
- Wilhelm II. und Hermine - Reichsarchiv Utrecht
Allzu üppig war die Tafel nicht, die Wilhelm II. am 5. November des Jahres 1922 zur Feier seiner zweiten Vermählung ausrichten ließ. Vorweg gab’s ein Tässchen „Ochsenschweif-Suppe“, dann Seezungenfilet mit Champignons in Rheinweintunke. Es folgte ein Scheibchen kalter Lendenbraten; darauf gab es Fasan und schließlich Eis, Gebäck und Käse zum Nachtisch. Sicher, im Vergleich zur Mangelernährung, unter der die von ihrem Monarchen verlassenen Deutschen in jenen Tagen noch immer litten, ließen es sich Wilhelm und „seine Neue“, die Prinzessin Hermine zu Schönaich-Carolath, recht gut gehen. Aber verglichen mit dem Aufwand, der einer kaiserlichen Hochzeit in früheren Tagen zugekommen war, musste man diese Hochzeitsfeier doch merkwürdig finden. Einer der Gründe für die Bescheidenheit des Festes, die in der kaiserlichen Natur sicherlich nicht lag, war die relative Unbeliebtheit der Braut, der man durchaus einigen Ehrgeiz unterstellen durfte. Insbesondere Wilhelms Kinder standen seiner Eheschließung nur 1 ½ Jahre nach dem Tod ihrer geliebten Mutter Auguste Victoria ausgesprochen skeptisch gegenüber. Nur ein Dutzend Gäste jedenfalls waren aus Deutschland angereist, und längst nicht alle Kinder waren darunter.
Hermines Herkunft
Hermine von Schönaich-Carolath wurde 1887 als Tochter des Fürstenpaares Reuß (ältere Linie) geboren. Im Alter von vier Jahren verlor sie ihre Mutter, Prinzessin Ida zu Schaumburg-Lippe, und als sie 15 Jahre alt war verstarb auch ihr Vater Fürst Heinrich XXII. 1907 heiratete sie den Prinzen Johann Georg von Schönaich-Carolath; zwei Söhne und drei Töchter gingen aus dieser Ehe hervor. 1920 verstarb der Prinz an Tuberkulose, und seither war „Hermo“, wie sie von ihren Freundinnen genannt wurde, Witwe.
Die erste Begegnung mit dem Kaiser
Zu Ostern des Jahres 1922, ein Jahr nach dem Tode der Kaiserin Auguste, erhielt Wilhelm „Fanpost“ von Hermines Sohn Georg Wilhelm. Hieraus wiederum entspann sich ein Briefwechsel zwischen dem Kaiser und Hermine selbst, der wiederum zu einer ersten Einladung nach Haus Doorn führte. Hier traf die Prinzessin am 9. Juni ein. Wilhelms Flügeladjutant Sigurd von Ilsemann notierte: „Selten sah ich den Kaiser derart erregt. Dauernd sah er nach dem Torgebäude, ob das Auto mit dem sehnsüchtigst erwarteten Gast noch nicht käme, dann zog er sich seinen Anzug zurecht, fragte recht nervös nach dem Begrüßungsbukett (dunkelrote Rosen), und als endlich der Wagen anrollte, sagte er sehr feierlich majestätisch in alter Schärfe … „Auf ihre Plätze, meine Herren!“ Dann stieg die Prinzessin aus dem Fahrzeug aus und wurde mit Kuss und Rosenbukett „feierlich wie noch keiner zuvor in Holland empfangen“.
Eine heimliche Verlobung
Nach drei Tagen schon waren Kaiser und Prinzessin ausgesprochen vertraut. Das Abendessen nahmen die beiden gegen jede Gewohnheit unter Ausschluss der üblichen Tischgesellschaft ein, und auch Wilhelms tägliche Gartenarbeit – er hatte viel Freude daran, täglich möglichst viele Bäume zu fällen – fiel nun aus. Stattdessen schwärmte er seinen Adjutanten von der Besucherin vor. „Charmant“ sei sie, freundlich gegen jedermann; „es war ein Wasserfall von Komplimenten für diese Frau“, notierte von Ilsemann. Am 16. Juni schließlich, kaum eine Woche nach Ankunft der Prinzessin, hatten sich die beiden heimlich verlobt. Wilhelm gestand es seinem Flügeladjutanten bei einem Besuch auf Schloss Amerongen vertraulich und gab auch gleich den weiteren Fahrplan bekannt: Die Verlobung sollte im Herbst bekannt gemacht werden, und im November würde man dann heiraten.
Die Hochzeit
Die folgenden Wochen und Monate verliefen turbulent. Des Kaisers Tochter Herzogin Viktoria von Braunschweig war strikt gegen die Hochzeit, übrigens nicht allein aus Pietät ihrer Mutter gegenüber. Auch Prinz Oskar war dagegen und selbst der Kronprinz, den mangels Feingefühl so schnell nichts erschüttern konnte, schien betrübt. Als dann zur Mitte September erste Gerüchte über das anstehende Fest an die Öffentlichkeit drangen, ließ der Kaiser vorsichtshalber dementieren. Damit handelte er sich natürlich Hermines Zorn ein, die in den vergangenen Wochen und Monaten nichts Besseres zu tun gehabt hatte, als ihren schlesischen Nachbarn ausführlich vom Geheimnis des anstehenden Hochzeitsfest zu berichten.
Aber endlich, am 5. November 1922, war es soweit. Hermine traf erst am Abend zuvor gegen 21.00 Uhr in Haus Doorn ein. „Die glückliche Braut flog aus dem Auto, dem Kaiser in die Arme. Einige innige Küsse, dann rief sie ihr Töchterchen, um ihm „Papa Kaiser“ zu zeigen“. Danach gab es ein bescheidenes Abendessen, und gegen Mitternacht ging alles zu Bett. Des Morgens legte der Kaiser dann die Uniform des 1. Garderegiments an und um viertel nach 11 galt es, den Ehekontrakt zu unterschreiben, mit vollständiger Gütertrennung und gegenseitigem Erbverzicht, versteht sich. Dann wurde sich getraut, wozu der Bürgermeister der Gemeinde Doorn, Baron von Schimmelpenninck, samt Sekretär erschienen war. Und schließlich lockte die eingangs erwähnte Hochzeitstafel mit Suppe, Seezunge und Fasan. Nur 20 Minuten später verabschiedete sich das hohe Paar in seine Privaträume, und „hinter ihnen zog Fräulein von Kotze den Vorhang … zu“.
Literatur und Quellen
Sigurd von Ilsemann: Der Kaiser in Holland, München 1971
Der letzte Kaiser. Wilhelm II. im Exil, Ausstellungskatalog, Gütersloh / München 1991
Reichsarchiv Utrecht, Bestand Exkaiser
