
- Kafka: Die Ziel- und Sinnlosigkeit des Lebens - Gerd Altmann
Wohl kein anderes Werk des 20. Jahrhunderts wie das Franz Kafkas (1883-1924), dieses deutschsprachigen jüdischen Prager Schriftstellers, österreichischer und dann tschechischer Staatsangehörigkeit, übt bis heute eine derartige unverminderte Wirkung auf den Leser aus. Vor allem junge Menschen, Schüler und Studenten fühlen sich von dieser schlichten und klaren deutschen Prosa angezogen. Ratlosigkeit, Beunruhigung, aber auch Betroffenheit und Faszination reizen den Leser einer Kafkaerzählung immer wieder, das in ihr Gesagte zu verstehen und zu deuten.
Franz Kafkas Werk ist Fragment geblieben
Franz Kafkas Werk ist Fragment geblieben. Diese Tatsache erschwert das rechte Verständnis seiner Bücher, vor allem der Romane „Der Prozess“ und „Das Schloß“. Beiden wurden in den Jahren 1925 und 1926 von seinem Freund Max Brod aus dem Nachlass herausgegeben. Der literarische Nachlass Franz Kafkas füllt elf Bände und umfasst drei Romane, zahlreiche Erzählungen, Aphorismen, Fabeln, Parabeln, Tagebuchaufzeichnungen und etwa 1700 Seiten Briefe. Zu seinen Lebzeiten wurden jedoch nur die knapp 300 Seiten veröffentlicht, die heute im Band „Erzählungen“ zusammengefasst ist.
In seinen Dichtungen ringt Kafka darum, das so unbegreifliche, rätselvolle menschliche Leben zu deuten. Ob es die großen Romane oder kleinere Prosastücke sind – in allen will der Dichter, wie der Existenzialist Albert Camus einmal geschrieben hat, „ein Abbild der menschlichen Situation“ geben. Auch die hier dargebotene kleine Fabel von der Maus (1920) versucht die Situation des Menschen in der Welt zu kennzeichnen.
Die kleine Fabel von der Maus
„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ - „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.
Die kleine Fabel von der Maus veranschaulicht die Enge und Angst des Lebens, das sinnlos, dem Tode preisgegeben ist.
Kafka und die Ziel- und Sinnlosigkeit des Lebens
Die Erzählung „Die Verwandlung“ exemplifiziert wohl am deutlichsten die Ziel- und Sinnlosigkeit des Lebens. Gregor Samsa findet sich eines Tages in seinem Bett in eine Riesenwanze verwandelt. Er wird von seiner Familie in ein Zimmer verbannt, damit niemand etwas davon erfährt. Wie dieser Käfer, der im Zimmer nur im Kreis laufen kann, bewegt sich der Mensch im ziellosen Kreis um eine geheimnisvolle anonyme Instanz, die sich ihm entzieht und die Angst und Einsamkeit erzeugt.
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Quellen:
Binder, Hartmut: Kafka Handbuch, Bd.2: Das Werk und seine Wirkung. Herausgegeben von Hartmut Binder, Stuttgart 1979.
Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. 13. Auflage 2000. Im Anhang befindet sich ein Essay über „die Hoffnung und das Absurde im Werk von Franz Kafka“; hieraus wurde auch das Zitat entnommen.
Kafka, Franz: Erzählungen, in: Gesammelte Werke (GW). Herausgegeben von Max Brod. Taschenbuchausgabe in acht Bänden. Ungekürzte Ausgabe, Frankfurt am Main 1983 [ Fabel: Seite 326].
