Jutta Heine: Den Biss hat sie noch

Ex-Sprinterin betreibt die Blaue Mühle im Westerwald

Die Blaue Mühle in Burglahr - Andreas Schultheis
Die Blaue Mühle in Burglahr - Andreas Schultheis
Die frühere Weltklasse-Sprinterin Jutta Heine betreibt heute die Pension Blaue Mühle im Westerwald-Ort Burglahr. Zum Leistungssport hat sie eine gesunde Distanz.

Als Sprint-Diva wurde sie oft bezeichnet. Zweimal gewann sie 1960 in Rom olympisches Silber, im 200-Meter-Sprint und in der 100-Meter-Staffel. Damals war sie 19 Jahre alt. 1962 wurde sie dann Europameisterin im 200-Meter-Sprint in Belgrad, wiederholte den zweiten Platz in der Staffel. „Doch das ist lange her", sagt die frühere Leistungssportlerin Jutta Heine, die schon mit Mitte zwanzig ihre Laufbahn beendete. „Ich bin froh, dass ich damals nur aus meinem Talent und aus Spaß heraus Sport getrieben habe und nicht, wie heute üblich, aus Leistungszwängen und Erfolgshunger. Damals wäre manche, die in den Vorläufen passen musste, gerne auf meiner Position ins Ziel gekommen."

Sport ist nicht alles

Jutta Heine hat eine gesunde Distanz aufgebaut zu ihrer Sportkarriere. Zwar gibt es noch viele Kontakte zu ehemaligen Sportlern und immer ein großes Hallo bei der Wahl zum Sportler des Jahres. Eine Runde ehemaliger Sportlerinnen, die sie „Turnschwestern" nennt, trifft sich jährlich bei ihr zuhause. „Aber es gab und gibt noch weitaus mehr im Leben." Für die Sprinterin aus der Nähe von Hildesheim gehörte nach dem Ende der sportlichen Karriere Erfolg im Beruf dazu. Bereits während ihrer Zeit als Leistungssportlerin hatte sie ihr Studium aufgenommen, schloss es als Diplom-Kauffrau ab, führte später eine Großküche und arbeitete als Vermögensverwalterin. Auf die Frage, was vom Sport geblieben ist außer den Erinnerungen und ein paar Freundschaften, antwortet sie bestimmt: „Der Biss, es schaffen zu wollen! Die Jungen sind ja viel eher schlapp als unsereins!" schmunzelt sie und erzählt, wie sie beim Bergwandern manchen jungen Hüpfer abhängt.

Der pure Zufall führte die zweifache deutsche Fünfkampf-Meisterin Mitte der siebziger Jahre in den Westerwald. Damals kam sie oft von Köln aus zum Reiten hierher und suchte eigentlich nur eine Bleibe für die Wochenenden. Gefunden hat sie die „Blaue Mühle" in Burglahr, die fortan Lebens- und Arbeitsmittelpunkt der Tierliebhaberin wurde. Ab und zu geht es aber auch heute noch in die Domstadt.

Im Westerwald heimisch geworden

„Man schaut sich das ein oder andere ab", sagt die Sportlerin des Jahres 1962 bescheiden, als sie darüber berichtet, wie sie bei der Renovierung ihres Anwesens aus dem 17. Jahrhundert hier erstmals handwerklich gearbeitet hat. Dabei wollte sie nie halbe Sachen machen und hat auch bei der Instandsetzung der Blauen Mühle, deren Innenhof von einer riesigen Linde dominiert wird, „nur mit Profis" zusammen gearbeitet. Das Blau der Mühle ist aber nicht, wie viele vermuten, dem bayerischen Weiß-Blau abgekupfert. „Das ist das Blau der Westerwälder Trachten." Über 30 Jahre hat sie die Blaue Mühle als Ferienhof für Kinder betrieben, die zum Reiten kamen und die Natur erleben konnten. Allerdings hat sie die Reitferien eingestellt. Die Kinder seien vielfach nur noch Konsumenten eines Angebotes und nicht mehr mit Fantasie und Leidenschaft bei der Sache. „Früher hatten die auch Spaß daran, auf dem Hof mitzuarbeiten." Das habe sich weitgehend geändert. Schwerer wiegt bei dieser Entscheidung allerdings der Umstand, dass die „Malaisen mit den Knochen" sie nicht verschonen. Langeweile kommt auf ihrem Hof inmitten der Lahrer Herrlichkeit dennoch nicht auf, Pensionsgäste hat sie nach wie vor. „Außerdem gibt es ja an einem solchen Gebäude auch immer etwas zu tun."

Und dann ist da noch die Spätlese, eine Seniorenrunde, die sie vor einiger Zeit mit begründet hat. Bis zu vier Mal jährlich treffen sich bis zu 50 Senioren auf dem Hof von Jutta Heine. Dabei habe die Eingewöhnung im Dorf recht lange gedauert. „Ich war immer eine Zugereiste", das sei auch heute noch so. Sie hat sich mit der Westerwälder Mentalität arrangiert, wirkliche Probleme gab es nie. Im Gegenteil, sie bekommt viele Komplimente dafür, was sie aus der Blauen Mühle gemacht habe - allerdings, und das sei wohl die Westerwälder Natur, sage das keiner offen.

Andreas Schultheis - Andreas Schultheis, Jahrgang 1974, war nach dem Studium der Politik- und Medienwissenschaft wissenschaftlicher Mitarbeiter einer ...

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