
- Goethe: Die Wahlverwandtschaften - dtv
2009 jährt sich das Erscheinen von Goethes großem Roman „Die Wahlverwandtschaften“ zum 200. Mal. Er schrieb seinen letzten Roman vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit den Reaktionen am Weimarer Hof auf seine uneheliche Beziehung zu Christiane Vulpius. Aber er verarbeitete auch seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und seine Studien zur damals modernen Gartengestaltung. Und das sind nur einige Gründe, den Text wiederzuentdecken.
Der Inhalt der „Wahlverwandtschaften“
Der reiche Baron Eduard lebt mit seiner Frau Charlotte in einem Schloss mit einem großen Park. Für beide ist es die zweite Ehe, die aber auf Zuneigung und tiefer Freundschaft basiert. Sie widmen sich der Gestaltung ihres Gartens und genießen die Zeit, die sie miteinander verbringen. Eines Tages lädt Eduard seinen Freund, den Hauptmann, auf das Schloss ein. Charlotte fühlt sich von dem Gast gestört und bittet daraufhin ihre Nichte Ottilie ebenfalls um einen Besuch. Schon bald fühlt sich Charlotte zu dem Hauptmann und Eduard zu Ottilie hingezogen. In dem Wunsch nach einer gemeinsamen Nacht mit Ottilie landet Eduard aber im Bett seiner Frau. Während er in Gedanken bei Ottilie - und Charlotte bei dem Hauptmann ist, zeugen sie ein Kind. Im Gegensatz zur vernünftigen Charlotte, die ihrer Liebe zum Hauptmann entsagt und sich von ihm verabschiedet, ist Eduard nicht zu einem Verzicht auf Ottilie bereit. Verzweifelt zieht Eduard in Krieg.
Im zweiten Teil des Romans stehen zunächst die Tätigkeiten der zurückgebliebenen Frauen im Mittelpunkt. Sie widmen sich der Neugestaltung des Friedhofs und der Restaurierung einer Kapelle. Außerdem erscheint Charlottes Tochter Lucinde auf dem Schloss, und Charlotte bekommt ihr zweites Kind, einen Sohn. Er sieht aber nicht seinen Eltern, sondern Ottilie und dem Hauptmann ähnlich. Als Eduard aus dem Krieg heimkehrt und an einem See seinen Sohn in Begleitung von Ottilie sieht, beichtet er ihr den in Gedanken vollzogenen Ehebruch. Darauf erklärt sich Ottilie zu einer Ehe mit Eduard bereit, sofern Charlotte ihren Mann frei gibt. In einem Boot rudert die aufgeregte Ottilie mit dem Kind danach zum Schloss zurück. Aber das Boot gerät ins Wanken, das Kind fällt ins Wasser und ertrinkt. Während Eduard den Tod des Kindes als Fügung des Schicksals für eine Zukunft mit Ottilie deutet, beschließt Ottilie, ihrer Liebe zu entsagen. Fortan spricht und isst sie nicht mehr und stirbt wenig später. Eduard stirbt kurz nach ihr und beide werden in derselben Kapelle bestattet.
Deutung des Titels „Die Wahlverwandtschaften“
Der Titel „Wahlverwandtschaften“ spielt auf ein damals populäres Phänomen der Chemie an, nach dem sich ein Stoff C, der zu einer chemischen Verbindung AB hinzugeben wird, stärker an A als an B bindet. Also verbinden sich C und A wahlverwandtschaftlich, zugleich trennt C aber auch die Verbindung von AB. Das Phänomen war Goethe durch seine naturwissenschaftlichen Versuche und seine Tätigkeit im Bergbau vertraut.
Interpretation der „Wahlverwandtschaften“
Vor dem Hintergrund des Titels wird deutlich, dass in dem Roman der Versuch unternommen wird, ein naturwissenschaftliches Phänomen auf menschliche Beziehungen zu übertragen. Der Protagonist Eduard ist überzeugt, dass auch Menschen „Wahlverwandtschaften“ eingehen können und sich deshalb ein natürlicher Vorgang auf den Menschen transferierbar ist. Der erste Teil des Romans folgt diesem Muster, in dem die Verbindung von Charlotte und Eduard durch die zwei Ankömmlinge getrennt wird, weil sie sich beide zu einem anderen Menschen hingezogen fühlen.
Dennoch können Charlotte und Eduard nicht einfach ihre Ehe lösen und eine neue Bindung eingehen. In den Augen von Charlotte ist der Mensch ein höheres Element als ein chemischer Stoff. Daher trennen sich menschliche Beziehungen nicht aufgrund einer höheren Anziehung zu einem anderen. Zumal auch die gesellschaftlichen Konventionen des 19. Jahrhunderts diesem Verhalten entgegen stehen. Dadurch baut sich ein Widerspruch zwischen natürlicher und moralischer Ordnung auf. Während Eduard der natürlichen Ordnung den Vorzug gibt, besteht Charlotte auf die Einhaltung der bürgerlichen Moral.
Indem Charlotte nun an ihrer Ehe festhält und Eduard nicht bereit ist, seine Liebe zu Ottilie aufzugeben, leisten sie beide der Katastrophe Vorschub. Dadurch übt der Roman auch Gesellschaftskritik, die überspitzt formuliert darin zu sehen ist, dass die Freiheit des Menschen, einen anderen zu wählen, vor allem darin besteht, auf ihn wegen der gesellschaftlichen Konventionen zu verzichten.
Rezeption des Romans
Der Roman steht am Anfang einer Reihe von Eheromanen des 19. Jahrhunderts, die die Eheproblematik mit Gesellschaftskritik verbinden. Goethes Zeitgenossen reagierten verhalten auf den Roman, der seiner Zeit voraus war und später als gelungenes Abbild des Lebens am Anfang des 19. Jahrhundert gesehen wurde.
Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften. dtv 1999. Broschiert, 359 Seiten. Euro 7,50.
