
- Shakyamuni, Lin Yin Temple, Hangzhou - Sonja Eliane Stenek
In den buddhistischen Traditionen gibt es unterschiedliche Ansichten, wie das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler auszusehen hat. Eine Möglichkeit sieht den Lehrer als spirituellen Freund an, andere sprechen vom Meister und dem Schüler. Im Zen gibt es beispielsweise den Lehrer, der einem Meister gleichkommt. In anderen Traditionen wird der Lehrer als unterstützendes Glied, als spiritueller Freund betrachtet.
Welche Rolle hatte Buddha als Lehrer?
Buddha betonte wiederholt in seinen Reden, dass die Mönche ihm nicht glauben sollen, sondern selber erfahren sollen, welche Wahrnehmungen sie haben. Der wiederholte Appell an die Mönche impliziert die Selbstverantwortung im Erkennen dessen, was Gültigkeit hat und zusätzlich eine Möglichkeit der Verifizierung oder Falsifizierung des Gehörten. Diese grundlegende Haltung macht die buddhistische Lehre aus: Offenheit und Toleranz für das individuelle Erleben. Niemand kann dem anderen vorschreiben, was er zu tun oder zu lassen hat, dies ist eine persönliche Entscheidung und basiert im Idealfall auf einem achtsamen Umgang mit sich und den anderen.
Buddha verstand sich selber als einen Lehrer des Dhamma. Er sprach zu den Mönchen als auch zu den Laien (nicht-ordinierten Menschen) über seine Erkenntnisse. Geprägt von seiner Biografie, die ein edles Auftreten als auch eine gehobene Bildung zur Folge hatte, da er von edlem Blut war, hatte er offenbar eine hohe Sittlichkeit und eine ausgeprägt edle Ausstrahlung.
Der Zen-Meister und das Dokusan
Im Zen-Buddhismus hat der Lehrer eine sehr tragende Rolle und wird als Meister bezeichnet. Der Zen-Meister ist schon alleine durch die strikte Ausübung der Meditation in einer erhabenen hierarchischen Position. Während die Schüler beziehungsweise Mönche meditieren, schreitet er umher und schlägt mit dem Stock, um die Gegenwärtigkeit der Schüler zu überprüfen. Außerdem ist in der Zen-Tradition eine wesentliche Aufgabe in der Lösung der Koans zu sehen. Koans sind regelrechte rätselhafte Fragen, die nur im Zustand der Erleuchtung gelöst und beantwortet werden können. Das Dokusan ist die Möglichkeit des Einzelgesprächs mit dem Meister. Auch hier gibt es eine klare zeitliche Abfolge und Richtlinien, die einzuhalten sind.
Kalyanamitta, der spirituelle Freund
Kalyanamitta oder Kalyanamitra wird als spiritueller Freund übersetzt. Insbesondere in der tibetischen als auch der Theravada-Tradition kommt dem Lehrer die Rolle eines spirituellen Freundes bei. Dem Dhamma ist zu entnehmen, dass der spirituelle Freund nicht zwangsläufig ein Lehrer sein muss, es sei eine Person, die als unterstützend in Glück und Schwierigkeiten zur Verfügung steht. Der gute und schöne Freund, wie er auch übersetzt werden kann, gibt guten Rat und sympathisiert mit dem Freund. Weiter kann aus dem Digha Nikaya 31 entnommen werden, dass der spirituelle Freund liebevoll und hingebungsvoll wie eine Mutter ihr eigenes Kind behandelt. Großzügigkeit als auch Freundlichkeit, Toleranz ist der spirituelle Freund selbstlos und als eine begleitende und instruierende Person zu verstehen.
Die unterschiedlichen Bedeutungen der Lehrer in den buddhistischen Traditionen will verschiedene Ziele und Haltungen erreichen. Während der spirituelle Freund eher für ein Miteinander mit dem Schüler zur Verfügung steht, hat der Zen-Meister eine eindeutige und klare Autorität. Dies gibt mehr Struktur und Orientierungsmöglichkeit, dennoch wird ganz klar an den Schüler appelliert, dass dieser nicht am Meister anhaften soll.
Quellen:
Kornfield, Jack: Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens. Kösel Verlag, München. 1993
Schumann, Hans Wolfgang: Buddhismus. Stifter, Schulen und Systeme. Diederichs Gelbe Reihe, München 2005.
The Good and Beautiful Friend (Kalyanamitta)
