Kalendergeschichte "Kannitverstan" mit humorvoller Lebensweisheit

Der Dichter und Schriftsteller Johann Peter Hebel  - Pastell von Philipp Jakob Becker (1795)
Der Dichter und Schriftsteller Johann Peter Hebel - Pastell von Philipp Jakob Becker (1795)
Am 10. Mai 1750 kam Johann Peter Hebel zur Welt. Seine zeitlosen Kalendergeschichten sind auch 250 Jahre später noch lesenswert.

Im Hebeljahr 2010 lohnt es sich, einen Blick auf die Werke von Johann Peter Hebel zu werfen, die auch heute noch verständlich und nachvollziehbar sind. Der in einfachen Verhältnissen am 10. Mai 1970 geborene Hebel wusste, was Armut bedeutet. Im Sommer arbeiteten seine Eltern in Basel in einem Patrizier-Haus und im Winter arbeitete sein Vater als Weber im Heimatdorf seiner Mutter in Hausen in Wiesental. Er erinnert sich in einer Predigt an seine Kindheit: „Da habe ich frühe gelernt arm sein und reich sein.“ Und er hat gelernt, sich dem einfachen Volk, wie den Bauern, verständlich zu machen und Lebensweisheit und Philosophie zu vermitteln, ohne Dogmen zu verbreiten. Trotz seines Theologiestudiums und der späteren Professur am Karlsruher Gymnasium vermochte er sich sowohl in seinen alemannischen Gedichten als auch den Kalendergeschichten einfach auszudrücken. So auch in der 1809 entstandenen Geschichte „Kannitverstan“, in der es um Arm und Reich geht.

Keine dogmenhafte Belehrungen, sondern eine einfache Geschichte, die jeder versteht

In „Kannitverstan“ geht es vordergründig um sprachliche Missverständnisse. Doch die „Moral“ der Geschichte ist eine ganz andere: Man soll mit dem zufrieden sein, was man hat. Und dies hat ein deutscher Handwerksbursche aus ländlicher Gegend (genauer gesagt aus Duttlingen), der in Amsterdam zu Besuch war, gelernt, oder wie es Hebel ausdrückt: „Aber auf dem seltsamsten Umweg kam ein deutscher Handwerksbursche in Amsterdam durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis.“

Ein kostbares Gebäude in Amsterdam fällt dem Handwerksburschen ins Auge

Dieser Bursche besucht die große und reiche Handelsstadt Amsterdam und sieht ein Haus, dessen „hohen Fenster größer als an des Vaters Haus daheim die Tür“ waren und das auch sonst voller beeindruckender Merkmale für großen Reichtum ausgestattet war, wie sechs Kamine auf dem Dach und schönen Pflanzen vor den Fenstern. Der Handwerksbursche steht voller Verwunderung davor und fragt einen vorbeikommenden Mann nach dem Besitzer dieses Hauses. Dieser versteht kein Deutsch und sagte nur ein mürrisches „Kannitverstan“, was zu deutsch so viel heißt wie „kann euch nicht verstehen“. Der Handwerksbursche, der der holländischen Sprache nicht mächtig ist, geht davon aus, dass dies der Name des Besitzers des Hauses ist.

Ein großes Schiff aus Ostindien ist voll mit Kisten und Ballen beladen

Das Gleiche passiert ihm, als er ein großes Schiff am Hafen sieht, das über und über mit Kisten und Ballen und wertvollen Dingen wie Zucker, Kaffee, Reis, Pfeffer und Stoffen beladen ist. Wieder fragt er einen Mann und wieder bekommt er die gleiche Antwort: „Kannitverstan“. Und sogleich stellt sich bei dem Handwerksburschen Neid ein, über so viel Glück und Reichtum dieses Herrn Kannitverstan und er stellt sein eigenes Leben in Frage und „stellte eine recht traurige Betrachtung bei sich selbst an, was er für ein armer Mensch sei unter soviel reichen Leuten in der Welt.“

Im Tod nützt der ganze Reichtum nichts

Gerade als er sich im Selbstmitleid wohl zu fühlen beginnt, kommt ein großer Leichenzug vorbei und der gläubige Handwerksbursche bleibt wehmütig und mit dem Hut in den Händen stehen. Und wieder fragt er einen Mann, der im Leichenzug mitwandert, und wieder lautet der Name des Verstorbenen „Kannitverstan“, was den einfachen Burschen tief berührt. „Es ward ihm auf einmal schwerer und wieder leicht ums Herz.“, denn er erkennt, dass auch der vermeintlich Reiche und Wohlhabende im Tode auch nicht mehr hat, als ein Totenkleid und ein enges Grab. Und so begleitet er gerührt den Leichenzug und auch die holländische Leichenpredigt und sieht den vermeintlichen Herrn Kannitverstan in seine letzte Ruhestätte versinken.

Leichten Herzens wieder versöhnt mit dem eigenen Leben

Und der Handwerksbursche ist durch dieses sprachlichen Missverständnisse wieder ganz geheilt von Neid und Selbstmitleid und freut sich an seinem eigenen, einfachen Leben und einem Stück Limburger Käse. Und hier lässt Hebel die Geschichte nicht einfach enden, sondern gibt noch eine Art „Erinnerungsbotschaft“ für den Leser mit: „...wenn es ihm wieder einmal schwer fallen wollte, dass so viele Leute in der Welt so reich seien, und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan aus Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff, und an sein enges Grab.“ Und da die Moral „genügsam und trotzdem glücklich zu sein“ so nett verpackt und der Handwerksbursche sympathisch ist, kann diese Moral ganz einfach angenommen werden, ohne dass der Leser sich belehrt fühlt.

Elvira Lauscher, Elvira Lauscher

Elvira Lauscher - Schreiben ist meine Leidenschaft, mein Beruf und meine Berufung. Ich war 28 Ausgaben für ein Ulmer Magazin Chefredakteurin und habe ...

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