Kaffeefahrt - Der Alptraum einer Rentnerin
Seit dem Tod ihres Mannes vor drei Monaten bezieht die Rentnerin Maria Wagner (Name geändert) eine kleine Witwenrente. Da sie selbst nie berufstätig war, kommt sie gerade so über die Runden. Die Lebensversicherung ihres Mannes ist fast aufgebraucht, doch Frau Wagner will noch etwas vom Leben haben. Durch eine entfernte Bekannte wird sie zu einer Kaffeefahrt überredet.
Maria Wagner weiß nicht, dass die Bekannte von der Veranstaltungsfirma dafür bezahlt wird, dass sie neue Kunden wirbt.
"Ich freute mich so sehr auf die Fahrt ", sagt Maria Wagner, " denn es war das erste Mal seit dem Tod meines Mannes, dass ich wieder etwas unternehmen wollte."
Der Tag beginnt mit einem wunderschönen Sonnenaufgang und Frau Wagner sieht es als gutes Omen. Die Stimmung im Reisebus ist gut, der Reiseleiter erzählt gekonnt Witze.
Damit es die Reisenden dann auch besonders gemütlich haben, werden ihnen Nackenhörnchen zum Kauf angeboten. Frau Wagner bemerkt, dass ihre Bekannte es gar nicht erwarten kann, zuerst solch ein Kissen zu ergattern. Viele machen es ihr nach. Auch Frau Wagner kauft sich so ein gebogenes Kissen für 39,95 Euro. Barzahlung wird in diesem Fall verlangt und sie zückt ihren Geldbeutel. Zufrieden legt sie ihren Kopf auf das Nackenhörnchen.
"Das Kissen war sehr bequem, aber ein bisschen teuer fand ich es schon", sagt Frau Wagner mit leiser Stimme.
Das Begrüßungsgeschenk fällt etwas karg aus. In dem angekündigten Präsentkorb (aus grünem Plastik) befinden sich leider nur eine Dose Kekse, billige Pralinen, eine Tube Zahnpasta und eine rote Plastikrose. Egal, denkt Frau Wagner, dadurch lass ich mir den Tag nicht verderben.
Das Mittagessen in einem etwas schäbig wirkenden Hotel in einem kleinen Ort nahe der Autobahn ist die zweite Enttäuschung. Aus dem angekündigten Menü aus Salat, Schweinefilet mit Spätzle und Gemüseplatte ist leider nur eine Art Gulasch aus Fleischresten mit matschigen Nudeln und Gemüse vom Vortag geworden. Manche Reiseteilnehmer verziehen angewidert den Mund. Reklamationen an den Reiseleiter fruchten nicht, schließlich ist nicht er für das Essen verantwortlich, sondern die Küche des Hotels. Ein älterer Herr versucht in die Küche zu schleichen, um dort zu reklamieren. Er wird auf seinem Weg vom ehemals Witze reißenden Reiseleiter aufgehalten und aufs Gröbste beschimpft.
Nach dem ungenießbaren Essen, das meist wieder in die Küche zurück geht, hoffen die Reisenden auf einen Aufbruch zu neuen Abenteuern, doch sie werden bitter enttäuscht. In einem Nebenzimmer des Hotels werden ihnen nun die neuesten und besten Magnetfeldmatratzen, die es derzeit auf dem Markt gibt, in einer langatmigen Präsentation vorgestellt. Wen stört schon der Preis von knapp 2000 Euro, doch nur diejenigen, die nichts für ihre Gesundheit tun wollen oder noch schlimmer, sich nichts leisten können!
Frau Wagner rechnet nach, wie viel ihr noch von der Lebensversicherung ihres Mannes übrig geblieben ist. Dies müsste gerade noch reichen denkt sie. Als sie sieht, dass ihre Bekannte als erste so eine Matratze kauft, wundert sie sich doch ein bisschen. Wo hat die bloß das Geld her?
Maria Wagner weiß nicht, dass ihre Bekannte das Nackenhörnchen und die Matratze nur zum Schein im Auftrag der Verkaufsfirma gekauft hat.
Frau Wagner kauft sich eine Matratze, schließlich dient sie ihrer Gesundheit und dies ist ja wohl das höchste Gut. Doch die ganze restliche Fahrt denkt Frau Wagner darüber nach, ob sie nicht doch einen Fehler gemacht hat. Dies wäre auch nicht so schlimm, denkt sie dann beruhigt, schließlich habe ich jazwei Wochen Widerspruchsfrist. Außer Frau Wagner haben noch fünf andere Reiseteilnehmer solch eine Magnetfeldmatratze gekauft.
Die Stimmung auf der Rückfahrt ist nicht mehr so euphorisch wie am Anfang der Reise.
Frau Maria Wagner träumt in den nächsten Nächten von der Magnetfeldmatratze und dem vielen Geld, das sie dafür ausgegeben hat. Sie ruft ihre Bekannte an, die beruhigt sie mit den Worten: „Rufen Sie doch mal in einer Apotheke an und fragen Sie nach, was dort so eine Matratze kostet.“ Frau Wagner befolgt den Rat und erfährt von der Apothekerin, dass genau diese Matratze mit einem Preis von fast 2400 Euro in ihrem Computer steht. Frau Wagner ist glücklich, sie hat den Eindruck, dass sie auf der Kaffeefahrt 400 Euro gespart hat. Doch der Schein trügt.
Die Herstellerfirmen lassen solche Artikel mit weit überteuerten Preisen in den Computerprogrammen der Apotheken listen.
Sie rechnen mit den Nachfragen der Käufer und erwecken so den Eindruck, dass diese auf der Fahrt ein richtiges Schnäppchen gemacht haben. Damit soll verhindert werden, dass der Kauf storniert wird. So auch in unserem Fall. Frau Wagner kann es kaum erwarten, bis sie ihre neue Magnetfeldmatratze auspacken kann.
Einen Monat später kommt der Enkel von Frau Wagner zu Besuch. Sie zeigt ihm stolz, was für ein tolles Schnäppchen sie auf der Kaffeefahrt gemacht hat. Jonas runzelt die Stirn. Er zückt sein Handy und geht ins Internet. Dort erfährt er, dass vergleichbare Magnetfeldmatratzen von seriösen Firmen schon ab 350 Euro zu haben sind.
Als Jonas für seine Oma versucht, den Kauf des Nackenhörnchens und der Magnetfeldmatratze rückgängig zu machen, werden beide bitter enttäuscht.
Bei Käufen unter 40 Euro, die sofort bezahlt und übergeben werden, besteht kein Widerrufsrecht und den Kauf der Magnetfeldmatratze konnte man nur innerhalb von zwei Wochen stornieren!
"Ich werde nie wieder an einer Kaffeefahrt teilnehmen", versichert mir Frau Wagner.
Lara Beck
