische Intellektuelle wie ungebildete Hinterwäldler ...

Originaltitel: "Junebug“

Regie: Phil Morrison

Produktionsland und -jahr: USA 2005

Filmlänge: ca. 107 Minuten

Verleih: Arsenal

Darsteller: Embeth Davidtz, Amy Adams, Benjamin McKenzie, Alessandro Nivola, Celia Weston, Scott Wilson, Frank Hoyt Taylor