
- Kafkas Wirkungsgeschichte, Camus, Max Brod - Peter A
Als Franz Kafka 1924 mit nur 41 Jahren an Kehlkopftuberkolose starb, war er nahezu unbekannt, das Urteil des Dichters Franz Werfels, „Hinter Tetschen-Bodenbach wird kein Mensch Kafka verstehen“ schien zuzutreffen. Nur sechs schmale Hefte „Erzählungen“ waren zu Lebzeiten erschienen. Eingeweihten, aber ihre Zahl kann nicht groß gewesen sein, galt er als Meister der kleinen Form, als ein abseitiger Vertreter des Expressionismus, als ein scheuer, beinahe krankhafter Dichter des Grauens. Und wäre es nach seinem eigenen testamentarischen Willen gegangen, er wäre heute vergessen. Aber es kam anders.
Kafka wurde in Amerika entdeckt
20 Jahre nach seinem frühen Tod begann Kafkas steile Karriere, die in zu Weltruhm führte. Entdeckt wurde er in Amerika, in der Zeit des Zweiten Weltkrieges, nach Europa kam er über Paris zurück.
Der Existenzialismus sah in Kafka seinen Kronzeugen
Hier war es vor allem der Existenzialismus, der in Kafka seinen Kronzeugen sah; man denke nur an Albert Camus und seinen Essay „Der Mythos von Sisyphos“, wo Kafka für dessen These von der absurden Existenz einzustehen hat. Vor allem aber war es die Kriegsgeneration, die in ihm einen Propheten sah, der in seinem privaten und seinen Visionen das vorweggenommen hat, was wenig später öffentliches Schicksal wurde. Hitler und das Dritte Reich. Bei ihm fand sie wieder, was sie selber erfahren hatte, die schrecklichen Metamorphosen des Versicherungsbeamten zum Prügler, des Handlungsreisenden zum Vielfüßler, des Richters zum Mörder. Kafka wurde Mode.
Kafka in den sozialistischen Ländern
In den sozialistischen Ländern blieb man lange gegenüber Kafka reserviert. 1963 fand in Liblice bei Prag eine Kafka-Konferenz statt, auf der Kafkas „Œuvre als Instrument zur Befreiung vom stalinistischen Totalitarismus verstanden“ wurde. In der DDR erschienen 1965 Kafkas Romane und die wichtigsten seiner Erzählungen.
Max Brod – der Testamentsvollstrecker Kafkas
Kafkas Wirkungsgeschichte - sie beruht auf den posthum veröffentlichten Werken - steht in diametralem Gegensatz zu seiner Erfolglosigkeit, solange er lebte. Es ist, als hätte es zu seinem Ruhm seines Todes bedurft (wie bei so vielen Romanciers!) und der Freundestreue und verlegerischen Fähigkeiten von Max Brod. Max Brod, mit Kafka schon früh und eng vertraut, ist von ihm zu seinem Testamentsvollstrecker eingesetzt worden. Der Text der zwei Testamente ist eindeutig und verpflichtete Max Brod, alle vorhandenen oder auftauchenden Manuskripte zu verbrennen, möglichst ungelesen; Dora Diamant, die Gefährtin von Kafkas letztem Lebensjahr, musste dies in Berlin unter seinen Augen tun. Alles spricht dafür, dass Kafka seine schriftstellerischen Versuche für misslungen und sich als gescheitert ansah. Max Brod indes hielt sich nicht an den letzten Willen, ja, als er 1938 aus Prag fliehen musste, packte er statt persönlicher Effekten Kafkas Handschriften in die Koffer. Es gibt unzählige Beispiele dafür, dass das Werk eines Genius durch die Treue eines Freundes oder einer Frau der Nachwelt erhalten blieb, wir verdanken unser Bekanntsein mit Franz Kafka der Freundestat Max Brods.
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Quellen:
Binder, Hartmut: Kafka Handbuch, Bd.2: Das Werk und seine Wirkung. Herausgegeben von Hartmut Binder, Stuttgart 1979. Hieraus auch das Franz Werfel-Zitat: „Hinter Tetschen-Bodenbach wird kein Mensch Kafka verstehen“, Seite 53.
Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. 13. Auflage 2000. Im Anhang befindet sich ein Essay über „die Hoffnung und das Absurde im Werk von Franz Kafka“.
Gellner, Christoph: Kafkas Mondheimat. Zum 125. Geburtstag von Franz Kafka, in: Stimmen der Zeit. 226. Band (2008). Herausgegeben von Martin Maier. Verlag Herder Freiburg, Seite: 474-487. Zitat: „Œuvre als Instrument zur Befreiung vom stalinistischen Totalitarismus verstanden“: Seite 474.
Pazi, Margarita: Werk und Persönlichkeit, Bonn 1970.
