
- Kafka, Gott, Mensch, Frage, Sprache - Henning Hraban Ramm
Kafkas Dichtung ist ein ungewöhnliches Ereignis. Sie zerstört die Fiktion der menschlichen Selbstherrlichkeit, als ob der Mensch in einem hermetisch abgeschlossenen Diesseits, in dem er sich notdürftig auskennt, wirklich sein eigener Herr wäre. Kafka bezeugt in mannigfaltigen Symbolen und gleichnisartigen Bildern, dass es einen transzendenten Bezug gibt, der dem Menschen entgegensteht, den er aber ernstnehmen muss, obgleich er diesem absolut unzugänglich ist. Wenn es in diesem Bereich nicht eine personale Macht gibt, die für ihn einsteht, ihn umgreift und ihm Geborgenheit schenkt, dann ist er verloren. Man denke an das Kapitel „Im Dom“ aus dem Roman „Der Prozeß“, die zum Schönsten und Erhabensten in der deutschen Dichtung gehört, und an das Fragment von der „Kaiserlichen Botschaft“, die zu uns unterwegs ist, ohne uns je zu erreichen. Durch eine Richtung wie diese wird die Gottesfrage außerordentlich verschärft.
Kafka und die Frage des Menschen nach Gott
Gott ist für Kafka ein in unerreichbarer Ferne rätselhaft waltender Superbürokrat voll Härte, der sich dem suchenden Menschen immer wieder entzieht (Erzählung: „Vor dem Gesetz“). Er ist der unerreichbare Gesetzgeber, der jenseits aller Grenzen hausende Kaiser („Beim Bau der chinesischen Mauer“), der nie gesehene Schlossherr („Das Schloß“), der unnahbare Gerichtspräsident („Der Prozeß“). Die Welt ist eine Riesenbehörde mit einem Gewirr von Gängen und Räumen, ein finsterer unterirdischer Bau („Der Bau“), den es zu sichern gilt: „Ich muß die sofortige Auslaufmöglichkeiten haben, kann ich denn trotz aller Wachsamkeit nicht ganz von unerwarteter Seite angegriffen werden?“
Der Mensch ist nach Kafka ratlos, einsam und dem Ungewissen ausgeliefert. Er befindet sich hinter Gittern und rüttelt umsonst. Er bittet vergeblich um eine Schaufel Kohlen, um sich zu erwärmen („Der Kübelreiter“). Kafka meint mit diesem Weltbild die metaphysische und physische Lage des Menschen in einem. Nicht nur vor Gott, sondern auch vor den Menschen ist der Mensch in einer herzlosen und mechanisierten Welt allein und hoffnungslos auf sich gestellt. Man vergleiche einmal die Erzählungen: „Das Urteil“, „Die Verwandlung“, „Die Strafkolonie“, „Der Hungerkünstler“, „Ein Landarzt“ und andere.
So wichtig in vielen diese Einsicht ist, so zeichnet Kafka doch sehr einseitig. Sein Weltbild zeigt krankhaft zerquälte Züge. „Ein aschfahles Licht des Grauens liegt in seiner Welt“ (Hartmut Binder).
Kafkas Sprache
Kafka spricht in einer überzeugend eindringlichen, radikal nüchternen Sprache. Sachliche und sprachliche Genauigkeit waren ihm eins. Diese nüchterne Sprache entwickelte er zu einer Unverwechselbarkeit, die man heute auch gelegentlich meint, wenn man sagt: „kafkaesk“. Sie klingt wie eine Botschaft, obwohl er nichts zu verkünden hat.
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Quellen:
Binder, Hartmut: Kafka Handbuch, Bd.2: Das Werk und seine Wirkung. Herausgegeben von Hartmut Binder, Stuttgart 1979.
Kafka, Franz: Gesammelte Werke (GW). Herausgegeben von Max Brod. Taschenbuchausgabe in acht Bänden. Ungekürzte Ausgabe, Frankfurt am Main 1983.
- Das Urteil, in: GW: Erzählungen, Seite 43-53.
- Die Strafkolonie, in GW: Erzählungen, Seite 151-177.
- Die Verwandlung, in GW: Erzählungen, Seite 57-107.
- Der Bau, in: GW: Beschreibung eines Kampfes, Seite 132-165 [Zitat: Seite 132].
- Der Bau der chinesischen Mauer, in: GW: Beschreibung eines Kampfes, Seite 51-62.
- Der Hungerkünstler, in: GW: Erzählungen, Seite 191-200.
- Der Kübelreiter, in: Beschreibung eines Kampfes, Seite 92-94.
Der Prozeß, in GW: Der Prozeß.
- Ein Landarzt, in: GW: Erzählungen, Seite 112-115.
