Kalkriese: Das wahre Schlachtfeld des Arminius?

Die Wissenschaftler streiten weiter um die Örtlichkeit der militärischen Auseinandersetzung des Cheruskers Hermann mit dem römischen Statthalter Varus.

Das Jahr 2010 geht langsam in Geschichte über - und es ist wieder ruhig geblieben in der Region Teutoburger Wald, Wiehengebirge, längs der mittleren Weser und der Werre. So als ob es 2009 keine Jubiläumsfeier zum Ruhme eines germanischen Ausnahme-Helden gegeben hätte. So als ob die Hermannsschlacht oder die Varusschlacht oder die Schlacht im Teutoburger Wald oder die Arminiusschlacht nie stattgefunden hat. Dieses Ereignis der Weltgeschichte wird dezent behandelt, als sei die gigantische Strafexpedition des römischen Weltreiches gegen die aufbegehrenden Germanen eine unbedeutende Lokalfehde. Lediglich in Westfalen und im südlichen Niedersachsen glimmt und glüht es hinter geschlossenen Läden. Es geht um nicht weniger als um die endgültige Fixierung eines Schlachtfeldes - oder die räumliche Ausweitung des Gemetzels vom Jahre 9 n. Chr. Bis in die jüngste Zeit war sich jedermann, Professor wie Laie, darin einig: Die Schlacht hat im Teutoburger Wald bei Detmold stattgefunden. Schließlich verharrt Hermann dort auf einem runden steinernen Sockel, droht mit seinem Schwert Richtung Frankreich. Und das wird oft verschwiegen: auch, um symbolisch ein klares Signal zu setzen an die germanischen Minivölker, endlich bereit zu sein, ein Großreich unter seiner Führung zuzulassen. Wie wir wissen, ließen sie es nicht zu. Stattdessen geht Hermann den Weg vieler Ausnahmehelden: Er wird beseitigt. Als ein prominenter Verfechter des Schlachtenortes bei Detmold outete sich auch Kaiser Wilhelm I. Die Teilnahme zur Einweihung im Jahre 1875 ließ er sich nicht nehmen, überbrachte dabei nicht nur Grüße des deutschen Reichstages. Zu jener Zeit ahnte allerdings noch niemand den späteren Umzug des Schlachtfeldes in die niedersächsische Region Kalkriese.

Wer kann das Schlachtfeld für sich beanspruchen?

1987, knapp 100 Jahre nach Mommsen, der als Schlachtenort Kalkriese aufgrund Münzbestimmungen favorisierte, gibt die Erde dort wiederum Münzen und andere Funde, wie Zaumzeug, Helme etc. frei. Der Wissenschaftsstreit um die Örtlichkeit des Schlachtens bekommt nun neue Nahrung. 20 Jahre lang sind die Archäologen fleißig im südlichen Niedersachsen am Werk. Über Jahrhunderte bereits wird spekuliert und denunziert. Es gibt Phasen des Vergessens. Dann, wenn politisch und gesellschaftlich opportun, werden die Helden ruhmreicher Taten aus dem Dunkel gezerrt und auf einen Sockel gestellt. Universitäten und Bürger in Vereinen kämpfen dann für ihr Schlachtfeld. Momentan hat die Region Bramsche-Kalkriese, nahe Osnabrück, die Nase vorn; sie hat die besten Fundstücke. Es ist also gar nicht so ruhig in Ostwestfalen! Unbemerkt von den Mitbürgern anderer Landstriche suchen die Kombattanten mit- und gegeneinander nach der wahren Ortsbestimmung. Es gilt dabei die schlichte Frage zu beantworten: Wem gehört das Schlachtfeld? Nach 2000 Jahren noch ist die Auseinandersetzung um und mit Hermann/Arminius immer noch aktuell: Gerichte werden bemüht, Betrugsvorwürfe halten das Schlachtfeld warm. Trotz allem - Hermann ist zu beneiden: Er verfügt über ein imposantes Denkmal aus dem 19. Jahrhundert plus einer modernen Gedenkstätte mit Museum und Tagungsräumen aus dem 20. Jahrhundert. Welcher Held kann schon so viel Verehrung vorweisen!

Denkbar ist das ganze Ostwestfalen als Schlachtfeld

Der Umzug des Schicksalsortes für Römer und Germanen gleichermaßen nach Kalkriese hat keine große Strecke zu bewältigen, liegt quasi vor der Haustür Detmolds. Und es geschieht eher leise und schleichend über Jahre - und wer die streitbaren Cherusker kennt, den wundert`s. Denn nicht unter allen Wissenschaftlern ist Kalkriese als wahre Region des blutigen Geschehens ausgemacht - und nicht berücksichtigt sind die Vorstellungen der zahlreichen Hermann-Fanclubs. Vorstellbar ist aber auch eine räumlich nicht klar umrissene Gegend, quasi das gesamte Ostwestfalen als Kampfarena unter Guerilla-Taktik. Vielleicht beruhigt diese Aussicht des Arminius` Freunde. Es gäbe viele Gewinner!

Helden eignen sich besonders zum Missbrauch

Die Literatur zum Schlachtfeld, zu Hermann, zu Varus, zum Ausgang und den Folgen des Gemetzels ist Legion. Und zu Zeiten der höchsten Gefahr für das Vaterland greifen selbst die elitären deutschen Dichter und Musiker in ihren Schriften und Stücken zu einer verdrehten Sprache. Nicht jeder Held entsteigt wie Phönix aus der Asche dem Archiv. Mancher wird zum Missbrauch gebraucht, indem sich viele aus den verschiedensten Motiven auf ihn berufen; hängen ihm einen Mantel um, den er sicherlich nie getragen hätte. Hermann kommt nicht zur Ruhe.

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Klaus vom Hagen, Klaus vom Hagen

Klaus vom Hagen - Meine Vita in Kurzdarstellung: Schriftsetzer, Fotosetzer, Maschinensetzer (Abteilungsleiter); Korrektor, Berichterstatter, ...

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