Kalanag - Der letzte große Zauberkünstler

Der letzte große Zauberer - Bernd Teuber
Der letzte große Zauberer - Bernd Teuber
Der deutsche Magier Helmut Schreiber zeigte unter dem Küntlernamen Kalanag eine aufwendige Bühnenshow.

Als Harry Houdini 1926 starb, verlor die Welt einen ihrer größten Illusionisten. Natürlich gab es auch noch andere Zauberer, die mit ihren Gastspielen riesige Theater füllten, zum Beispiel Harry Blackstone, der Däne Dante (mit bürgerlichem Namen Harry Jansen), Otto Heinemann (der Erfinder der schwebenden Jungfrau) oder Horace Goldin. Ihre Shows mögen noch aufwendiger gewesen sein als die von Houdini, aber keiner erreichte je seine Berühmheit.

Eine Ausnahme bildete vielleicht der Deutsche Zauberkünstler "Kalanag". Mit bürgerlichem Namen hieß er Helmut Schreiber und wurde 1903 in Backnang geboren. Schon in seiner Jugend widmete er sich der Zauberkunst und trat bereits mit 16 Jahren in den "Magischen Zirkel von Deutschland e.V." ein. Während seines Philosophiestudiums in München organisierte er einen der ersten deutschen Zauberkongresse. Ab 1925 arbeitete Schreiber in der Berliner Filmindustrie und wurde 1927 Chefredakteur der Zeitschrift "Magie" des Magischen Zirkels.

Kalanags Show umfasste an die 60 Mitwirkenden

Als Autor, Kameramann und Produktionsleiter zeichnete er für insgesamt 150 Filme verantwortlich. Außerdem unterhielt er gute Kontakte zu Propagandaminister Joseph Goebbels. Dieser machte ihm zum Direktor der Tobis-Filmgesellschaft. Nach dem 2. Weltkrieg erhielt Schreiber von den Alliierten Berufsverbot. 1947 begann er mit Unterstützung ehemaliger Tobis-Mitarbeiter, eine Revue aufzubauen. Unter dem Namen "Kalanag" reisten er und seine Frau Gloria de Vos (Anneliese Voß) mit einer riesigen Show durch die ganze Welt.

Das Equipment wog stolze 70 Tonnen. Die Truppe umfasste an die 60 Mitwirkenden, unter anderem 12 Tänzerinnen, einen Ballettmeister, einen Dirigenten, einen Geräuschemacher sowie Techniker, Maschinisten und Fahrer. Kalanags Revue schuf sich einen klangvollen Ruf. In einer hektischen Folge zeigte er all die großen Bühnenillusionen, die in den letzten Jahrzehnten erfunden worden waren. Und immer fügte er noch einen letzten Gag hinzu.

Ende der 1950er Jahre geriet Helmut Schreiber in finanzielle Schwierigkeiten

Ein ehemaliger Angestellter einer großen Chemiefabrik reiste ständig mit, um Kalanags größtes Kunststück vorzubereiten: die auf Jean Eugéne Robert-Houdin zurückgehende "Wunder-Bar". Aus einer Karaffe mit klarem Wasser schenkte der Zauberer jedes vom Publikum gewünschte Getränk aus: Tee, Himbeerlimonade, Punch, Bier, Kaffee, Kakao und sogar Ziegenmilch. Ende der 1950er Jahre ließ das Interesse an Zaubershows nach und Schreiber geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Es gelang ihm auch nicht, mit einer abgespeckten Version seiner Revue an die alten Erfolge anzuknüpfen. Kalanag starb am Weihnachtsabend 1963. Mit ihm ging die Epoche der großen Illusionstheater zu Ende. Kino und Fernsehen boten eine bequemere Unterhaltungsmöglichkeit an. Gezaubert wird heute natürlich immer noch, allerdings im eher kleinen Rahmen.

Quelle: Werner Waldmann: "Zauberkunst", Heinrich Hugendubel GmbH 1996, ISBN 3-8803-4199-0