Kaninchen schlachten im Biologieunterricht verboten

Kaninchen, auch ein Lebensmittel - zzf.de/dateiarchiv/Kaninchen_WZF.jpg
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In der Projektwoche zum Thema „Steinzeit" wurde in der Cesar-Klein-Schule in Ratekau an der Ostsee (Schleswig-Holstein) ein Kaninchen geschlachtet.

Den Kindern wieder das Leben nahe zu bringen, war ein Ansatz der Lehrkräfte der Schule an der See, ihnen deutlich zu machen, dass Lebensmittel eben nicht im Supermarkt wachsen und Fleisch nicht in irgendeiner Fabrik hergestellt wird, sondern eben von lebendigen Wesen stammt, die dafür getötet werden müssen. Die Schülervertretung war begeistert und empört sich über den Aufstand der Eltern, die auf der anderen Seite hinnähmen, dass ihre Kinder in brutalen Killerspielen am Bildschirm das Blut in Strömen fließen lassen. Ein Arzt zeigte sogar den Schulleiter wegen Körperverletzung an. Ist unsere Gesellschaft so schizophren geworden, dass sie die Wahrheit in der Öffentlichkeit bekämpft? Viele Verbraucher würden gar keine Lebensmittel mehr kaufen wollen, die nicht in Folie verpackt in einer Kühltruhe liegen, erklärt ein Sprecher des Lebensmittelhandels. Auf der anderen Seite erschrecken dann wieder Nachrichten über Gammelfleisch, Dioxin in Eiern und Geflügelfleisch und andere Ekel erregende Erkenntnisse über die Herstellung dieser scheinbar so hygienischen Lebensmittel. In Wahrheit ist es doch so, dass gerade die Lebensmittelindustrie unsere Nahrung vergewaltigt und die Nährstoffe zerstört, am Ende ein Produkt offeriert, dass nur noch wenig mit dem Ausgangsprodukt, dem jeweiligen Tier, zu tun hat, wie alle Horrorgeschichten der letzten Jahre beweisen.

Barbarischer Vorfall oder Erfahrung des Lebens

Die älteren Bürger können sich noch daran erinnern, dass bis in die 70er Jahre auf dem Lande die Hausschlachtung noch gang und gäbe war. Kinder jeden Alters waren noch beteiligt, wenn das übers Jahr gemästete Schwein, zu Weihnachten die Gans oder der Truthahn, immer wieder eines der Hühner und natürlich auch das Kaninchen plötzlich nicht mehr da waren, das Schwein nach lautem Geschrei nun an einer Leiter aufgehängt ausblutete. Man war vielleicht stolz, schon beim Wurstmachen helfen zu können, juchzte als kleiner Mensch, wenn das kopflose Huhn noch über den Hof rannte. Dies haben alle Menschen über Jahrtausende hautnah erlebt und der psychische Schaden hat sich in Grenzen gehalten. Im Gegenteil nehmen seelische Probleme seit den 80er Jahren sprunghaft zu, die immer größer werdende Entfremdung vom eigentlichen Leben zeitigt Folgen. Nicht nur Fleisch, Gemüse und Obst wurden in Plastikfolie eingeschweißt, auch die Menschen leben in einer immer künstlicher werdenden Umgebung, ganz besonders natürlich in den Städten.

Erst Naturkatastrophen werfen die Menschen aus der Barbiewelt

Was gerade in Japan passiert, das Erdbeben in Haiti, scheinen vielen Menschen noch Szenen aus einem Katastrophenthriller zu sein, einer Phantasiegeschichte. Auch das absolut andere Leben außerhalb der Grenzen unserer Plastikwelt, in der Kinder schon nicht mehr im Schulbus fahren müssen, sondern vom Mamataxi von Schule zu Musikunterricht und jedem Treffen mit Freunden kutschiert werden, können nicht einmal die Erwachsenen noch nachempfinden. Erst der Atom-Gau lässt die Bürger aufwachen, weil nämlich das nächste AKW nur wenige Kilometer entfernt liegt. Da wird plötzlich unser ganzes Leben in Frage gestellt. Zumindest in der Art der Stromerzeugung. Viel weiter geht das Nachdenken über die Sinnhaftigkeit unseres Lebens nicht, auch das Abschalten der Höllenmaschinen soll bitte nicht zu Einschränkungen des Lebensstils führen. Dass wir hier im scheinbaren Paradies plötzlich genötigt werden, völlig ohne die Errungenschaften der so genannten Zivilisation auszukommen, scheint undenkbar.

Die Ratekauer Schüler waren nicht geschockt, sondern sehr interessiert

„Für das Leben lernen, nicht für die Schule“, war einmal ein Spruch, den die Schüler immer nicht anerkennen wollten. In Ratekau erklärte die Schülermittverwaltung (SMV) nun, dass die Schüler voll hinter dem Inhalt der Projektwoche „Leben in der Steinzeit“ stehen. Vielleicht sind manche Eltern, der klagende Mediziner besorgt, dass aus den neuen Erfahrungen der Kinder unangenehme Fragen erwachsen. Schon lange sind viele Fundamente dieses Lebens in den Industrieländern erschüttert, auch im Bereich der Lebensmittelproduktion. Die stark wachsende Öko-Landwirtschaft lässt die Tiere nicht mehr in den Großschlachtereien schlachten, schon weil der oft endlose Transport der Tiere dorthin diese unnötig unter Stress setzt und damit das Produkt, nämlich das Fleisch beeinträchtigt. Das Schlachten findet immer mehr wieder dezentral in den Dörfern statt, manchmal auch vor den Augen der Dorfkinder. Zuletzt sei den Klägern der Hinweis auf die Bibel erlaubt, die ausdrücklich die Tiere dem Menschen als Nahrungsquelle zur Verfügung stellt. „Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde. Furcht und Schrecken vor euch komme über alle Tiere der Erde und über alle Vögel des Himmels. Mit allem, was auf dem Erdboden kriecht, und mit allen Fischen des Meeres sind sie in eure Hand gegeben. Alles, was sich regt und lebt, soll eure Nahrung sein.“ (Genesis 9, 1-17) Damit diese aber verzehrt werden können, als leckerer Braten auf dem Tisch erscheinen, müssen sie nun mal getötet werden. Ab welchem Alter diese existenzielle Wahrheit einem Menschen zugemutet werden kann, hat bis vor kurzem niemanden interessiert. Auf dem überwiegenden Rest der Welt stellt sich dieses Problem überhaupt nicht. Dort leben die Menschen einfach. Ganz einfach und ohne Altersbeschränkung.

Volker Marx, Volker Marx

Volker Marx - Nach dem Abitur (1973) Studium der Germanistik, Philosophie und Musik in Göttingen (1974 bis 1976). Dann gehörte ich bis 1981 ...

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