„(...) Eine Nuss aufknacken ist wahrhaftig keine Kunst, deshalb wird es auch niemand wagen, ein Publikum zusammenzurufen und vor ihm, um es zu unterhalten, Nüsse knacken. Tut er es dennoch und gelingt seine Absicht, dann kann es sich eben doch nicht nur um bloßes Nüsseknacken handeln. (...)“ – Die Akteure des Theaters Thikwa tun es trotzdem und nehmen Kafkas Prosaminiaturen und Textfragmente wörtlich und illustrieren sie mit einem so tiefen Ernst, dass eine bizarre Komik entsteht, die den Zuschauer in seinen Bann zieht. Ganz besonders interessant wird es da, wo nicht klar ist, was zur Inszenierung gehört und was nicht. Die unkontrollierbare Spontaneität der Spieler wird ganz bewusst in die Inszenierung aufgenommen etwa mit der Frage „Und was machen wir jetzt?“.
Kafkas Texte werden ernst genommen und gelebt
Das Bild des ernsten Kafkas wird an diesem Abend auf sehr humorige Weise auseinander genommen, denn die Frage „Wie geht man mit Kafka um?“ wird in verschiedenen Varianten durchgespielt: In der literaturwissenschaftliche Runde, im Nachspielen, im Identifizieren mit den Figuren und durch ständiges Kommentieren.
Alle Akteure eint das Gefühl, ausgeschlossen zu sein aus der Gemeinschaft – und so machen sie zu Beginn „die Tür zu“, und sich selbst zur Gemeinschaft, die niemand Weiteren duldet. Der Kampf um Zugehörigkeit wird ebenso visualisiert wie die Angst vor Zurückweisung oder Bedrohung. „Tiere scheinen die besseren Menschen zu sein“, weshalb die vom Vater geerbte Kreatur, eine Kreuzung aus Lamm und Katze ausführlich vorgestellt wird. Eine spärlich eingerichtete Bühne mit vier Stühlen lässt Raum für Fantasie und Improvisation. Von einer Kanzel aus wird von „Kafkaexperten“ aus einem Bericht für eine Akademie rezitiert, der den Zuschauern die großen öffentlichen Gesten aus den Talkshows vorhält, und schwarze Aktenordner werden Vor dem Gesetz präzise gestapelt. Die Akteure stecken eine Abbildung Kafkas in eine Plastiktüte und sind erstaunt über das Knistern und Rascheln, wenn man die Tüte knautscht. So kann man auch mit Kafka umgehen.
Das Theater zum Westlichen Stadthirschen arbeitete schon mehrfach mit den behinderten Spielern des Theater Thikwa zusammen
Es ist nicht die erste Koproduktion zwischen Dominik Bender vom gegenwartsbezogenen Theater zum Westlichen Stadthirschen und den Schauspielern des Theater Thikwa, doch sicherlich eine weitere erfolgreiche. Die Schauspieler des Theater Thikwa sind allesamt geistig behindert und dennoch betreiben sie das Theaterspielen hauptberuflich - seit 1995 können sich Menschen, die als geistig oder lern-behindert gelten, in der Theaterwerkstatt Thikwa zum professionellen Künstler ausbilden lassen und im eigenen Ensemble, das als Behindertenwerkstatt anerkannt ist, arbeiten.
Das Theater, das sie machen, thematisiert ihre Behinderung nicht sentimental, sondern zeigt sie vielmehr als eine Stärke. Sie nähern sich den verschiedenen Kafka-Texten in loser Reihenfolge und wechseln zwischen Interpretation, Rezitation und Improvisation. Ihre Andersartigkeit ermöglicht einen Zugang, der assoziativ ist, sich über das Fühlen und die Fantasie nähert. Die Akteure geben den Texten einen Sinn, der sich nicht an Sprache orientiert, sondern sich vielmehr an dessen „Rand“ bewegt und so den Texten eine Gestalt verleiht und vielleicht einen Ton. Dieser entwickelt sich zu einem Klang, zu Sprache und schließlich zu einem Sinn oder auch nicht. Die „anders begabten“ Schauspieler reagieren auf ihre ganz persönliche Weise auf die, von Bender vorgetragenen, Textpassagen Kafkas und sind dabei so grundehrlich, dass es man sich als Zuschauer angenehm frei von überkandidelten Interpretationszwängen fühlt. Unverständliches wird so lange hinterfragt, bis sich (irgend-) ein Sinn ergibt. Merkwürdiges ist selbstverständlich im Alltag der vier Spieler, der nicht immer einfach ist und der Umgang mit der Umwelt oftmals von Pragmatismus geprägt. Ein Beispiel? Bitte:
„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell einander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie. - Die Mäuse regnen als ganz reale weiße Speckmäuse aus einem Eimer unter der Decke des Theaters und werden anschließend sorgfältig in einer langen Reihe aneinander gereiht. Plötzlich bricht eine Aufziehmaus aus der Ordnung aus und rast auf die verduzten Zuschauer zu. Dem „Volk der Mäuse“ (aus Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse) Herr zu werden gelingt den Schauspielern schließlich durch augenscheinlich vergnügtes Aufessen. - „Und was machen wir jetzt?“.
Andere Begabung ist Teil der Inszenierung
Eine Stärke der Inszenierung liegt darin, dass man sie nicht immer erkennt. Die vier Spieler sind in unterschiedlichem Maße sprachfähig – Wolfgang Fliege plappert dauernd und kommentiert alles, Corinna Heidepriem dagegen sagt nur wenige, aber wichtige Worte, Karol Golebiowski hält in einer Phantasiesprache eine brabbelnde Professorenrede. Das Thema Sprache ist bereits ein Teil der Besetzung, so dass das Stück mit nichtbehinderten Schauspielern auf diese Weise gar nicht möglich gewesen wäre.
Alternatives Theater-Festival „No Limits“ in der Kulturbrauerei
Der „normal begabte“ Dominik Bender agiert mit großer Empathie und Humor als Impuls- und Textgeber. Ihm und der Dramaturgin Anke Mo Schäfer gelingt es, die verschiedenen Fähigkeiten und Lebenswelten der Mitspieler zu vereinen und die Gefühle, die die Kafka-Texte evozieren, sichtbar zu machen. Dieses Stück wurde im Rahmen des Festivals „No Limits“ in der Kulturbrauerei aufgeführt. Anlässlich dieses Festivals, das zum vierten Mal stattfand, standen mehr als 200 behinderte und nicht-behinderte Künstler/-innen aus 14 Ländern auf der Bühne. Gezeigt wurden neben Theater auch Tanz, Film, Performances und Installationen sowie Konzerte.
Theaterabend zu Kafkatexten: „Gemeinschaft“, „Lauter Niemand“, „Vor dem Gesetz“, „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“, „Kleine Fabel“, „Der Geier“, „Bericht für eine Akademie“, „Kreuzung“.
Mit Wolfgang Fliege, Karol Golebiowski, Corinna Heidepriem (alle Theater Thikwa) und Dominik Bender (Theater zum westlichen Stadthirschen)
Impuls- und Textgeber: Dominik Bender
Regie: Anke Mo Schäfer, Dominik Bender
Die Vorstellung fand im Rahmen des integrativen Theater-Festivals „No Limits“ in der Kulturbrauerei Berlin statt.
