
- Ein Kampfrichter am Boxring bei der Arbeit - BoxingPress
Jeder Boxexperte kennt sie, die wahre Geschichte über einen Punktrichter, der vor dem Kampf den Veranstalter gefragt hat, welcher Boxer denn jetzt gewinnen soll. Und jeder Boxexperte kennt aus dem Stegreif mindesten zehn Fehlurteile, die sich im Profiboxen zugetragen haben. Dennoch beruhen solche "Skandalentscheidungen" nicht immer auf Betrug, Manipulation und Bestechung. Meist sind sie einfach dem Umstand geschuldet, dass jeder Mensch eine subjektive Betrachtungsweise eines Boxkampfes hat.
Wie Kampfrichter Boxer und Boxkämpfe bewerten
Die Boxregeln sind denkbar einfach: Drei Punktrichter (Kampfrichter), die jeweils auf Beinhöhe der Boxer an verschiedenen Seiten des Boxrings sitzen, bewerten jede einzelne Runde nach dem sogenannten Ten-Point-Must-System. Am Ende jeder Runde muss der bessere Boxer zehn Punkte bekommen, der Verlierer neun Punkte. Ist ein Kämpfer angezählt oder verwarnt worden, wird ihm ein Punkt abgezogen. Die Punktrichter müssen ihre Wertungen nach jeder Runde beim Kampfgericht abgeben. Unentschiedene Runden (10:10) sind nach den Regeln offiziell nicht verboten, werden aber intern von den Boxweltverbänden nicht toleriert. Am Ende eines Boxkampfes werden die Punkte jedes Boxers zusammengezählt. Sieger ist derjenige, der von mindestens zwei Kampfrichtern die meisten Punkte erhalten hat.
Kampfrichter im Profiboxen: Richtig punkten ist Ansichtssache
Trotz der eindeutigen Boxregeln geht es beim Boxen ähnlich zu wie beim Eiskunstlaufen: Die Zuschauer wundern sich in schöner Regelmäßigkeit, wie gewertet wurde und vor allem, wie weit Boxexperten und Kampfrichter auseinander liegen. Dabei ist jeder Punktrichter angehalten, alle mit dem gepolsterten Teil der geschlossenen Faust gelandeten, Wirkungstreffer in der Wertung zu berücksichtigen. Nur: Was korrekte Treffer sind und welche Treffer als unkorrekt gelten sollen, bleibt dem Ermessen des Offiziellen überlassen. Entscheidend ist, welchen Gesamteindruck der Kampfrichter in jeder Runde erhält.
Wie Treffer von Kampfrichtern subjektiv gewertet werden dürfen
Die klaren Treffer sind der wichtigste Maßstab für einen Kampfrichter. Problem: Es geht nicht nur um die Anzahl der Treffer, sondern auch um deren Qualität. Hinterlassen ein oder mehrere Treffer deutliche Wirkung, kann dies dem schlagenden Boxer schnell die gesamte Runde bringen. Landen beide Kämpfer hingegen keine klaren Treffer, gewinnt gewöhnlich der aktivere Mann den Durchgang. Die Überlegenheit im Boxring (Ringbeherrschung mit boxerischen Fähigkeiten, Cleverness und Ringstrategie) sowie die Verteidigung zählen ebenfalls als Kriterium für die Punktevergabe wie der sogenannte "Meisterbonus".
Nicht immer haben die Kampfrichter am Boxring den richtigen Durchblick
Die Kampfrichter sitzen auf drei verschiedenen Seiten des Boxringes. Manche Runden verlaufen derart knapp, dass wirklich ein oder zwei saubere Treffer entscheidend sein können. Allerdings versperren Ringrichter oder Kameraleute den Punktrichtern gelegentlich die freie Sicht. Da kann ein nicht richtig gesehener Schlag schnell die ganze Runde verändern. Weiterer Grund für eine unterschiedliche Rundenbewertung: Ein Punktrichter hat einen Faible für den schlagstarken Boxer, während sein Kollege eher die saubere Technik bevorzugt. Besonders knappe Runden werden daher unterschiedlich entschieden. Auch Zuschauergeräusche wie Jubel oder Pfiffe können die Kampfrichter bewusst oder unbewusst bei der Entscheidungsfindung beeinflussen.
Warum werden Kampfrichtern gerne Betrug und Bestechung vorgeworfen?
Viele Punktrichter gelten im Profiboxen als Amateure. Sie erhalten keine Vergütung, sondern Spesenersatz für Reiseaufwendungen, Hotelkosten und Verpflegungsgeld. Sie haben deshalb keine große Macht. Die wahren Geldgeschäfte spielen sich im Boxgeschäft bei Promotoren, Veranstaltern, Fernsehanstalten und Verbandsfunktionären ab. Kein Wunder, dass einige Kampfrichter sich bereits freuen, wenn sie mit VIP-Tickets, guten Hotels oder Einladungen zum Essen bedacht werden. Das verstößt nicht unbedingt gegen die Regeln, auch wenn dabei manchmal freundschaftliche Kontakte zu „Boxställen“ gepflegt werden, die eine objektive Betrachtungsweise trüben können.
"Menschlich", dass hin und wieder dem Boxer eines befreundeten „Matchmakers“ eher der Sieg zugesprochen wird als einem Kämpfer, zu dem man überhaupt keine Beziehungen unterhält. Die „Boxfamilie“ ist klein und überschaubar. Es gibt zig Boxveranstaltungen, doch nicht unbedingt zig Offizielle. Den meisten Punkt- und Ringrichtern läuft man als Boxer zwangsläufig mehrmals über den Weg. Viele strittige Punkturteile haben daher nicht unbedingt etwas mit Betrug, Manipulation und Bestechung zu tun, sondern begründen sich einfach auf einen gewissen Objektivitätsverlust, der im Laufe der Zeit entsteht und kaum zu verhindern ist.
Der Boxsport ist allerdings nicht frei von Korruption und Bestechung
Trotz viele logischer Erlärungen für sogenannte Fehlurteile sind die Punktrichter nicht immer ohne Fehl und Tadel. Beispiele für verschobene Kämpfe sind Legion. Man denke nur zurück an die Zeit, in der die Boxszene von der Mafia und Al Capone beherrscht wurde. Nicht umsonst sagte der frühere New Yorker Polizeichef Joseph Spinelli: „Profiboxen ist ein Sport, den man schützen muss - vor sich selbst.“ So kommen selbst heute noch Betrug, Bestechung und Manipulation beim Boxen vor. Unbequeme oder störrische Kampfrichter werden zum Beispiel von den Boxverbänden weniger eingesetzt als Leute, die sich brav an ungeschriebene Regeln wie „Heimrecht“ oder „Championbonus“ halten. Und ein früherer Deutscher Boxverbandspräsident gab einst hinter vorgehaltener Hand unumwoben zu: „Auch bei uns wird national etwas subjektiv gepunktet.“
Quellen und weitere Artikel über Betrug im Boxring:
- Boxmagazin "BoxingPress", boxingpress.de/bp-inside-pokrandt-interview
- Betrug und Skandale im Boxring
- Wie Promotor Boxkämpfe manipulieren: die Geschichte von Tiberio Mitri
