
- Schwiegermutter- sessel: Kaktus des Jahres 2008 - Dr. Gerald Albach
Nein!? Er ist zwar grün, aber nicht klein! Die Comedian Harmonists hatten wohl einen anderen Kaktus besungen: Es piekst pathologisch im Allerwertesten, wenn man vor einem halben Meter hohen Goldkugelkaktus steht. Gefährlich wirkt die Gestalt des grünen Mobiliars mit den bis zu fünf Zentimeter langen Mitteldornen. Nicht wegen familiärer Dissonanzen kürte die Deutsche Kakteen-Gesellschaft (DKG) das dornige Ungetüm zum Kaktus des Jahres 2008. Trotz passabler passiver Bewaffnung ist der Goldkugelkaktus in seiner mexikanischen Heimat dem Aussterben geweiht. Er wird auf der Roten Liste der internationalen Naturschutzorganisation IUCN geführt: Kategorie extrem gefährdet!
Deutschland, dornig Kakteenland
Es mag erstaunen, dass gerade in Deutschland der „Kaktus des Jahres“ ausgerufen wird. Kakteen kommen nun mal nur in Trockengebieten auf dem amerikanischen Kontinent vor. Doch der botanische Artname Echinocactus grusonii klärt auf: Echinocactus leitet sich vom lateinischen „echinus“ = Igel ab und erinnert an die Igelform; „grusonii“ verweist aber auf den Unternehmer und Erfinder Hermann August Jacques Gruson. Als der „Schwiegermuttersessel“ im Jahre 1886 benannt wurde, besaß er in Magdeburg die größte Kakteensammlung Europas. In Deutschland gibt es also eine kleine, grüne und dornige Tradition; und die am 6. November 1892 in Berlin gegründete DKG ist mit über 5.000 Mitgliedern die weltweit größte Gesellschaft ihrer Art! Keine exzentrische Neigung zum Sadomasochismus stimuliert die deutschen Kakteenfreunde, wenn wieder unversehens beim Umtopfen das Blut in Kaskaden pulsiert: Es sind die betörenden Blüten und die skurrilen Wuchsformen ihrer Lieblinge!
Verhängnisvolle Blütenpracht
Meist sind die zwittrigen Blüten der Kakteen radiär gebaut, seltener zeigen sie nur eine Symmetrieebene. Der Goldkugelkaktus blüht mit zahlreichen radiären bis fünf Zentimeter langen kadmiumgelben Blüten von trichterförmiger Form - sie sitzen auf der für Schwiegermütter vorgesehenen Sitzfläche. Neben Gelb erblühen Kakteen in allen nur möglichen Blütenfarben, wobei die Blüten im Durchmesser von 0,5 bis über 30 Zentimeter bei der "Königin der Nacht" variieren. Bei einigen Arten umhüllen sie den ganzen Pflanzenkörper.
Und gerade der Blütenprunk ist die Plage der Kakteen und gefährdet ihren Artbestand. Es werden nicht nur ihre natürlichen Verbreitungsareale zerstört, zusätzlich werden sie noch wild gesammelt. Mutmaßlich wachsen in Deutschland mehr Exemplare des Goldkugelkaktus als in seiner zentralmexikanischen Heimat. Nach nicht mehr brandneuen Daten schätzte die IUCN den Bestand 2001 auf 250 Exemplare. Doch 2003 entdeckten europäische Kakteenfreunde ein bis dahin unbekanntes Vorkommen, welches momentan untersucht wird.
Artenschutz auf der grünen Wiese
Die bei uns im Bau- und Supermarkt erhältlichen Exemplare kommen aus der Kakteen-Gärtnerei - Wildpflanzen sind durch ein internationales Handelsverbot geschützt. Meistens werden sie in wärmeren Gegenden gezüchtet. So gedeihen sie zum Beispiel auf den Kanarischen Inseln glänzend. Aber über 5.000 organisierte deutsche Kakteenliebhaber zeigen, dass auch ein Schwiegermuttersessel in das deutsche Wintergartenmobiliar passt. Denn es werden nur die für Kakteen typischen Kulturansprüche gestellt:
- eine durchlässige Erde ohne Staunässe und viel Sonne
- regelmäßiges Wässern in der Wachstumszeit zwischen April und September
- und ein kühles, trockenes Plätzchen im Winter.
So gepflegt kann der Goldkugelkaktus ein lebenslanger Begleiter sein, der aber frühestens nach 30 Jahren zu blühen beginnt. Naturgemäß wird er auch nicht den Durchmesser von 80 und die Höhe von 130 Zentimetern älterer Exemplare erreichen, aber wie sangen die Comedian Harmonists:
„Mein kleiner grüner Kaktus
steht draußen am Balkon,
hollari, hollari, hollaro.“
- Wenn Sie mehr über die Blüten von Echinocactus grusonii & Co. in englischer Sprache erfahren möchten, in „The Cactaceae“ von Nathaniel Lord Britton bietet sich die Möglichkeit (Google-Buchsuche).
