Kaliningrad erwacht zu neuem Leben

Das alte Königsberg wird Teil des neuen Kaliningrad

Lange war Kaliningrad, das alte Königsberg, eine Stadt wie ein Mahnmal, heute hat sie sich aufgemacht, eine eigene Zukunft zu finden

Kaliningrad, einst Königsberg, war die Krönungsstadt der preußischen Könige, die Heimatstadt Immanuel Kants und sowohl ein Zentrum geistigen Lebens als auch der Künste. Was ist geblieben vom kulturellen Reichtum Königsbergs?

Kenig, wie die meisten seiner Einwohner die Stadt heute nennen, lag als Kaliningrad bis zur politischen Wende Jahrzehnte außerhalb der bekannten Welt im militärischen Sperrgebiet, weil Königsberg 1945 im finalen Sturm eines von Deutschen begonnenen und mit unmenschlicher Grausamkeit geführten Krieges untergegangen war.

Königsberg, ein Traum aus alten Zeiten

Die Königsberger Vergangenheit erscheint wie eine Fata Morgana, so wenig ist von ihr geblieben.

Hier in Königsberg versagt selbst gute Vorstellungskraft, kann sie doch den geistigen Spagat nicht bewältigen zwischen Kaliningrad und dem alten Königsberg, zwischen der pulsierenden Großstadt und diesem Hauch von Agonie, der immer noch über dem alten Zentrum liegt.

Diese Stadt macht in ihrer Fremdheit ratlos, auch wenn man einen familiären Bezug zu ihr haben sollte. Königsberg ist anders als alles sonst im einst deutschen Osten.

Da steht man nun also auf der Dominsel, sieht die Domruine und sonst: Nichts. Eine grüne Insel, von der alten Börse bis zur Bauruine des sowjetischen Palasts der Räte verstellt kein Haus den Blick, quadratkilometergroße grüne Öde bis hin zum Hotel Kaliningrad, nein, auch kein Schloss mehr. Das einzig belebende Element in der Wüstenei sind die Kinder die im Sommer die Pregelbrücken als Sprungturm nutzen und sich munter zwischen den Binnenschiffen im Wasser tummeln.

Dies war einmal das Zentrum der Stadt Königsberg, hier schlug ihr Herz, die Dominsel und die Umgebung waren eng bebaut, da war die alte Universität, waren unzählige Läden, war das Schloss, und vieles mehr.

Es ist, als ob man Königsberg nur geträumt hätte, so gründlich sind alle seine Spuren hier verwischt und man kann sich hier stehend und einen alten Stadtplan betrachtend kaum vorstellen, dass hier Platz war für so viele eng bebaute Straßenzüge. Ein Gefühl des Mitleids mit dieser Stadt, deren ganzes Leben mitsamt Geschichte und Kultur einfach ausgelöscht wurde, überkommt einen.

Was den städtebaulichen Stil in der Sowjetunion so von dem anderer sozialistischer Länder wie Polen unterschied, war das Zerschlagen aller gewachsenen Strukturen innerhalb der Stadt. Das gelang in Kaliningrad besonders gründlich, Gesichtslosigkeit herrscht, heraus kam eine beliebige Plattenbau-Einheitsstadt.

Nur wenig blieb

Was blieb? Unter wenig anderem die Börse, das eine oder andere Tor, wie das Dohnator mit dem Bernsteinmuseum, der Tiergarten und einige Häuser in seiner Umgebung, etliche alte Häuser in der Hufenallee, der Nordbahnhof, der Hauptbahnhof.

Der noch funktionierende alte Hauptbahnhof mit seinem riesigen Vorplatz, der in den genauso überdimensionierten Busbahnhof übergeht, ist ein Beispiel der "Versowjetisierung". Eine riesige öde Pflasterfläche mit ein paar Blumenrabatten um ein ebenso gigantisch dimensioniertes Denkmal - die Kalininstatue, ein Muster real existierenden sozialistischen Ästhetikverständnisses.

Vom kulturellen Zentrum dieser Stadt der Gelehrten, Schriftsteller und Künstler ist fast nichts erhalten, einzig das Kantgrab am Dom erinnert an die große Vergangenheit der Stadt. Nichts blieb von der Geschichte als preußische Krönungsstadt, das Schloss wurde in der 1960er Jahren gesprengt, an seiner Stelle steht eine kantige Bauruine.

Kaliningrader Neuanfang

Kaliningrad ächzt heute noch immer unter der Last der Probleme, die hohe Arbeitslosigkeit, die niedrigen Löhne, die rasant wachsende Zahl von Aidsinfizierten, Drogenprobleme, das Odium von organisiertem Verbrechen und Korruption lähmen. Hinzu kommt, dass das Königsberger Gebiet eine russische Enklave im EU-Gebiet ist.

Und dennoch, die Stadt ist trotz aller Probleme aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Kaliningrad orientiert sich am Westen, erinnert sich seiner historisch-kulturellen Wurzeln und boomt regelrecht. Noch vor wenigen Jahren unvorstellbar, sieht man heute ganze Stadtteile aus dem Boden wachsen. Das alte Königsberger Zentrum zwischen Dom und dem Haus der Räte beginnt ganz rasant, sein Gesicht zu verändern. Ein ganz neues Viertel entsteht unweit der Dominsel am Pregel, dessen Fassaden sich am alten Königsberg orientieren werden. „Fischdorf“ wird das neue Viertel im Retro-Stil heißen.

Zu diesem derzeit ambitioniertesten Bauvorhaben in Kaliningrad plant Hauptinverstor Pawel Fjodorow eine 900 Meter lange Pregelpromenade mit schmiedeisernen Kandelabern, die vor allem Touristen zum Bummeln und Shoppen in den schicken neuen Läden locken sollen. Cafés wird es hier geben, noble Restaurants, ein Kongresszentrum, die Fischbörde, Hotels, repräsentative Firmensitze, Museen und eine Sternwarte. Schon 2010 soll das 25 ha große Ensemble fertig gestellt sein. Doch das ist nicht alles, kaum einen Winkel gibt es im alten Zentrum, in dem nicht gebaut wird.

Kaliningrad ist erwacht, es ist derzeit in Russlands Geldadel ausgesprochen „in“, in Kaliningrad zu investieren. So ziehen die Kaliningrader ihre Stadt Stückchen für Stückchen aus der Agonie, versuchen sie weiter zu öffnen und ihr wieder ein eigenes Gesicht zu geben.

Dieses neue Gesicht kann nicht mehr das des alten Königsberg sein, aber man kann gespannt auf die Entwicklungen dieser Stadt sein.

Faszination Kaliningrad

Dennoch: Kaliningrad ist nicht nur für Spurensucher interessant, die einmal selbst sehen wollen, wo ihre Familie herstammt und auch nicht nur als Basis für Touren in die alte ostpreußische Traumlandschaft lohnt ein Besuch Kaliningrads.

Es liegt eine eigenartige Faszination über Kaliningrad, diese Mischung aus Vertrautem und Exotik, aus Stadtvierteln in trostloser Agonie und pulsierendem Großstadtleben, aus schmerzender Vergangenheit und stetig wachsender Hoffnung auf Zukunft.

Es hat etwas dieses Kaliningrad. Kaliningrad nicht Königsberg, denn dies ist nicht mehr Königsberg, dies ist Kaliningrad.

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Brigitte Jaeger-Dabek - Als ich vier Jahr alt war, kam die große weite Welt zu mir nach Hause. Sie tat das in Form einer Bananenstaude, die meine Eltern von ...

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