Kaffee: Vom Luxusgut zum Kaffeekränzchen

Die Bohne, die die Welt veränderte

Kaffeebohnen - Erich Werner
Kaffeebohnen - Erich Werner
Die Einführung des Kaffees in Europa brachte einschneidende kulturelle Veränderungen mit sich.

Eigene Industriezweige, ein neues System der Tagesgliederung durch Kaffeepausen und nicht zuletzt das Kaffeekränzchen entwickelten sich und prägen heute wie damals Alltag und Feiertag.

Kaffee stimulierte den aufklärerischen Geist in den bürgerlichen Salons des frühen 19. Jahrhunderts, es entstanden legendäre Kaffeehäuser als Orte der Geselligkeit, als Foren für Künstler, Einzelgänger, Müßiggänger und Kontaktfreudige. Kaffee trat einen wahren Siegeszug durch die Welt an und avancierte zum beliebtesten Volksgetränk in Europa.

Kaffee: Ziegenfutter, Luxusgut, Alltagsgetränk

Die Legende besagt, dass die Wirkung des der Kaffeepflanze (Coffea) im 9. Jahrhundert von einem Ziegenhirten aus der Provinz Kaffa in Äthiopien entdeckt wurde. Er beobachtete sonderbare Verhaltensweisen an seinen Ziegen, nachdem diese sich an einem Strauch mit weißen Blüten, dunkelgrün glänzenden Blättern und roten Früchten gütlich getan hatten – dem Kaffeestrauch. Er nahm die Pflanze näher unter die Lupe und entdeckte die aufputschende Wirkung der Kaffeebohnen.

Ab dem 16. Jahrhundert verbreitete sich die Bohne von Ostafrika über Arabien und schließlich nach Europa, Amerika und Asien. Forschungsreisende, Soldaten und Handelsleute sorgten dafür, dass die Bohne und deren Zubereitung in Europa an Bekanntheit gewannen. Doch es musste noch einige Zeit vergehen, bevor sich das Getränk als kulturelles Massenphänomen fest etablieren konnte. 1647 eröffnete das erste Kaffeehaus in Venedig. Es folgten Einrichtungen in England, Frankreich und Holland, bis die Welle 1677 schließlich auch Deutschland erreichte. Kaffee galt bis Mitte des 18. Jahrhunderts als Luxusgetränk und wurde von Adel und Großbürgertum genutzt, um Reichtum und Status zu symbolisieren. Erst ab 1960 entwickelte sich der Kaffee zum populärsten Alltagsgetränk in Deutschland.

Wurzeln des Kaffeekränzchens

Die Wurzeln des sogenannten „Kaffeekränzchen“ lassen sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Heute wird ein „Kränzchen“ mit gemütlichem Tratsch in geselliger Runde verbunden. Damals hingegen stand das Kränzchen für eine große Dinnergesellschaft oder ein Fest in privaten Räumen, zu der hauptsächlich Männer geladen waren. Der Gastgeber trug als Erkennungsmerkmal einen Kranz auf dem Kopf, den er im Laufe des Abends an eine Person seiner Wahl weiter reichte. Diese hatte die nächste Gesellschaft auszurichten.

Im 18. Jahrhundert orientierten sich Frauen an dieser Form des Treffens und etablierten das „Kaffeekränzchen“. Laut dem Leipziger „Frauenzimmerlexikon“ von 1715 „eine tägliche oder wöchentliche Zusammenkunft einiger vertrauter Frauenzimmer, welche nach der Reihe herumgehet.“

Frauen und Kaffee

Eine schriftliche Äußerung des Autors Christian Friedrich Henrici (Pseudonym: Picander) ist übertragbar auf das Ansehen der Kaffee trinkenden Frauen im 18. Jahrhundert: „Es ist bekannt, dass manche Frau sich so stark in den Kaffee verliebt, sogar auch, wenn sie wüsste, dass sie noch im Fegefeuer Kaffee zu trinken bekäme, nicht einmal nach dem Paradiese verlangen würde.“ Harter Tobak für genusssüchtige Frauen. Nichtsdestotrotz begann auch der weibliche Teil der Bevölkerung das aufputschende Getränk zu lieben und zu nutzen.

Kaffeekränzchen: Revolutionäre Veranstaltung?

Zu Beginn der Kaffeekränzchen-Kultur in Deutschland waren es ausschließlich bürgerliche Frauen von hohem Stande, die Kaffee zentrierte Treffen ausrichteten. Sie steigerten damit ihr Prestige, ergriffen die Möglichkeit mit Reichtum und Statussymbolen zu protzen, knüpften und pflegten Kontakte zu Ihresgleichen und führten gepflegte Gespräche in angemessenem Rahmen. All dies unter Ausschluss von Männern.

Es darf mit Sicherheit angenommen werden, dass die männerfreien Treffen für nicht wenige Frauen eine Abwechslung aus der Gebundenheit an Haus und Ehepflichten bedeuteten. Unter dem Mantel des Kaffeeklatsches konnte ein Stück Eigenständigkeit ausgelebt werden. Das althergebrachte Frauenbild erweiterte sich um eine winzige Zone der neuen Möglichkeiten. Dennoch: Die Kaffeekränzchen dienten in erster Linie der Repräsentation des Hauses und der Unterstützung des Ehemanns. Ein starr festgelegtes Zeremoniell sorgte dafür, dass dem Gatten kein beruflicher Schaden zugefügt wurde.

Kaffee und Tee als Deckmantel für den Verkupplungsmarkt

Für die Töchter des Hauses entwickelte sich im 18. Jahrhundert der gesellschaftlich bedeutende „Fünf-Uhr-Tee“, zu dem auch Männer geladen wurden. Diese Form des Kränzchens galt als angemessener Rahmen, um junge Frauen unter strenger Beaufsichtigung in die Gesellschaft einzuführen und mit potentiellen Ehemännern in Kontakt zu bringen.

Auch im 19. Jahrhundert fanden Kaffeekränzchen für fast erwachsene Mädchen statt. Unter der gestrengen Aufsicht der Eltern sollte die Zeit zwischen Schule und Ehe möglichst sicher überbrückt werden. Die Treffen boten den jungen Frauen mitunter die einzige Möglichkeit sich mit Gleichaltrigen zu treffen. In diesem Zusammenhang entwickelte sich die „Backfischchen Literatur“

Kaffeekränzchen heute

Der Begriff "Kaffeekränzchen" gilt als veraltet und wird heute gemeinhin als Bezeichnung für ein gemütliches Zusammensein von Frauen und Männern benutzt, die sich im öffentlichen oder privaten Raum treffen. Es haftet dem Kränzchen ein negativer Beiklang von Klatsch- und Tratschrunden an, der sich aus der Entwicklungsgeschichte heraus erklären lässt.

Kränzchen finden heutzutage vor allem in öffentlichen Cafés statt. Der formelle Rahmen ist einer meist unformellen, lockeren Atmosphäre gewichen.

Angelehnt an Picander ist für viele Frauen heute wie damals der Genuss von Kaffee höllisch wichtig. Das alte Kaffeekränzchen weicht einem allzeit möglichen Kaffeegenuss – auf der Straße, im Café und zu Hause. Für Frauen, für Männer für alle und immer – paradiesische Kaffee-Zustände fernab der vergangener Kaffeekranz-Kultur bürgerlicher Frauen.