Justus Neumann und das Nibelungenlied, ein Interview

Justus Neumann - Wolfgang Kalal
Justus Neumann - Wolfgang Kalal
„Es ist einfach mit Phantasie eine Geschichte zu erzählen". Justus Neumann über das jüngste Projekt seines CIRCUS ELYSIUM. Ab 10. 9. 2010 im Dschungel Wien.

Man kennt seinen Namen in Österreich: Justus Neumann. Man weiß: Was er macht, ist etwas Besonderes, Außergewöhnliches. Seit nunmehr 23 Jahren lebt er mit seiner Familie in Tasmanien, doch kommt er mit der Regelmäßigkeit eines Zugvogels in seine alte Heimat zurück, um hier mit neuen Projekten aufzutreten, um Workshops abzuhalten, um zu spielen. Seit 28.August probt er im Dschungel Wien „Das Nibelungenlied“, ein Stück mit Live-Musik für Menschen ab 13.

FCR: Herr Neumann, wieso die Nibelungen?

JN: Ja, das frag ich mich auch (Lachen). Wir sind eben verliebt in die „ganz kleinen Sachen“ in der Weltliteratur. Für uns stellt sich nicht die Frage, warum wir Don Quichote oder die Bibel oder die Nibelungen machen, sondern wie. Können wir mit unserer Phantasie so eine Geschichte weiter erzählen und wie können wir das mit den Mitteln, die wir zur Verfügung haben. Dieses Mal haben wir ein Zelt und einen, naja, ich würde ihn nicht „Clown“ nennen, eher einen „Charakterclown“. Wie würde der eine solche Geschichte erzählen? Das ist spannend für uns.

Am Anfang, in den ersten Proben, darf alles passieren, was sich ergibt. Ob das jetzt so in der Geschichte vorkommt, ob der Zwerg König Laurin wird, oder ein Zwerg aus dem Märchen, das ist wurscht. Wo immer es uns die Assoziationen hinführen, dort gehen wir hin. Zum Beispiel Brünhilde. Sie hat drei Kämpfe mit Gunter, und Siegfried steckt unter der Tarnkappe. Bei uns sind das ganz andere Kämpfe geworden. Und weil uns das Wort „Rose“ in den Sinn gekommen ist, das zu „Rosenhügel“ geworden ist, spielen wir die Nibelungen am Rosenhügel weiter. Es ist einfach mit Phantasie eine Geschichte zu erzählen. Wichtig ist die Lust am Spiel, die Freude am Erzählen und dass man merkt, da sind Momente, die einen gefangen nehmen, ohne dass man nachdenken muss.

FCR: Was ist denn in unserer Zeit für junge Leute von den Nibelungen erzählbar?

JN: Die ganze Geschichte. Das ist eine spannende Geschichte. Keiner weiß ja wirklich, wie dieses Nibelungenlied entstanden ist oder wo sie herkommt. Hüten die Zwerge tatsächlich diesen goldenen Schatz? Ist die Brünhilde tatsächlich vom Feuer umgeben? Was ist Mythologie, was Mystik, und was steckt noch alles dahinter … Ich glaub, dass Inhalte manchmal gar nicht so wichtig sind. Mit den Inhalten verderben wir die Reinheit der Menschen, wir geben ihnen Inhalt, wir geben ihnen eine Moral, wir geben ihnen ein Gesetz, und damit verdirbt man eigentlich die spielerische Natur des Menschen. So denken wir. Wir nehmen jeden Stoff her, in dem Fall sind es halt die Nibelungen, und machen damit, was uns Spaß macht.

FCR: Zwischenfrage: Wer ist „wir“? ich dachte, Sie spielen solo?

JN: „Wir“ sag ich deshalb, weil wir seit vielen Jahren ein starkes Team sind, von Elke Hesse angefangen, die immer alles für mich organisiert. Ich hab immer Hanspeter Horner als Regisseur. Gerhard Gruber macht für mich die musikalischen Beigaben, dann ist noch Wolfi Kalal, der mir die Technik macht, und Greg Methé, der wunderbare Objekte baut. Das sind wir.

FCR: Wie erzählen Sie die Geschichte, als Folge von Bildern? Ohne die Wertung „gut“ und „böse“ zu verteilen? Wie haben wir uns das vorzustellen?

JN: Es ist schon so, dass man der Geschichte gut folgen kann. Obwohl sie, so wie wir sie erzählen, keinen Anspruch auf Authentizität stellt. Es geht uns nicht darum, so wortgetreu wie möglich zu erzählen. Für uns ist das eigentlich unwichtig, ob zwei oder drei Drachen auftreten, oder aus welchem Antrieb Hagen den Siegfried umbringt. Wir haben einfach Lust, zu erzählen und fragen uns, was in unserer Phantasie in Bewegung gerät, wenn wir eine solche Geschichte lesen, sehen, oder spüren. Und ich glaub an das Spüren. Wenn ich diese Geschichten analysiere, dann bleibt ja nur etwas Kopflastiges über. Aber wenn ich sie spüre und fühle, die Kraft eines Siegfrieds in mir spüre, auch die Wut eines Hagens, dann ist es eine gute Geschichte, eine, die sich zu erzählen lohnt. Hagens Wut stellen wir in unserem Zirkus sogar mechanisch dar. Wir haben Greg Methé, einen wunderbaren Objekte- und Maschinenbauer in unserem Ensemble. Er hat den Hagen in fünf verschiedene Maschinen gebastelt. Wenn ich diese Maschinen sehe, da spür' ich was, da brauch ich gar keinen Kopf dazu, sondern sehe ich … aber das kann man nicht so gut erklären, das muss man sehen! Das ist eine große Stärke dieses Abends, wir haben hier Maschinen, Objekte, die es am Theater wohl noch nie gegeben hat.

FCR: Glaubt das nicht jeder, dass es gerade diese seine Dinge noch nie gegeben hat im Theater?

JN: Naja, es hat alles schon gegeben. Aber was sich Greg ausgedacht hat, das hat es noch nie gegeben, er ist der erste, der solche Maschinen gebaut hat, ein wenig wie Tinguely, nur ein bissi besser.

FCR: Und der Drache …

JN: Der Drache kommt vor! In der alten Geschichte wird er umgebracht, das wollen wir nicht. Und jetzt weiß ich nicht, wie viel ich verraten soll. Aber … der Drache ist eigentlich das Fluginstrument, fast wie bei der „Unendlichen Geschichte“ … es ist Mythologie. Wir wollen den Drachen nicht umbringen, sondern wir wollen, dass man sich seiner Kraft bewusst wird und sie sich zu Eigen macht und mit ihm wegfliegt.

FCR: Was möchten Sie denn, dass die Zuschauer mit nach Hause nehmen?

JN: Eine phantasievolle Geschichte.

FCR: Weshalb gibt es die Altersbeschränkung „ab 13“?

JN: Es hat ein paar Härten in sich, deswegen …

FCR: Glauben Sie nicht, dass Kinder heutzutage schon viel früher mit „Härten“ umgehen lernen?

JN: … Absolut … aber mit geht es auch darum, dass meine Zuschauer den Witz und die Hintergedanken erkennen und schätzen. Mit dem Wortwitz und der wienerischen Art, wie wir an die Geschichte herangehen, könnten die Jüngeren noch Schwierigkeiten haben. Ich mag eines nicht: junge Menschen, die im Theater sitzen und mir nicht folgen können. Ich spür ja, ob sie dann bei mir sind oder nicht. Da ist es mir lieber, ich setz das Alter höher an.

FCR: Ich danke für das Gespräch.

Friederike C. Raderer, Hannes Czischek

Friederike C. Raderer - Friederike C. Raderer Autorin, Moderatorin, Redakteurin freie Mitarbeiterin bei Ö1 / ORF Hauptinteressensgebiete: Musik, ...

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